NEW YORK / LONDON (IT BOLTWISE) – GM zeigt mit seiner neuen vierten EV-Generation, wie stark das Unternehmen auf KI-gestützte Software und zentrale Fahrzeug-Computing setzt. Die neue Central Compute Unit soll 2028 mit dem Cadillac Escalade IQ starten und deutlich leistungsfähiger sein als die bisherigen Systeme. Gleichzeitig kündigt GM eine Autobahn-Autonomie-Funktion für 2028 an, bei der Fahrer Hände und Augen vom Verkehr abwenden können. Für die Entwicklung nennt GM konkrete KI-orientierte Workflows, etwa 300.000 virtuelle Batteriedesigns vor dem Prototypenbau.

GM hat bei seinem jüngsten Schritt in Richtung Software-definierter Fahrzeuge vor allem eines betont: Nicht die klassische Frage nach Fahrgefühl und Federung steht im Zentrum, sondern die Frage, wie das Auto als durchgängige Recheneinheit funktioniert. Im Rahmen seines Technologie-Events GM Forward in New York präsentierte der Autobauer eine vierte Generation seiner EV-Plattform, deren Kern eine neue zentrale Rechen- und Elektroarchitektur ist. Während viele Hersteller weiterhin an einzelnen Optimierungen in Antrieb, Fahrwerk oder Sensorik feilen, verlagert GM den Schwerpunkt auf die Logikschicht dazwischen: Software, die mehrere Fahrzeugsysteme über eine gemeinsame Infrastruktur miteinander verbindet und damit auch Funktionen für Wahrnehmung, aktive Sicherheit und später anspruchsvollere Assistenz-Features koordinieren soll.
Technisch betrachtet setzt GM dabei auf eine Central Compute Unit (CCU), die die bisher verteilten Rechenaufgaben im Fahrzeug stärker bündelt. GM nennt eine Rechenleistung, die bis zu 40-mal höher ausfallen soll als in bestehenden Systemen. Gleichzeitig will der Hersteller durch das Entfernen kleinerer Edge-Computer an den Fahrzeugrändern 30% weniger Verkabelung erreichen. Diese beiden Faktoren greifen ineinander: Weniger Chips bedeuten weniger lokale Schnittstellen, weniger individuelle Schnittstellenwege und damit tendenziell auch weniger Komplexität bei Integration und Produktion. GM stellt außerdem klar, dass die CCU nicht nur für rein elektrische Modelle gedacht ist, sondern in der Logik auch in Fahrzeugen mit fossilem Antrieb nutzbar sein soll; gestartet wird das Konzept aber laut Ankündigung mit dem Cadillac Escalade IQ als technologischem Flaggschiff.
Die CCU soll dabei nicht nur klassische Steuerungsaufgaben für Propulsion und Chassis übernehmen, sondern auch Aufgaben, die näher an KI- und Autonomie-Workflows liegen: Wahrnehmung (Perception) sowie aktive Sicherheitsfunktionen. Damit wird die Rechenleistung zu einer Art „Hub“, der Daten aus mehreren Domänen zusammenführt und daraus Entscheidungen ableitet. GM kündigte außerdem erweiterte Autonomie-Features an, die ebenfalls im Zeitplan 2028 verankert sind: Für das Jahr plant der Hersteller eine Autobahn-Fahrfunktion, bei der Fahrer Hände und Augen vom Verkehr abwenden können, ohne sofort zur Übernahme bereit sein zu müssen. In einem Markt, in dem schnelle Iterationen über Software-Updates zunehmend wichtiger werden, verschiebt sich damit der Wettbewerb von „welche Sensoren“ hin zu „wie schnell und zuverlässig“ die komplette Softwarekette von Entwicklung bis Deployment funktioniert.
