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PARIS / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine Tagung in Paris stellt funktionelle neurologische Störungen in den Mittelpunkt und betont eine Behandlung über das bio-psycho-soziale Modell. In einer Befragung akzeptieren nur 30 % die neurologische Diagnose, während Depressionen und Fibromyalgie deutlich höhere Akzeptanzwerte erreichen. Empfohlen werden eine verlässliche therapeutische Beziehung, wissenschaftlich fundierte Erklärungen und der Verzicht auf wiederholte, rein diagnostische Untersuchungen. Zugleich zeigen Daten zu Komorbiditäten mit Autoimmunerkrankungen, warum die Kommunikation im Versorgungspfad so anspruchsvoll bleibt.

Funktionelle neurologische Störungen: Nur 30 Prozent akzeptieren die Diagnose
Funktionelle neurologische Störungen: Nur 30 Prozent akzeptieren die Diagnose (Foto: IT BOLTWISE)
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Funktionelle somatische und funktionelle neurologische Störungen sind medizinisch real spürbar, aber in ihrer Einordnung besonders komplex. Betroffene berichten über anhaltende Symptome, bei denen sich nach den üblichen Abklärungen keine organische Anomalie nachweisen lässt. Gleichzeitig treten solche Beschwerden häufig neben einer bestehenden Grunderkrankung auf. Genau diese Gleichzeitigkeit beschreibt Brigitte Ranque vom Pariser Europäischen Krankenhaus Georges Pompidou als typischen Kontext: Symptome entstehen nicht im luftleeren Raum, sondern überlagern sich mit körperlichen Diagnosen, die man bereits kennt und für die es oft auch Messwerte gibt.

Für den Therapiealltag bedeutet das vor allem eines: Die Art, wie Ärztinnen und Ärzte erklären, entscheidet über den weiteren Verlauf der Versorgung. Auf einer Tagung der JNMG im CNIT Paris La Défense Ende September 2026 wurden zentrale Bausteine der Behandlung diskutiert: eine verlässliche therapeutische Beziehung, verständliche wissenschaftliche Erklärungen und das konsequente Beenden wiederholter diagnostischer Untersuchungen, sobald die Leitplanken gesetzt sind. Praktisch heißt das auch, Therapieziele sichtbar zu machen, etwa einen geregelten Schlafrhythmus, schrittweise gesteigerte körperliche Aktivität sowie Entspannungsverfahren und Meditation. In der Evidenzlage gilt die kognitive Verhaltenstherapie dabei als Ansatz mit der besten Datenbasis.

Bemerkenswert ist zudem, wie klar die Leitlinienlogik bei der Pharmakotherapie ausfällt: Medikamente sollten nicht systematisch als Standardweg eingesetzt werden. Psychiatrische Unterstützung wird eher als situativer Hebel verstanden, vor allem in Zweifelsfällen und innerhalb einer kontinuierlichen Nachsorge. Der Grundgedanke dahinter knüpft an die deutsche Patientenleitlinie zu funktionellen Körperbeschwerden an: Betroffene „taktieren“ nicht, sondern leiden, bilden sich die Beschwerden nicht ein und stellen sie auch nicht bewusst aus. Stattdessen soll die Versorgung weg von einer endlosen Ursachensuche führen und stattdessen Mechanismen so vermitteln, dass daraus Handlungskompetenz entsteht. Psychosomatik steht in diesem Modell für das Zusammenspiel von Körper und Erleben; eine rein psychische oder rein körperliche Sichtweise droht jeweils, zentrale Aspekte des Leidens zu entwerten. Unverzichtbar bleibt deshalb die primäre ärztliche Abklärung, weil nur so feststeht, welche organischen Ursachen ausgeschlossen oder bereits mitbetroffen sind.

