LONDON (IT BOLTWISE) – Modsy-Gründerin Shanna Tellerman startet mit Geom eine KI-Plattform für den Wohnungsbau. Ziel ist es, den zeitintensiven Übergang von der Entwurfsphase zu vollständigen Konstruktions- und Ausführungsunterlagen zu beschleunigen. Die Lösung richtet sich zuerst an Serienhausbauer, die wegen lokaler Bebauungsregeln immer wieder Varianten dokumentieren müssen. Das Startup arbeitet an einem Preismodell mit sowohl Abo- als auch fallbezogenen Service-Gebühren.

Nach dem Ende von Modsy meldet sich Shanna Tellerman mit einem neuen Startup zurück: Geom will den Übergang vom Design bis zu vollständigen Bauunterlagen im Wohnungsbau mit KI deutlich beschleunigen. In der Entwurfsphase, so schildert Tellerman, lassen sich viele Schritte bereits relativ schnell erledigen. Die Verzögerung entsteht jedoch dort, wo Details sauber dimensioniert, beschriftet und in zusammenhängende Zeichnungssätze überführt werden – mit Plänen für Elektroinstallationen, Fundamenten und weiteren Gewerken. Genau dieser Abschnitt, der Wochen oder teils Monate verschlingt, soll laut Geom künftig weitgehend automatisierbar sein.
Technisch betrachtet greift Geom damit einen klassischen Engpass in der AEC-Wertschöpfungskette auf: Bauunterlagen entstehen nicht als ein einziger Dokumentensatz, sondern als konsolidiertes Ergebnis vieler Abstimmungen und formaler Regeln. Serienhausbauer versuchen zwar, Skalierung zu erreichen, sind aber oft durch heterogene lokale Zoning- und Bebauungsvorgaben ausgebremst. Wenn sich dadurch ein „nahezu gleiches“ Haus nur in einzelnen Parametern wiederholt, steigt der Aufwand für die Erstellung von Bauunterlagen sprunghaft, weil Dokumente für jede Variation neu aufgesetzt werden. Tellerman ordnet das Problem als einen Kreislauf aus Erstellung und Korrektur ein: Ausführungsunterlagen müssen für kleine Abweichungen angepasst werden, anschließend werden Fehler behoben – ein Ablauf, der bei tausenden Häusern pro Jahr technologisch besonders teuer wird.
Der Ursprung von Geom liegt laut eigener Darstellung in der Erfahrung aus der Produktion: Nach Modsys Shutdown im Jahr 2022 arbeitete Tellerman drei Jahre beim US-Baukonzern Lennar, der die IP von Modsy übernommen hatte. Als Chief Product Officer baute sie dort Technologien mit, bevor sie die Herausforderungen großskalierter Produktion konkreter in Software übersetzte. Diese Perspektive ist für den Markt entscheidend, denn sie verschiebt den Fokus von „schöneren Entwürfen“ hin zu systematisierbarer Dokumentenproduktion. Modsy habe vor allem Werkzeuge geliefert, die Innenraum-Designer effizienter machten; Geom positioniert sich dagegen als Angebot für die Architektur- und Ingenieursseite, die ohnehin existiert, statt ein komplett neues Dienstleistungsmodell aufzubauen.
Unternehmen aus der Produktion gelten bei Geom als erste Zielgruppe. Dazu arbeitet Tellerman mit mehreren Bauunternehmen zusammen, darunter Pulte, Century Communities und Meritage. Auffällig ist dabei der konkrete Startpunkt: Geom soll zunächst dort wirken, wo Serienhäuser durch wiederkehrende Muster und wiederkehrende Dokumente strukturell „trainierbar“ sind – also in einem Umfeld mit klaren Bausteinen und hohen Wiederholraten. Tellerman betont zugleich die Größenlogik: Mit vielen Serienbauern lasse sich schneller eine universellere Wirkung erzielen als mit wenigen Einzelfällen im Premium- oder Custom-Bereich. Langfristig schließt sie zwar auch die Anwendung im Custom-Bau nicht aus, entscheidet sich aber bewusst für den Produktionsmaßstab als unmittelbare Chance, weil dort der Wohnraummangel faktisch nicht über individuelle Einzelprojekte gelöst wird.
