BARCELONA / LONDON (IT BOLTWISE) – GMV erweitert sein Quanten-Portfolio quer über Computing, Kommunikation, Raumfahrt, Sensorik und Post-Quantum-Sicherheit. Im Fokus steht dabei nicht ein einzelner Hardware-Typ, sondern die Integration in bestehende Rechen- und Kommunikationsinfrastruktur. Das Unternehmen testet Quanten- und Quanten-inspirierte Algorithmen für industrielle Probleme und verbindet Quantenprozessoren mit HPC- sowie KI-Umgebungen. Gleichzeitig treibt GMV QKD- und Satelliten-Projekte voran und bereitet klassische Systeme schrittweise auf die Risiken durch zukünftige fehlertolerante Quantencomputer vor.

GMV baut breites KI-/Quanten-Portfolio von Rechenzentren bis QKD
GMV baut breites KI-/Quanten-Portfolio von Rechenzentren bis QKD (Foto: IT BOLTWISE)
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GMV positioniert sich im Quantenbereich bewusst als Integrator statt als Anbieter einer einzelnen Hardwarelinie. Das zeigt sich daran, dass das Unternehmen Quantenprozessoren nicht als Ersatz für klassische Systeme einplant, sondern als Ergänzung zu Hochleistungsrechnern (HPC) und KI-Infrastrukturen. In der Praxis bedeutet das: Rechen- und Kommunikationsstack bleiben bestehen, während ausgewählte Rechenanteile oder Sicherheitskomponenten mit Quanten- bzw. quanteninspirierten Ansätzen ergänzt werden. Damit adressiert GMV ein Kernproblem vieler Quantenprogramme, nämlich die Lücke zwischen „Hardware-Testumgebung“ und „produktionsfähiger Systemintegration“.

Technisch greift GMV dabei auf mehrere Pfade gleichzeitig zurück. Einer davon sind Quanten- und Quanten-inspirierte Algorithmen, die in der Entwicklung und im Proof-of-Concept auf klassischen Rechnern laufen können. Solche Quanten-inspirierten Verfahren nutzen mathematische Ideen aus dem Quantenrechnen, ohne dafür sofort leistungsfähige Quantenprozessoren zu benötigen. GMV setzt diesen Ansatz im spanischen Forschungsprogramm CUCO ein, das laut Unternehmensangaben Algorithmen auf industrielle Problemstellungen aus mehreren Branchen untersucht. Genannt werden unter anderem die Identifikation von Solarstromanlagen über Satellitenbilder, die Prognose von Windbedingungen, die Bewertung von Finanzderivaten und das Design von Katalysatoren. Parallel dazu treibt GMV Q-MIND voran, das die Kombination aus Quantencomputing, KI und fortgeschrittener Informationsverarbeitung untersucht und damit auf hybride Workflows zielt, in denen Quanten-Hardware nur selektiv Teile einer größeren Rechnung übernimmt.

Auch die konkrete Anbindung an bestehende Rechenumgebungen ist Teil der Strategie. GMV nennt Partnerschaften mit IBM und D-Wave sowie die Arbeit mit spezialisierten Plattformen und Quanten-Emulationsinfrastruktur, um auf unterschiedliche Quantenansätze zugreifen zu können. Zusätzlich berichtet das Unternehmen über Integrationsarbeit, bei der ein Quantencomputer in Verbindung mit MareNostrum 5, dem Großsystem des Barcelona Supercomputing Center, eingebunden wurde. Dabei umfasste der Beitrag konventionelle Rechensysteme, Netzwerkkomponenten, Remote-Zugriff sowie den Support für Nutzer. Diese Art von Leistung ist in Quantenprojekten oft entscheidend, weil die „letzte Meile“ zwischen Experiment und wiederholbarem Betrieb fast immer aus Software- und Netzwerkbaugruppen besteht – etwa für Job-Orchestrierung, Daten-/Ergebnis-Shuttling oder Zugriffskontrollen in HPC-ähnlichen Umgebungen.

GMV wirkt dabei nicht so, als würde es auf einen einzigen Durchbruch warten, der alles andere überflüssig macht. In den eigenen Aussagen wird vielmehr differenziert: Beim Quantenannealing, das vor allem auf Optimierungsprobleme ausgerichtet ist, sieht das Unternehmen für bestimmte Anwendungen „vielversprechende“ Ergebnisse. Für Quantum Machine Learning dagegen verweist GMV auf noch notwendige Verbesserungen in der Hardware. Daneben testet das Unternehmen tensorbasierte Netzwerkansätze und weitere quanteninspirierte Methoden, die grundsätzlich auch auf klassischen Systemen laufen. Entscheidend ist: Die Projekte zielen nicht auf einen pauschalen rechnerischen Vorsprung gegenüber bestmöglichen klassischen Verfahren, sondern auf die Auswahl geeigneter Aufgabenfelder und den Aufbau der Infrastruktur, die Quanten- bzw. Quanten-inspirierte Methoden später messbar nutzbar macht.

