LONDON (IT BOLTWISE) – Laut einer Analyse von Kpler könnte ein Teil der gestiegenen Öltransporte durch die Straße von Hormus auf heimliche Zahlungen der Golfstaaten an Iran zurückgehen. Die Daten zeigen zwar, dass mehr Rohöl aus dem Nahen Osten abfließt, gleichzeitig bleiben die Transportwege stärker gefährdet. Medienberichte nennen dabei eine Mischung aus Umgehungen über Offshore-Routen, Pipeline-Nutzung und erhöhten Kosten durch Risikoabsicherung. Offen bleibt, ob es sich um einen strukturierten Mechanismus oder eher um einen informellen Sicherheitsrahmen handelt.

Die Straße von Hormus ist in den letzten Monaten wieder zum zentralen Engpass der Energieversorgung geworden, auch wenn die Ausfuhrzahlen aus dem Nahen Osten inzwischen auf Werte zurückkehren, die zeitweise sogar über dem Niveau vor dem Konflikt lagen. Provisorische Daten des maritimen Tracking-Anbieters Kpler zeigen für die letzte Septemberwoche vier Tage, in denen Rohölexporte aus der Region zwischen 19,5 und 22,5 Millionen Barrel pro Tag (bpd) erreichten; vor dem Kriegsbeginn hatte das Niveau im Schnitt bei etwa 18 Millionen bpd gelegen. Der Befund wirkt auf den ersten Blick beruhigend, denn er passt zu der Beobachtung, dass US-Schiffe Tanker stärker durch den kritischen Korridor „schaperonieren“ und dass außerdem mehr Schiffs-zu-Schiffs-Transfers stattfinden, die das Zielrisiko durch iranische Raketen und Drohnen senken sollen.
Genau hier setzt jedoch eine zweite, brisantere Erklärung an: Eine Kpler-Analystin brachte zuletzt die Möglichkeit in den Raum, dass einige Golfstaaten Iran für die Durchleitung ihrer Ladungen bezahlen könnten. Michelle Brohard, head of policy and geopolitical risk bei Kpler, sagte dazu laut Bericht: „I suspect there is a toll that’s being paid, which is giving these ships safe passage, “ und ergänzte: „I also suspect that these countries know that this is unsustainable … and also unsustainable from them paying Iran 10 percent of their cargo, or 20 percent of their cargo.“ Im selben Kontext beschrieb sie eine Dynamik, bei der Unternehmen und Staaten „as much as possible, as quickly as possible“ herausbringen wollen, solange die aktuelle Lage offenbar noch funktioniert. Wichtig ist: Die Behauptung wurde nicht unabhängig verifiziert, und Brohard präsentierte sie als Spekulation statt als evidenzbasierte Feststellung.
Wer den Mechanismus dahinter dennoch plausibel einordnen will, muss ihn von klassischen „Tolls“ im Sinne einer formalen Mautgebühr unterscheiden. Bereits im März hatte ein Schifffahrtsfachblatt berichtet, die iranische Revolutionsgarde habe eine Art „toll booth“-System zur Steuerung des Verkehrs in der Meerenge implementiert. Gleichzeitig kündigte die US-Regierung im Verlauf des Konflikts wiederholt an, Iran solle unter keinen Umständen das Recht bekommen, Gebühren im Rahmen einer möglichen Vereinbarung zu verlangen. Für das Verständnis der Gegenwart zählt zudem, dass sich die Transportrealität nicht nur an der politischen Kommunikation, sondern an technischen und operativen Ausweichstrategien festmacht: Kpler nennt, dass inzwischen etwa 40 Prozent den Weg „bypass Hormuz“ wählen und viele Verläufe nach dem Überqueren der Straße Tanker weiter offshore verlagern; zudem fließt ein relevanter Teil über Pipeline-Netze in Richtung Saudi-Arabien und Vereinigte Arabische Emirate. Ergänzend erwähnen die Daten Lieferungen, die bereits über das Rote Meer abgewickelt werden und damit als Alternative an Gewicht gewinnen.
Auch die Preisbildung bleibt daher ambivalent. Zwar sind die Ölpreise zuletzt marginal gefallen, unter anderem weil die Exporte aus dem Nahen Osten wieder anziehen und die G7 zudem angekündigt hat, 100 Millionen Barrel aus Notreserven freizugeben. Brent lag am Montag laut Bericht bei rund 101,59 US-Dollar je Barrel (minus 0,71 Prozent), während US West Texas Intermediate auf etwa 90,05 US-Dollar fiel (minus 1,2 Prozent). Dennoch bleiben die Kurse deutlich über dem Vor-Kriegsniveau, weil Marktteilnehmer das Risiko einer erneuten Eskalation einpreisen: Auch die Versicherungsprämien gelten als ein wichtiger Treiber, nachdem Befürchtungen vor Angriffen die Kosten nach oben verschoben haben. Susannah Streeter, chief investment strategist bei Wealth Club, verwies zugleich auf die anhaltende Spannung und darauf, dass der Konfliktherd Hormus ein „major flashpoint“ bleibt; ein Angriff auf einen weiteren Tanker habe die Sorge vor zusätzlichen Versorgungsunterbrechungen erneuert.
Ob Brohards Szenario „Gewicht“ besitzt, hängt deshalb weniger an der Frage, ob Iran grundsätzlich Kontrolle ausübt, sondern daran, ob die Kontrolle in der Praxis über vertraglich geregelte Gebühren oder eher über informelle Sicherheits- und Verwaltungsabläufe läuft. Abdul Khalique, head of the Liverpool John Moores University Maritime Centre, ordnete das Konzept zwar als „plausible“ ein, bezeichnete es aber zugleich als „informal security mechanism rather than a formal maritime levy“; außerdem verwies er auf das Seerechtsübereinkommen UNCLOS, das Durchfahrtsrechte durch internationale Meeresengen absichert und damit formale Tolls rechtlich „dubious“ erscheinen lässt. Chris Beauchamp von IG Group stellte die Möglichkeit ebenfalls in den Raum („in part“ möglich), betonte aber, dass das eigentliche operative Problem inzwischen das „problem of shipping“ sei: Der Golf-Shuttle, also das intensive Umverteilen und Weiterleiten mit vielen Schiffen, löse zwar kurzfristig den Abfluss, erfordere aber viele verfügbare Einheiten. Das treibt Frachtraten hoch, verlagert Kapazitäten aus der Region heraus und verlängert für asiatische Käufer teils die Transitzeiten – damit wird aus einer anfänglich eher geopolitischen Story zunehmend eine Frage der Logistikmechanik, die man nicht „über Nacht“ reparieren kann.
Für Unternehmen ergibt sich daraus ein konkreter Blick auf die Planungssicherheit: Selbst wenn Exporte zeitweise wieder nahe an frühere Niveaus heranreichen, bleibt die Steuerung der Transportwege hochgradig dynamisch. Die Kombination aus möglichen informellen Zahlungen, Ausweichrouten (Offshore-Verlagerung, Pipeline-Umleitungen, Routenwechsel über das Rote Meer), erhöhten Versicherungskosten und beobachtbaren Anweisungen im laufenden Schiffsverkehr kann Lieferkettenplanung spürbar beeinflussen. Die nächsten Wochen werden daher weniger daran hängen, ob ein einzelner Erklärungsansatz „gewinnt“, sondern daran, ob die operative Umsteuerung stabil bleibt und ob sich die Risikoaufschläge weiter ausdehnen oder an einer Schwelle stabilisieren.
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