BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine DIHK-Sonderauswertung zeichnet ein düsteres Bild: Zwei Drittel der Gastbetriebe kämpfen mit Finanzproblemen, jedes zehnte Unternehmen sieht die Zahlungsunfähigkeit in greifbarer Nähe. Neben hohen Energie- und Personalkosten verschärfen weitere Faktoren die Lage – von EU-Verpackungsvorgaben bis zu Warnstreiks und einem belastenden Buchungsfall. Für Betreiber bedeutet das: kurzfristige Kostensenkung, Liquiditätsplanung und schnellere Anpassung an regulatorische sowie digitale Prozesse sind jetzt entscheidend.

Gastgewerbe unter Druck: Jede zehnte Firma in Deutschland meldet Insolvenzgefahr
Gastgewerbe unter Druck: Jede zehnte Firma in Deutschland meldet Insolvenzgefahr (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Zahlen aus dem Gastgewerbe wirken wie ein Stresstest für die gesamte Dienstleistungsökonomie: Laut einer Sonderauswertung des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) von Anfang Juni kämpft ein Großteil der Betriebe mit finanziellen Schwierigkeiten, und etwa jedes zehnte Unternehmen meldet eine drohende Insolvenz. Besonders auffällig ist die Diskrepanz zwischen Unternehmensalltag und verfügbarer Reserve: In vielen Häusern sind die kurzfristig erzielbaren Umsätze zu niedrig, um steigende Fixkosten aufzufangen. Damit verschiebt sich das Risiko von der „schwierigen Saison“ hin zu einem Problem der Zahlungsfähigkeit, das sich in Phasen schneller verschärfen kann.

Im Kern treiben zwei Kostentreiber die Lage: anhaltend hohe Energiepreise und erhebliche Personalkosten. Für Restaurants, Hotels und andere gastronomische Formate bedeutet das, dass Margen nicht nur dünn werden, sondern schlichtweg aufgezehrt sind, selbst wenn die Auslastung nur zeitweise stabil bleibt. Entsprechend skeptisch ist die Branchenstimmung: Nur rund 27 Prozent bewerten ihre Lage als gut, während 23 Prozent sie als schlecht einschätzen. Fast ein Drittel rechnet zudem mit einer weiteren Verschlechterung. Für viele Betriebe mündet diese Erwartung in harte Personalentscheidungen, wobei bereits mehr als jedes fünfte Unternehmen Personalabbau plant.

Dass die Zahlungsfähigkeit nicht allein über „bessere Preise“ zu sichern ist, zeigt auch der Blick auf die operativen Realitäten: Energieverbrauch und Personaleinsatz sind schwerer zu steuern als etwa Marketingbudgets. In der Praxis wird daher stärker auf kurzfristige Hebel gesetzt – etwa flexible Schichtmodelle, effizientere Warenwirtschaft und Beschaffungsstrategien, die Preisrisiken abfedern. Technisch betrachtet wird dabei häufig deutlich, wie wichtig datengetriebene Steuerung in der Gastronomie ist: Forecasting für Einkaufsmengen, automatische Preisanpassungen entlang von Rohstoffkosten oder eine präzisere Reservierungs- und Auslastungsplanung können Liquidität stabilisieren. Der Vergleich zum klassischen Ansatz „nach Gefühl“ ist heute entscheidend, weil Zeit für Experimentieren fehlt.

Gleichzeitig läuft das Geschäft nicht im luftleeren Raum: Während Traditionsbetriebe unter Druck geraten, wagt ein US-Riese einen neuen Schritt. Taco Bell eröffnet die ersten frei zugänglichen Restaurants in München. Der bayerische Gastronom Christian Lehmann von der LHG Holding hat dafür Pachtverträge unterschrieben; innerhalb von fünf Jahren sollen 15 Standorte in München, Nürnberg und Passau folgen. Das Unternehmen gehört zum Konzern Yum Brands und betreibt weltweit mehr als 8.000 Restaurants – in Deutschland gab es frühere Verzögerungen. Marktbeobachter werten solche Expansionen als Signal dafür, dass Investoren selektiv Chancen sehen, etwa wenn Standorte, Verträge und Lieferketten besser kalkuliert sind als bei vielen Bestandsbetrieben. Aus Wettbewerbssicht erhöht das den Druck, Differenzierung über Prozessqualität und Servicekonstanz statt nur über Preisnachlässe zu liefern.