Die Portfolioidee beschränkt sich nicht auf Rechenzentren. GMV erweitert die Quantenarbeit in Richtung Kommunikation, wo einzelne Technologien schneller in Richtung Einsatzreife gelangen können. Ein Beispiel ist QuKee, das auf die Absicherung von Kommunikationswegen mit Quanten-Technik zielt. Außerdem arbeitet GMV mit LuxQuanta zusammen, einem in Barcelona ansässigen Unternehmen für Quanten-Schlüsselverteilung (Quantum Key Distribution, QKD) über Glasfaser. QKD setzt auf physikalische Prinzipien der Quantenmechanik: Zwei Parteien können Verschlüsselungsschlüssel vereinbaren, während Abhörversuche bei der Schlüsselübertragung erkannt werden. Im Unterschied zur Post-Quantum-Kryptografie benötigt QKD allerdings eine spezielle physische Infrastruktur, weshalb GMV laut Beschreibung seine Expertise in Verschlüsselungs-Key-Management und Raumfahrtkomponenten mit der QKD-Treibertechnologie von LuxQuanta kombiniert.

In Europa knüpft das an Initiativen wie EuroQCI an, das den Ausbau terrestrischer und satellitengestützter Quantenkommunikationsverbindungen für sensible Regierungs- und kritische Kommunikationsanwendungen vorantreiben soll. GMV nennt dabei Projekte wie Eagle-1, Caramuel und SAGA: Eagle-1 soll QKD aus dem niedrigen Erdorbit demonstrieren, Caramuel zielt auf Systeme aus geostationärer Umlaufbahn, und SAGA ordnet sich in den Raumfahrtteil der breiteren EuroQCI-Infrastruktur ein. Zusätzlich arbeitet GMV an HydRON und dem European Data Relay System (EDRS), die auf optischen Kommunikationsstrecken zwischen Satelliten und Bodeninfrastruktur setzen. Diese Programme sind nicht zwingend selbst „Quantenkommunikation“, aber optische Links und die dazugehörige Raumfahrt-Infrastruktur bilden häufig die Grundlage dafür, spätere Sicherheits- oder Quanten-Komponenten technisch anzukoppeln.

Ein weiterer Schwerpunkt liegt in der Sensorik und damit in einem ganz anderen physikalischen Hebel als beim Computing. Im Projekt QUANTICO kombiniert GMV quantenbasierte Messmethoden mit QKD, um Navigationssysteme robuster zu machen, wenn klassische Satellitennavigationssignale gestört sind. Als Prototyp nennt das Unternehmen eine Positionierungsgenauigkeit von bis zu 6 Zentimetern ohne den Rückgriff auf GNSS (Global Navigation Satellite Systems). Das ist besonders relevant für Szenarien, in denen GPS-ähnliche Signale blockiert, gejammt oder verfälscht werden können, etwa in Teilen der Verteidigung, Luftfahrt oder im Transportwesen. Daneben nennt GMV CARIOQA, ein europäisches Projekt zur Demonstration eines Quantenbeschleunigungsmessers im Orbit, der kleine Änderungen im Gravitationsfeld der Erde erfassen soll und damit perspektivisch auch geowissenschaftliche Auswertungen unterstützt.

Für die Sicherheitsseite schließlich adressiert GMV den Übergang von klassischer Kryptografie zu Post-Quantum-Cryptography (PQC). Das Unternehmen betont, dass der Wechsel mehr ist als das Ersetzen einzelner Algorithmen: Organisationen müssen kryptografisch relevante Stellen im System identifizieren, Teile ihrer Architektur umdesignen, Key-Management neu aufstellen und die Fähigkeit schaffen, kryptografische Verfahren bei veränderten Bedrohungslagen auszutauschen. Der zentrale Risikomechanismus wird dabei als „harvest now, decrypt later“ beschrieben: Angreifer könnten heute verschlüsselte Daten abgreifen und sie später mit ausreichend leistungsfähiger fehlertoleranter Quantenhardware entschlüsseln. GMV verweist auf die eigene Aufstellung in Cybersecurity, Defense und kritischen Systemen als Ansatzpunkt, um PQC-Arbeiten an bestehenden Kunden- und Infrastrukturpfaden entlangzubringen. Insgesamt wirkt das Vorhaben wie eine Wette darauf, dass sich der Quantenmarkt nicht um eine einzelne Technologie oder einen einzigen Zeitpunkt herum strukturiert, sondern mehrere Reifegrade parallel entwickelt werden – und dass Integratoren mit System- und Netzwerkexpertise dafür der entscheidende Klebstoff sind.


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