Genau hier setzt die Stigmatisierung an, die in den vorliegenden Erhebungen besonders deutlich wird. In einer Studie unter Beteiligung der Universitäten East Anglia und Cambridge, geleitet von Melanie Sloan, werden gravierende Versorgungsdefizite im Kontext funktioneller neurologischer Störungen im Zusammenhang mit Autoimmunerkrankungen beschrieben. Laut den Angaben aus der Erhebung führt eine unzureichende Kommunikation bei Betroffenen teils zu starkem Leidensdruck bis hin zu Suizidgedanken. In der quantitativen Auswertung zeigen sich außerdem starke Unterschiede bei der Diagnoseakzeptanz: Depressionen akzeptieren 86 %; Fibromyalgie erreicht 53 %. Funktionelle neurologische Störungen kommen dagegen nur auf 30 % Akzeptanz. Selbst „psychosomatisch“ wird lediglich von 7 % als passende Einordnung akzeptiert. Auch die Perspektiven unterscheiden sich: 72 % der Ärztinnen und Ärzte bewerten psychische Symptome bei einer körperlichen Erkrankung als weniger stigmatisiert, während nur 50 % der Patienten und 48 % der Öffentlichkeit das ähnlich sehen. In einer Untersuchung aus dem Jahr 2024 wird zudem berichtet, dass 41,9 % von 643 Personen mit funktioneller neurologischer Diagnose zusätzlich eine Autoimmunerkrankung aufweisen.

Die Zahlen sind nicht nur sozialmedizinisch relevant, sie berühren auch den Kern der klinischen Diagnostik. Wenn Biomarker fehlen, erfolgt die Erfassung primär über Anamnese und körperliche Untersuchung. Das macht die Qualität der Gesprächsführung zur technischen Komponente des Versorgungsprozesses. Inhaltlich wird nach dem biopsychosozialen Modell vorgegangen, unter Berücksichtigung von Komorbiditäten, Lebensstil und Selbstwirksamkeit. Zusätzlich spielt eine vorsichtige Pharmakotherapie eine Rolle, aber sie steht nicht als alleiniger Dreh- und Angelpunkt im Vordergrund. In der Praxis kommt erschwerend hinzu, dass Schmerzphänomene überlappen können: Bei muskuloskelettalen Erkrankungen treten gemischte Schmerzphänotypen bei mehr als einem Drittel der Betroffenen auf. Dieser häufig nociplastische Anteil kann die Krankheitslast verstärken, selbst wenn einzelne organische Befunde nur begrenzt erklären.

Auch neurobiologische Mechanismen im Verdauungstrakt werden in diesem Zusammenhang herangezogen, weil sie das Körper-Geist-Narrativ mit konkreteren Schnittstellen unterfüttern. Im Magen-Darm-Bereich, etwa bei Gastroparese und funktioneller Dyspepsie, gelten neurobiologische Faktoren als bedeutsam; dabei wird die Rolle des Serotonins hervorgehoben: Rund 90 % des körpereigenen Serotonins entstehen im Darm und nur 5 % in Gehirnneuronen. Die Datenlage zu serotonergen Substanzen ist laut den vorliegenden Informationen noch nicht durch große Wirksamkeitsstudien zu allen Präparaten geschlossen. Dennoch gibt es Hinweise, dass 5-HT4-Agonisten die Magenentleerung häufig beschleunigen und entsprechend empfohlen werden, während 5-HT1a-Agonisten wie Buspiron diese offenbar verzögern. Für die Versorgung ist das eine Einladung, Erklärungen stärker an überprüfbaren physiologischen Pfaden auszurichten, statt nur an Kategorien wie „psychisch“ oder „organisch“ zu hängen.

Für das Gesundheitswesen folgt daraus vor allem eine operative Konsequenz: Diagnoseakzeptanz ist kein „weiches“ Thema, sondern beeinflusst, ob Patientinnen und Patienten im System bleiben, ob sie Therapieangebote annehmen und ob Nachsorge konsequent gelingt. Wenn in Erhebungen nur 30 % die neurologische Diagnose akzeptieren, muss die kommunikative Brücke früh gebaut werden – gerade dann, wenn Autoimmunerkrankungen die medizinische Biografie bereits prägen. Teams brauchen dafür Schulungsbausteine, klare Leitplanken gegen wiederholte Diagnostik ohne neuen Erkenntnisgewinn und ein Vorgehen, das Selbstwirksamkeit messbar unterstützt, etwa über strukturierte Aktivitäts- und Schlafprogramme. Für Unternehmen und Digital-Anbieter im Gesundheitsumfeld liegt der Hebel dabei weniger in „mehr Algorithmen“, sondern in der besseren Übersetzung: verständliche Erklärformate, Therapiepfade mit nachvollziehbarer Logik und Unterstützung, die das biopsychosoziale Vorgehen in den Alltag überträgt, ohne Stigma zu verstärken.

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