Dass dieser Fokus auf Software zeitlich so stark nach vorne rückt, wirkt nicht zufällig. Seit Tesla, Rivian und mehreren chinesischen Herstellern den Markt mit schnelleren Zyklen und softwaregetriebenen Produktversprechen drängen, gelten zentrale Kriterien wie Ride-and-Handling zwar weiterhin, aber sie sind für viele Käufer mittlerweile eher Basisniveau. Für die Differenzierung sorgen in der Praxis vor allem Software-Stacks, Assistenzfunktionen und die Nutzererfahrung, also etwa Navigation, Infotainment und Assistenzlogik. GM beschreibt diesen Ansatz sehr offen: Sterling Anderson, Executive Vice President Global Product und Chief Product Officer, sagte in einem Interview wörtlich: „We think vehicles can become a more capable and helpful part of everyday life if we make them spaces that understand context, reduce friction, and give people back moments that would otherwise be consumed by the demands of the road“.
Beim Blick auf den Branchenkontext wird aber auch deutlich, wie schwer die Umsetzung für etablierte Hersteller ist. Europäische und US-amerikanische Autobauer haben über Jahre versucht, Software-definierte Fahrzeuge stärker in den Griff zu bekommen, doch viele Projekte blieben in der Praxis hinter den Erwartungen zurück. Ein Beispiel ist die Entwicklung im Volkswagen-Konzern, in deren Verlauf es unter anderem bei der Cariad-Einheit zu Problemen kam; daraus resultierte schließlich ein 5,8 Milliarden US-Dollar schweres Joint-Venture-Abkommen mit Rivian. GM dagegen fährt „kapitalintensiv“, wie die Dimensionen der Ausgaben zeigen: Für 2025 nennt der Konzern eine kapitalisierte Software-Amortisation im Umfang von 866 Millionen US-Dollar. Zusätzlich signalisiert der Hersteller, dass er die Entwicklungstaktung erhöhen will, auch um sich gegen chinesische Anbieter zu behaupten.
Gerade der asiatisch dominierte Kostendruck liefert den politischen und wirtschaftlichen Rahmen für die Technik. Chinesische Hersteller bringen Modell- und Technologiezyklen offenbar auf ein Tempo von nur zwei bis drei Jahren, während viele etablierte Programme eher vier bis fünf Jahre benötigen. GM möchte diese Entwicklungskapazität „taktisch“ angleichen; neben Batteriechemie und Autonomie skizziert das Unternehmen, wie KI-gestützte Enterprise-Tools die Entwicklungsarbeit beschleunigen sollen. Ein konkretes Beispiel: Ingenieure hätten vor dem ersten physischen Prototypen eines Lithium-Manganese-rich-Batteriepacks 300.000 virtuelle Designs durchlaufen, wodurch das Konzept nach Angaben von GM innerhalb eines Monats in ein genehmigtes Programm überführt werden konnte. Das Ziel dahinter ist nicht nur Geschwindigkeit, sondern Kostenstabilität in einer historischen Umbruchphase der Branche.
Ob GM damit zurück in die Spitzenposition springen kann, hängt allerdings auch davon ab, ob die Plattformstrategie den harten Test im Produktivbetrieb besteht. Der Vorsprung vieler chinesischer Wettbewerber ist nicht nur technologisch, sondern auch industriell: Ihre Fabriken können mehr Fahrzeuge produzieren, als der Inlandsmarkt schnell aufnehmen kann; in Verbindung mit staatlichen Förderungen und niedrigeren Arbeitskosten gelangen Autos mit sehr aggressiven Preisen nach Europa und bis nach Südamerika. Elon Musk formulierte diesen Wettbewerbsvorteil in einem Earnings-Call 2024 zugespitzt: „they will pretty much demolish most other companies in the world“. Für GM bedeutet das: Autonomie und KI-gestütztes Computing sind notwendig, aber sie müssen in einer Architektur zusammenwachsen, die sowohl Skalierung in der Fertigung als auch robuste Software-Qualität im Alltag ermöglicht.
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