LONDON / LONDON (IT BOLTWISE) – Goldman Sachs erhöht seine Nowcast-Schätzung für die globalen Zentralbankkäufe deutlich und erwartet bis Ende 2026 im Schnitt 60 Tonnen pro Monat. Gleichzeitig fällt der Goldpreis spürbar, weil höhere Zins- und Inflationsrisiken die Opportunitätskosten drücken. Die Divergenz zwischen Nachfragetreiber und kurzfristigem Preisverlauf sorgt für eine neue Diskussion: Abverkauf oder Einstieg vor der möglichen Trendwende?

Gold setzt zurück – Goldman hebt Zentralbankkäufe auf 60 Tonnen
Gold setzt zurück – Goldman hebt Zentralbankkäufe auf 60 Tonnen (Foto: IT BOLTWISE)
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Gold wirkt gerade wie ein Markt, der zwei Signale gleichzeitig verarbeitet: Auf der einen Seite steigen die Erwartungen, dass Zentralbanken künftig mehr Gold als bisher sichtbar kaufen. Auf der anderen Seite fällt der Kurs weiterhin, weil die Zinsseite den Takt vorgibt. Genau diese Spannung macht die aktuelle Debatte so anspruchsvoll für Anleger, denn die langfristige Story wird von Goldman Sachs mit einer kräftig angepassten Nachfrageannahme untermauert – während der kurzfristige Preisimpuls eher von Makro-Variablen und steigenden geldpolitischen Härteerwartungen kommt. Für die Praxis heißt das: Man muss unterscheiden, wann Fundamentaldaten wirken und wann das Zinsumfeld dominiert.

Laut der aktualisierten Nowcast-Schätzung hebt Goldman Sachs die globale Zentralbanknachfrage spürbar an. Für den März liegt der gleitende Durchschnitt nun bei rund 50 Tonnen pro Monat, nachdem zuvor nur etwa 29 Tonnen angesetzt waren. Besonders auffällig ist die Korrektur für Januar: Statt einer relativ niedrigen Erwartung sollen Notenbanken rund 66 Tonnen gekauft haben. Als Begründung verweist die Bank auf alternative Indikatoren wie britische Exportdaten sowie Abflüsse aus Londoner Tresoren. Diese Datenspuren sind wichtig, weil sie zeigen, dass es nicht nur um „Wunschdenken“ geht, sondern um messbare Ströme im physischen Goldhandel.

Im Prognosepfad setzt Goldman dann den Schwerpunkt auf den Zeitraum bis Ende 2026. Erwartet wird eine durchschnittliche Zentralbanknachfrage von 60 Tonnen pro Monat. Das Kursziel bleibt derweil vergleichsweise hoch: Für das Jahresende nennt Goldman als Größenordnung 5.400 US-Dollar. Dass ein solcher Zielpfad trotz kurzfristiger Schwäche möglich ist, liegt häufig an der Trägheit von Reservestrategien. Zentralbanken agieren mit mehrstufigen Planungszyklen und mit dem Blick auf Währungs- und Resilienzrisiken. In anderen Worten: Die Nachfrage kann „spät“ in den Kurs übersetzen, aber sie kann den langfristigen Korridor stabilisieren, wenn Zinsen irgendwann weniger restriktiv werden.

Der kurzfristige Preis ist jedoch klar anders getrieben. Gold notiert im beschriebenen Szenario bei etwa 4.549 US-Dollar und steht auf Sicht von Tagen deutlich im Minus. Auch technisch verliert der Markt Schwung: Der Kurs liegt spürbar unter dem 50-Tage-Durchschnitt, während der RSI um die neutrale Zone herum liegt und damit keine extreme Überdehnung signalisiert. Diese Kombination wird in der Praxis oft als Hinweis gelesen, dass Käufer noch nicht die Kontrolle zurückerlangen. Fundamentale Kaufargumente können in so Phasen zwar vorhanden sein, aber sie werden durch Opportunitätskosten überlagert – insbesondere, wenn reale Renditen anziehen oder die Erwartung weiterer Zinsschritte steigt.

Der Makro-Teil liefert hier den „Gegenspieler“. Treiber sind Zins- und Inflationsnarrative, die wiederum mit Energie- und Geopolitik verknüpft sind. Wenn Marktteilnehmer mehr geldpolitische Härte einpreisen, steigen die Alternativerträge gegenüber zinslosem Gold. Das wirkt unmittelbar auf Bewertungsmodelle, weil Gold im Kern nicht kassiert, sondern „hält“. Dazu kommt die Unsicherheit rund um geldpolitische Übergänge: Im Umfeld der Federal Reserve erhöht ein Vorsitzwechsel bzw. die Phase der kommissarischen Führung die Sensitivität der Märkte auf jedes Signal. So entsteht ein Umfeld, in dem sogar positive Nachfragezahlen kurzfristig nicht ausreichen, um den Kurs zu stabilisieren.

Wie ordnen andere Häuser das ein? Der Markt diskutiert nicht nur Goldman, sondern auch mehrere konkurrierende Kursperspektiven. Genannt werden unter anderem JPMorgan mit einem Ziel von 5.243 US-Dollar für 2026, ANZ mit 5.600 US-Dollar bis Ende 2026 sowie 6.000 US-Dollar bis Mitte 2027 und UBS mit einer Zielmarke um 6.200 US-Dollar. Diese Bandbreite zeigt, dass die zentrale Annahme zwar ähnlich ist – Zentralbankkäufe, geopolitische Risikolage, Diversifizierung – aber der Timing-Mechanismus unterschiedlich modelliert wird. Praktisch bedeutet das: Anleger sollten weniger auf eine einzelne Zahl setzen, sondern auf die Sensitivität gegenüber dem Zinskanal und gegenüber dem Tempo der physischen Nachfrage.

Aus Sicht eines „Risikomanagements“ wird der Bereich um rund 4.500 US-Dollar zur zentralen Schwelle. Fällt Gold darunter, rückt die kurzfristige Schwäche stärker in den Vordergrund, weil technische Marken psychologische und systematische Effekte auslösen können (z. B. Trendfolger-Modelle, Margin-Logiken oder Stop-Mechanismen). Hält der Bereich, kann sich die Debatte rascher wieder auf Zentralbankkäufe verlagern – insbesondere dann, wenn Daten zeigen, dass die physischen Flüsse tatsächlich das angekündigte Tempo erreichen. Hier ist der Vergleich mit früheren Phasen hilfreich: In der Vergangenheit war Gold oft dann fester, wenn restriktive Zinsnarrative nicht mehr eskalieren, während Reservekäufe als stabilisierender Faktor bereits „im Hintergrund“ wirkten.

Schließlich gibt es auch einen regulatorischen und operativen Rahmen, der indirekt relevant bleibt. Zentralbanken und größere Marktteilnehmer unterliegen je nach Jurisdiktion Melde- und Transparenzanforderungen; außerdem spielen Handels- und Verwahrprozesse in etablierten Märkten wie London oder anderen globalen Umschlagplätzen eine Rolle. Für Anleger heißt das: Nicht jede Schlagzeile über Nachfrage ist automatisch gleichbedeutend mit realen, zeitnahen Käufen. Gleichzeitig entstehen Chancen für datengetriebene Marktteilnehmer, die physische Indikatoren, Makro-Kurven (z. B. Zinsstruktur) und Risikoindikatoren zusammenführen. Wenn die Zahlentrigger der Zentralbanken den Zinsdruck überlagern, kann sich der langfristige Erwartungspfad wieder stärker im Kurs spiegeln.


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