Die Finanzierung unterstreicht den Anspruch, zügig in den Produktbetrieb zu kommen: Geom habe nach eigenen Angaben Anfang des Jahres 5 Millionen US-Dollar eingeworben, angeführt von Gil & Co. Das Team ist mit „unter 10“ Personen bewusst schlank, und Tellerman ist laut Darstellung bereits seit April im operativen Aufbau. Fünf Monate später folgt die Markteinführung des ersten Produkts – ein Tempo, das zeigt, dass Geom nicht auf ein reines Forschungsvorhaben setzt, sondern auf den schnellen Nachweis von Nutzen im Dokumentationsprozess. Ob KI wirklich die Zeiten bis zum vollständigen Zeichnungs- und Unterlagensatz drastisch verkürzt, bleibt dabei offen; die Richtung ist jedoch klar auf Automatisierung in einem eng definierten „Detailing“-Fenster ausgerichtet.
Auch das Geschäftsmodell ist bewusst zweigleisig geplant: Für einige Kunden soll es ein Abo geben, andere zahlen laut Geom einmalige Service-Kosten für spezielle Aufgaben. Als Beispiel nennt Tellerman das „Mirroring“, also das Spiegeln eines Schemas für ein Haus auf einer Achse – ein typischer Mechanismus bei Serienlayouts, um Varianten ohne komplette Neuentwicklung zu erzeugen. Konkrete Preise nennt Tellerman nicht. Gleichzeitig ordnet sie die wirtschaftliche Dimension über die Architektur-, Ingenieur- und Bauleistungen ein und beziffert die Branche auf 400 Milliarden US-Dollar. Damit siedelt Geom das Problem in einem der größten Dienstleistungsbereiche außerhalb von Recht und Finanzen ein und positioniert sich zugleich in einem Feld, in dem bereits mehrere KI-Startups versuchen, an derselben Schnittstelle Gewinne zu machen.
Für Entscheider in Bauunternehmen liegt der Reiz von Geom vor allem in der potenziellen Verkürzung von Durchlaufzeiten und in der Reduktion manueller Nacharbeit: Wenn Dimensionierung, Annotation und bestimmte wiederkehrende Dokumentenoperationen zuverlässig automatisierbar werden, sinkt der Aufwand für Anpassung und Fehlerkorrektur. Gleichzeitig ist das Risiko in dieser Domäne nicht technologisch, sondern organisatorisch: KI muss nicht nur Ausgaben erzeugen, sondern in bestehende Prozesse und Qualitätsstandards passen, insbesondere wenn mehrere Gewerke und formale Vorgaben zusammenkommen. Tellerman will nach ihren eigenen Erfahrungen aus Modsy zudem bewusst vermeiden, aus einem Tool-Ansatz ein weiteres „AI-gestütztes Architekturunternehmen“ zu machen. Geom setzt daher auf Werkzeuge für existierende Architektur- und Ingenieurstrukturen – ein Ansatz, der die Hürde für die Adoption senken könnte, weil Organisationen ihre Teams behalten und KI als Produktionsbeschleuniger einsetzen können.
Unterm Strich wird Geom damit zu einem frühen Testfall dafür, ob KI-gestützte Automatisierung im Bauwesen über Design- und Visualisierungsschichten hinausgeht und in die „Paperwork“-Kernarbeit der Bauunterlagen einzieht. Wenn die ersten Kunden aus dem Serienbau die versprochenen Zeiteffekte messen können, könnte das Wettbewerbsvorteile entlang der gesamten Supply Chain in der Planungskette auslösen. Für den Markt bedeutet das: Der Nutzen von KI wird weniger an Demonstrationen oder Marketing-Renderings gemessen, sondern am konkreten Takt zwischen Entwurf und Bauzeichnungssatz – genau dort, wo heute noch häufig Wochen und Monate verstreichen.
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