Parallel dazu häufen sich Hinweise auf strukturelle Belastungen in der Breite des Marktes. So hat die Halberstädter Konserven GmbH Anfang Juni ein Insolvenzverfahren beantragt, verbunden mit Stillstand in der Produktion; bereits zuvor wurde nach einem Käufer gesucht. Auch im Hotelbereich gibt es Unruhe: Die insolvente Revo-Gruppe steht vor einem Verkauf, fünf Investoren sollen rund 120 Hotels übernehmen, darunter das Vienna House Easy in Osnabrück. Solche Konstellationen sind nicht nur wirtschaftlich relevant, sondern auch operativ, weil bei Übernahmen oft IT-Prozesse, Lieferantenverträge und Buchungskanäle synchronisiert werden müssen. Gerade hier zeigt sich eine technische Dimension der Krise: Migrationsrisiken, Schnittstellenprobleme und uneinheitliche Datenqualität können die Umsetzung von Sparmaßnahmen verzögern.

Neben Kosten und Wettbewerb kommt regulatorischer Druck hinzu. Ab dem 12. August 2026 tritt in der EU eine neue Verpackungsverordnung in Kraft; ab 2030 sind Einweg-Kunststoffportionspackungen für Ketchup, Mayonnaise oder Kaffeesahne beim Verzehr vor Ort verboten. Für Betreiber heißt das, rechtzeitig in Alternativen zu investieren und Prozesse bis in den Einkaufs- und Spenderbestand hinein anzupassen. Im Vergleich zu bisherigen Nachhaltigkeitsinitiativen ist diese Vorgabe deutlich verbindlicher, weil sie konkrete Produkte und Anwendungsfälle adressiert. Branchenexperten betonen daher, dass Compliance nicht „am Ende“ erledigt werden darf, sondern bereits in die Beschaffungsplanung und in die Dokumentation von Lieferketten übergehen muss. Wer das unterschätzt, riskiert teure Umstellungen, Nachkalkulationen und im Worst Case Abmahnrisiken.

Zu den Belastungen gesellen sich außerdem Image- und Arbeitskampf-Effekte. Ein Fall in der Oberpfalz erzittert den Branchenfrieden: Ein Hotel in Lam lehnte eine Buchungsanfrage aus Israel mit diskriminierender Begründung ab; die bayerische Justiz ermittelt wegen Volksverhetzung. Buchungsplattformen und regionale Tourismusseiten nahmen den Betrieb aus ihrem Angebot. Obwohl der Juniorchef später von einem Irrtum sprach und Angst vor betrügerischen Buchungen anführte, wird klar: Digitale Reservierungsprozesse sind nicht nur ein Vertriebsthema, sondern auch ein Risiko für rechtssichere Kommunikation, Transparenz und Datenschutz. Ergänzend legten Warnstreiks der Gewerkschaft Verdi am 4. und 5. Juni Teile des Handels sowie Bereiche des Dienstleistungssektors lahm. Für Unternehmen wird das zum Projekt: Kostensenkung und Liquiditätssicherung müssen mit belastbarer Personalplanung und sauberer Compliance-Verarbeitung zusammenlaufen.

Der Ausblick richtet sich damit auf drei Engpässe, die Unternehmen in den nächsten Monaten parallel bearbeiten müssen. Erstens entscheidet Geschwindigkeit: Wer schnell rechnet, Szenarien für Liquidität erstellt und Kostenposten priorisiert, kann Insolvenzrisiken früher dämpfen. Zweitens wird die Digitalisierung vom „Nice-to-have“ zum Stabilitätsfaktor, weil Reservierungsdaten, Energiekosten und Einkaufsmengen zusammengeführt werden müssen, um Entscheidungen besser zu begründen. Drittens werden Regulierung und Betriebsethik miteinander verknüpft: Verpackungsvorgaben, rechtssichere Buchungskommunikation und belastbare Arbeitsbeziehungen sind zusammen ein Risiko-Portfolio. Wenn Traditionsbetriebe insolvenzanfällig sind und gleichzeitig aggressive Wettbewerber wie Taco Bell in Deutschland investieren, bleibt für viele Häuser nur der Weg über stabile Prozesse, klare Verantwortlichkeiten und eine belastbare Datengrundlage.


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