LONDON (IT BOLTWISE) – Eine große Studie aus Dänemark und Spanien zeigt, dass Plaques in den Arterien bei vielen Menschen bereits im jungen Erwachsenenalter nachweisbar sind. Untersucht wurden 16.800 Personen ohne bekannte Herz-Kreislauf-Erkrankungen, bei denen bei 57,1 % Plaques gefunden wurden. Herkömmliche Risiko-Scores erfassten dabei nur einen kleinen Teil der stillen Arteriosklerose. Forschende diskutieren deshalb vor allem früh einsetzende Diagnostik wie tragbaren Ultraschall und KI-gestützte Bildauswertung.

Gefäßveränderungen wachsen häufig schleichend und bleiben lange ohne klinische Symptome. Genau dieses „stille“ Stadium rückt nun stärker in den Fokus: In einer großen Untersuchung dänischer und spanischer Wissenschaftler, die im New England Journal of Medicine veröffentlicht wurde, zeigte sich, wie früh Plaques in den Arterien auftreten können. Insgesamt nahmen 16.800 Personen im Alter von 18 bis 70 Jahren teil, bei denen zuvor keine Herz-Kreislauf-Erkrankungen bekannt waren. Das Ergebnis ist vor allem aus Präventionssicht brisant: Bei 57,1 % fanden die Forschenden bereits Plaques in den untersuchten Arterien.
Der Altersverlauf verschiebt sich dabei deutlich nach vorne. In der Altersgruppe der 60- bis 70-Jährigen lag der Anteil bereits bei 90 %. Noch auffälliger ist jedoch, dass sich solche Ablagerungen nicht auf das späte Lebensalter beschränken: Daten aus weiteren demografischen Auswertungen deuten darauf hin, dass bereits 1 von 13 Erwachsenen im Alter von 18 bis 29 Jahren entsprechende Ablagerungen aufweist. Zusammengenommen entsteht ein Bild, in dem die Arterien bei einem nicht unerheblichen Teil der Bevölkerung früh „umgebaut“ werden, lange bevor klassische Warnzeichen auftreten.
Auch geschlechtsspezifische Unterschiede und Grenzen gängiger Risikomodelle werden in der Studie sichtbar. Männer entwickeln die Gefäßablagerungen demnach fünf bis zehn Jahre früher als Frauen. Gleichzeitig beobachteten die Forschenden bei Frauen zwischen dem 40. und 60. Lebensjahr einen besonders starken Anstieg der Plaquemenge. Für die Diagnostik ist das relevant, weil etablierte Diagnoseverfahren an ihre Grenzen stoßen: Herkömmliche Risiko-Scores erkannten laut Studie nur einen kleinen Teil der Betroffenen mit einer solchen stillen Arteriosklerose. Wenn das Risikomodell also zu selten „Alarm“ schlägt, verschiebt sich die Frage vom reinen Risikoscore hin zur geeigneten Bildgebung, die die Erkrankung in ihrem frühen, noch symptomlosen Zustand sichtbar macht.
Die Studie nennt als mögliche künftige Lösung den Einsatz tragbarer Ultraschalltechnik, allerdings mit dem Hinweis, dass dafür weitere klinische Studien nötig sind. Im Kern geht es um das Timing: Wenn eine sichere Erkennung direkt vor dem Auftreten eines Herzinfarkts oder Schlaganfalls gelingt, könnten sich Behandlungsstrategien deutlich früher einsetzen lassen. Parallel dazu arbeiten verschiedene Ansätze an einer frühzeitigeren Risikobewertung. So kann ein CAC-Scan (Coronary Artery Calcium) mittels Computertomografie kalzifizierte Plaques in den Herzkranzgefäßen sichtbar machen und dauert nach Angaben aus dem Umfeld der Bildgebungsforschung etwa zehn Minuten; der Aufwand wird häufig mit rund 100 US-Dollar beziffert. Als Ergänzung zu Bildgebung werden auch KI-Modelle diskutiert, die Muster in medizinischen Daten schneller erkennen sollen als rein regelbasierte Auswertungen.
Konkrete Beispiele aus der digitalen Diagnostik zeigen, wie KI in der Praxis unterstützen kann. Das Projekt Aitheroscope des Hospital Universitario Infanta Leonor in Madrid wird dabei in Zusammenarbeit mit Horus ML weiterentwickelt; berichtet wurde über ein Modell, das in einer Kohorte von 931 Personen ohne zuvor bekannte kardiovaskuläre Erkrankung anhand von Netzhautbildern eine Genauigkeit von 0,80 erreichte. Mit Hinzunahme weniger klinischer Daten stieg der Wert auf 0,86; außerdem erkannte das System 93,4 % der Betroffenen und lieferte in über 90 % der Fälle ein zuverlässig negatives Ergebnis. Besonders gut schnitt es den Angaben zufolge bei jüngeren Personen sowie bei niedrigem oder mittlerem Risiko ab. Für die Einordnung ist zudem wichtig, dass Risikoprofile nicht nur „biometrisch“ sind: Vermeidbare Lifestyle-Faktoren wie Tabak- oder Drogenkonsum können das frühe Auftreten von Gefäßveränderungen verstärken; in einer Beobachtungsstudie, die den Zeitraum 2021 bis 2025 betrachtet, wurden in den jüngeren Gruppen deutlich höhere Raten nachgewiesener Substanzen berichtet.
Wenn sich das frühe Stadium tatsächlich erkennen lässt, rückt die nächste Frage nach der Therapiewirkung in den Mittelpunkt. Die Datenlage deutet darauf hin, dass frühzeitige und intensivere Behandlungen nicht nur das Fortschreiten bremsen, sondern teils auch Veränderungen abmildern können. Eine Studie in JAMA Cardiology begleitete 104 dänische Herzpatienten über 18 Monate: Eine Standardbehandlung mit 40 Milligramm Atorvastatin täglich verringerte die Arteriosklerose im Schnitt um 14 %. Dagegen erzielte eine intensivierte Strategie mit 40 Milligramm Rosuvastatin plus 10 Milligramm Ezetimib täglich eine Reduktion um 21 %. In der intensiv behandelten Gruppe ging die Verkalkung der Herzkranzarterien bei 9 von 10 Patienten zurück; der fettige Plaqueanteil sank um rund 30 %.
Für Unternehmen und Gesundheitsdienstleister heißt das: Die Wertschöpfung verschiebt sich von „Reaktion“ zu „früherer Intervention“. Technisch bedeutet das auch, dass Bildgebung, Datenintegration und Modellvalidierung stärker zusammenrücken müssen: Ein CAC- oder Ultraschall-Workflow ist nur dann hilfreich, wenn er in Prozesse wie Risikostratifizierung, Nachverfolgung und Therapieentscheidungen eingebettet werden kann. Historisch betrachtet hat die Kardiologie schon mehrfach versucht, Labor- und Risikodaten durch bildgebende Marker zu ergänzen; der Unterschied heute liegt vor allem in der Geschwindigkeit und Skalierbarkeit durch moderne KI-gestützte Auswertung sowie in der wachsenden Zahl an Datenquellen, die sich miteinander verknüpfen lassen. Am Ende steht die gleiche Leitidee: Wer stille Arteriosklerose früher erkennt, kann Behandlungskorridore enger ziehen und damit möglicherweise verhindern, dass aus einer unauffälligen Phase später ein akutes Ereignis wird.
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