LONDON (IT BOLTWISE) – Die Belastung durch die Gewerbesteuer steigt in Deutschland weiter: In 88 von 706 untersuchten Städten und Gemeinden wurde der Hebesatz angehoben. Der Bundesdurchschnitt klettert um zwei Punkte auf 441 Prozent, während nur fünf Kommunen senkten. Besonders auffällig ist die regionale Spreizung von 250 Prozent bis 580 Prozent. DIHK-Geschäftsführerin Helena Melnikov warnt vor einer „stillen Standortbremse“ und fordert eine dauerhaft bessere Finanzausstattung von Bund und Ländern.

Die Gewerbesteuer rückt in diesem Jahr erneut in den Fokus, weil Kommunen ihre Einnahmen stärker über den Hebesatz steuern als über andere Stellschrauben. Laut einer Auswertung der Deutschen Industrie- und Handelskammer wurden 706 Städte und Gemeinden mit mehr als 20.000 Einwohnern betrachtet. In 88 Kommunen stieg der Hebesatz, in 5 wurde er gesenkt. Damit setzt sich eine Dynamik fort, die sich gegenüber dem Vorjahr beschleunigt hat: 2025 hatten 64 Kommunen erhöht, während vier den Hebesatz absenkten.
Der Bundesdurchschnitt liegt nun bei 441 Prozent und damit zwei Punkte über dem Vorjahreswert. Für Unternehmen ist das weniger eine abstrakte Steuermetrik als eine unmittelbare Größe, die sich in die Kalkulation von Kosten pro Standort übersetzt. Die DIHK-Einschätzung zielt dabei auf den Mechanismus: Die Gewerbesteuer knüpft an die Gewinne der Unternehmen am jeweiligen Ort an, doch über den Hebesatz wird die Belastung zusätzlich verschoben. Wenn Hebesätze steigen, können Kommunen zwar kurzfristig Haushaltslücken schließen; zugleich wächst der Druck auf die ansässigen Betriebe, weil sich die laufenden Standortkosten erhöhen.
Technisch betrachtet zeigt die Entwicklung, wie stark Kommunalfinanzen in Deutschland davon abhängen, dass Einnahmen und Ausgaben zeitlich und strukturell nicht immer zusammenpassen. Der Hebesatz ist ein Instrument, das Kommunen relativ schnell justieren können, während Personal-, Energie- und Sozialausgaben häufig weniger flexibel sind. In der Auswertung wird genau dieser Spannungsbogen beschrieben: Steigende Ausgaben treffen viele Städte und Gemeinden, ohne dass die Einnahmen überall im gleichen Maß wachsen. Besonders deutlich wird das in Nordrhein-Westfalen, das mit einem einwohnergewichteten Durchschnitt von 476 Prozent erneut die höchste Gewerbesteuerbelastung aufweist – bei gleichzeitig mehreren Kommunen mit bundesweit sehr hohen Sätzen.
Auch die regionale Streuung macht die Lage greifbar. Die Spannweite reicht dieses Jahr von 250 Prozent in Monheim am Rhein und Leverkusen bis zu 580 Prozent in Oberhausen und Mülheim an der Ruhr. Zwischen diesen Extremwerten liegen damit 330 Hebesatzpunkte. Für die Standortplanung ist das relevant, weil Unternehmen oft mehrere infrage kommende Orte vergleichen. Selbst wenn der Unterschied bei der Gewerbesteuer nicht allein über Investitionen entscheidet, kann er in der Gesamtkalkulation den Ausschlag geben – etwa bei Projekten mit knapper Liquiditätsplanung oder bei Entscheidungen über Erweiterungen bestehender Standorte.
Bemerkenswert ist zudem das Verhältnis zwischen Erhöhungen und Senkungen: Auf eine Kommune, die den Hebesatz reduziert, kommen laut DIHK-Auswertung fast 18 Kommunen mit Erhöhung. Diese Asymmetrie führt dazu, dass der Steuerwettbewerb innerhalb Deutschlands weiter Richtung höherer Belastung tendiert. Die DIHK-Auswertung ordnet das auch historisch in einen Kontext angespannter Kommunalhaushalte ein. Während die kommunalen Aufgaben tendenziell zunehmen, bleibt die Finanzierung häufig hinter dem Bedarf zurück. Für die Unternehmensseite bedeutet das: Die Steuerlast ist nicht nur standortabhängig, sondern auch von kommunalen Entscheidungen geprägt, die sich in kurzer Zeit verändern können.
Helena Melnikov, Hauptgeschäftsführerin der DIHK, bezeichnet die Gewerbesteuer als „stille Standortbremse“ und argumentiert, weitere Erhöhungen würden den Wettbewerbsnachteil Deutschlands verschärfen sowie Mittel für notwendige Investitionen abziehen. Inhaltlich zielt die Forderung auf eine strukturelle Entlastung: Bund und Länder sollen Städte und Gemeinden dauerhaft und aufgabengerecht ausstatten. Neue Aufgaben dürften nur mit gesicherter Finanzierung übertragen werden; bestehende Aufgaben müssten zudem überprüft werden. Gleichzeitig wird die Vereinbarung von Bund, Ländern und Kommunen als Schritt in die richtige Richtung beschrieben, nach dem Prinzip „Wer bestellt, bezahlt“ bei neuen Aufgaben ab Oktober stärker zu verfahren. Damit sei aber eine Lösung struktureller Finanzierungsprobleme nicht automatisch erreicht.
Für Unternehmen bleibt damit vor allem die Frage, ob es sich bei den aktuellen Erhöhungen um Einzelfälle handelt oder ob sich der Trend in weiteren Kommunen fortsetzt. Die Zahlen liefern dafür ein Indiz: In der Spitze liegen die zehn Kommunen mit den höchsten Werten ausschließlich in Nordrhein-Westfalen, während Brandenburg mit 387 Prozent im Durchschnitt den niedrigsten Hebesatz ausweist. Sachsen-Anhalt verzeichnet den stärksten Zuwachs von 422 auf 427 Prozent, gefolgt von Hessen und Baden-Württemberg. Aus Unternehmenssicht verschiebt sich die Aufmerksamkeit damit von der jährlichen Steuererklärung hin zur kontinuierlichen Standortbewertung: Wenn der Hebesatz als kurzfristig steuerbare Variable stärker genutzt wird, wird die Planbarkeit von Kosten und Investitionsrenditen wichtiger.
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