SCHLESWIG-HOLSTEIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Goldbeck und CarbonFreed arbeiten seit 2025 zusammen, um den Zertifizierungsprozess für große Photovoltaik-Anlagen zu beschleunigen. Im Mittelpunkt steht die KI-gestützte Online-Plattform „gridcert“, die die Netzanschlussverfahren für Solar- und Speicherprojekte digitalisiert. Dadurch sollen Abläufe standardisiert werden und die projektspezifische Kommunikation ausschließlich über die Plattform laufen. Außerdem ist die Datenhaltung in Deutschland und nach ISO 27001 sowie DSGVO-konform ausgerichtet.

Die Netzintegration großer Photovoltaikanlagen wird in der Praxis oft nicht durch die Hardware ausgebremst, sondern durch den Weg zum formalen „Go“ des Netzbetreibers. Genau an dieser Schnittstelle setzt eine Kooperation zwischen dem Bau- und Dienstleistungsunternehmen Goldbeck und dem Technologie-Startup CarbonFreed an: Ziel ist es, den Zertifizierungsprozess für große PV-Anlagen im Rahmen eigener Projektentwicklungen zu verkürzen und damit die Anbindung an das öffentliche Stromnetz planbarer zu machen. Für Immobilienprojektierer zählt jede Woche, denn eine verzögerte Inbetriebnahme verschiebt den wirtschaftlichen Ertrag und kann den Zeitplan weiterer Gewerke mitziehen.
In Deutschland sind dafür spezifische Zertifizierungen erforderlich, die sich vor allem über die Anlagengröße definieren. Laut Angaben im Projektkontext benötigen Anlagen mit einer Einspeiseleistung ab 270 Kilowatt oder einer Wechselrichterleistung von mehr als 500 Kilowatt ein Anlagenzertifikat des Typs B. Ab 950 Kilowatt wird ein erweitertes Anlagenzertifikat des Typs A verpflichtend. Diese Dokumente sind nicht nur formale Hürden, sondern dienen dazu, technische Anforderungen der Netzbetreiber und die Netzstabilität sicherzustellen. Der Aufwand wirkt daten- und prüfintensiv, weil Unterlagen vollständig, konsistent und in der geforderten Form bereitgestellt werden müssen – und diese Phase wird in vielen Projekten zum zeitkritischen Engpass.
Seit 2025 nutzt Goldbeck dafür die Zusammenarbeit mit CarbonFreed und setzt die KI-gestützte Online-Plattform „gridcert“ ein. Die zentrale Idee: Das Netzanschlussverfahren für große Solaranlagen und Speicher wird digitalisiert und dadurch schneller durchlaufbar gemacht. Dabei geht es weniger um einzelne „Checklisten“, sondern um die Strukturierung des Projektmaterials entlang des Zertifizierungswegs. Marko Ibsch, Geschäftsführer von CarbonFreed, beschreibt den Effekt so, dass sich Abläufe in die bestehenden Goldbeck-Prozesse integrieren und standardisieren lassen. Das Unternehmen stellt außerdem heraus, dass Regularien der Netzbetreiber jederzeit eingehalten werden sollen und die Anlagen sicher in das Netz integriert werden.
Technisch betrachtet übernimmt „gridcert“ die Begleitung des gesamten Netzanschlussverfahrens: Die Plattform sammelt projektspezifische Informationen zu Solar- oder Speicherprojekten, prüft deren Vollständigkeit und führt anschließend eine automatisierte Echtzeit-Prüfung der eingereichten Daten und Formulare durch. Ebenso wichtig ist der Kommunikationsmodus: Die projektspezifische Kommunikation soll ausschließlich über „gridcert“ abgewickelt werden. So entsteht weniger Medienbruch zwischen Ingenieursteams, Projektsteuerung und den jeweils beteiligten Prüfern, weil Dokumente in einem Prozesskontext bleiben. Bei der Umsetzung setzt CarbonFreed zudem auf Rechenzentren, die ISO 27001-zertifiziert sind und in Deutschland betrieben werden; die Speicherung soll DSGVO-konform erfolgen und sich an europäische Datenschutzrichtlinien halten. Für Betreiber und Baupartner zählt das vor allem, weil Netzanschlussdaten häufig personenbezogene oder zumindest betrieblich sensible Informationen enthalten können und die Rückverfolgbarkeit im Prüfprozess wichtig ist.
Auch die Markt- und Unternehmenslogik dahinter ist klar: Photovoltaik ist längst Teil „normaler“ Immobilienentwicklung, nicht mehr nur ein Sonderprojekt. Andreas Harnacke, Geschäftsführer der Goldbeck Facility Services, betont genau diesen Zusammenhang und verknüpft ihn mit dem Ziel, Anlagen schnell und sicher ans Netz zu bringen. Eine schnellere Inbetriebnahme bedeutet dabei einen früheren wirtschaftlichen Ertrag, weil der Zeitraum bis zum Erreichen der technischen Betriebsbereitschaft schrumpft. Für den Ausbau erneuerbarer Energien im Immobiliensektor kann die Wirkung dadurch zweifach sein: Projekte werden schneller realisiert, und die Projektpipeline wird entlastet, wenn Zertifizierungs- und Prüfwege weniger Zeit kosten.
Gemessen wird der Fortschritt der Zusammenarbeit offenbar nicht nur an Pilotcharakter, sondern an konkreten Umsetzungen. Seit dem Start der Kooperation im Jahr 2025 haben Goldbeck und CarbonFreed bereits knapp 20 Solarprojekte mit zusammen circa 18 Megawatt realisiert. Diese Zahl ist vor allem als Indikator relevant, dass die digitale Plattform in wiederholten Projektmustern einsetzbar ist und nicht nur einzelne Spezialfälle abdeckt. Gleichzeitig nennen beide Unternehmen einen weiteren Ausbau der Zusammenarbeit, um die Anzahl der Projekte zu erhöhen, die schnell und sicher abgeschlossen werden können. Für die Praxis bedeutet das: Wenn Zertifizierungszyklen systematisch verkürzt werden, verschiebt sich der Engpass vom formalen Prüfsystem hin zu der eigentlichen Projektumsetzung – und damit wird die Energiewende in Gebäuden auch operativ beschleunigt.
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