VENEDIG / LONDON (IT BOLTWISE) – May el-Toukhy gewinnt in Venedig mit „Woman Unknown“ den Goldenen Löwen und damit den Hauptpreis des Wettbewerbs. Der Film verknüpft eine Nachkriegs-Geschichte in Dänemark mit moralisch schwierigen Entscheidungen, die aus einer Affäre während der Besatzung folgen. Parallel erhalten politisch aufgeladene Arbeiten weitere Auszeichnungen, darunter die Gaza-Doku „NAZA“ und der Regiepreis für „Dau“. Damit rückt das Festival einmal mehr die Frage in den Mittelpunkt, wie stark Filme politische Konflikte und gesellschaftliche Konfliktlinien spiegeln.

Der Goldene Löwe in Venedig geht in diesem Jahr an eine Regisseurin, die schon mit ihrer Themenwahl zeigt, worauf sie beim Kino setzt: May el-Toukhy erhielt mit „Woman Unknown“ den Hauptpreis des Wettbewerbs und damit die wichtigste Auszeichnung der Filmfestspiele. Auffällig ist nicht nur das Ergebnis, sondern auch die Konstellation: Im Wettbewerb war el-Toukhy die einzige Solo-Regisseurin. Genau diese Schieflage machte Jurypräsidentin Maggie Gyllenhaal zum Thema, als sie die Verleihung nutzte, um auf strukturelle Ungleichheit in der Filmbranche hinzuweisen. Im gleichen Atemzug betonte sie aber, dass es ihr bei der Ehrung vor allem um einen brillant inszenierten Film gehe, der sie persönlich stark berührt habe.
„Woman Unknown“ spielt kurz nach dem Zweiten Weltkrieg und folgt einer jungen Dänin, die kurz vor ihrer Hochzeit mit einem wohlhabenden Arbeitgeber steht. Der gesellschaftliche Aufstieg wirkt zunächst wie ein klarer Zukunftsanker, doch ein Geheimnis stellt die Pläne in Frage: Während der deutschen Besatzung hatte sie eine Affäre mit einem deutschen Soldaten. Damit trifft der Film eine Geschichte, die nicht bequem moralisch aufgelöst werden kann. Die Entscheidungslinien der Protagonistin laufen auf einen Konflikt hinaus zwischen Selbstbehauptung und dem Risiko, mit der Vergangenheit konfrontiert zu werden. In der Hauptrolle ist Mathilde Arcel zu sehen, und ihre Darstellung wurde zusätzlich mit dem Preis für die beste Schauspielerin ausgezeichnet. Gerade diese Doppelwirkung – Regie und Darstellerinnenleistung – setzt den Schwerpunkt der Jury spürbar auf die Figurenebene, also darauf, wie Gefühle, soziale Erwartungen und Handlungsdruck im Bild miteinander kollidieren.
Der Hintergrund, vor dem die Handlung erzählt wird, reicht weit über ein individuelles Schicksal hinaus. Nach dem Ende der Besatzung kam es in Dänemark zu gewaltsamen Racheaktionen gegen Frauen, die Beziehungen zu deutschen Soldaten pflegten. Vor dieser Kulisse versucht die Protagonistin, ihre mühsam aufgebaute Existenz zu schützen, bevor das Geheimnis öffentlich wird. Der Film zwingt das Publikum damit in eine Haltung, die nicht nur Empathie verlangt, sondern auch das eigene Urteil problematisiert: Welche Entscheidungen erscheinen im privaten Überlebenskampf vertretbar, und wo kippt moralische Selbstverteidigung in etwas, das andere verletzt oder gefährdet? Regisseurin May el-Toukhy richtet den Fokus genau auf dieses Reiben zwischen Beobachtung und Bewertung. Die Formulierung zielt nicht auf eine Entlastung der Figur, sondern auf eine Störung der Gewissheiten beim Publikum.
Nicht weniger deutlich verschiebt sich der Blick vom persönlichen Drama hin zu einem politischen Brennpunkt: Neben dem Hauptpreis wurden weitere Arbeiten ausgezeichnet, die den diesjährigen Festivaljahrgang als besonders politisch geprägten markieren. Den Spezialpreis der Jury erhielt der Dokumentarfilm „NAZA“ von Yuval Abraham und Rachel Szor. Das Werk hatte bereits bei seiner Premiere starke Reaktionen ausgelöst; bei der Preisverleihung kam es erneut zu ausgedehnten Standing Ovations. Zugleich nutzten die Macherinnen und der zugehörige Auftritt die Bühne, um Kritik an der israelischen, der italienischen und der deutschen Regierung zu adressieren. Inhaltlich setzt der Film bei Entscheidungen an, die im militärischen Kontext getroffen werden: Er zeigt nachts auf den Dächern von Tel Aviv gedrehte Interviews mit 24 Mitgliedern des israelischen Geheimdienstes, wobei Identitäten visuell und akustisch geschätzt werden. Die Interviewpartner berichten in einem nüchternen, bürokratischen Ton unter anderem darüber, wie Ziele in Gaza ausgewählt werden, welche Zahl ziviler Opfer als akzeptabel gilt und welche technischen Systeme dabei eingesetzt werden. Die israelische Armee weist die Vorwürfe aus dem Film zurück und verweist darauf, dass die Hamas militärische Infrastruktur bewusst in zivile Gebiete verlagere.
Damit verknüpft der Film nicht nur einzelne Aussagen, sondern ein konkretes Ausgangsszenario: „NAZA“ beginnt mit dem 7. Oktober 2023, als bei einem Angriff der islamistischen Hamas und weiterer extremistischer Gruppen rund 1.200 Menschen in Israel getötet und über 250 als Geiseln nach Gaza verschleppt wurden. Dieser Angriff wird als Auslöser des Gaza-Krieges dargestellt, verbunden mit anschließenden israelischen Angriffen. Für das Festival ist die Brisanz dabei mehr als thematische Dekoration: Dokumentarische Aufarbeitung militärischer Entscheidungsprozesse konkurriert direkt mit dem, was Zuschauerinnen und Zuschauer im Alltag über Krieg über Nachrichtenbilder aufnehmen. Der Festivalraum wird so zur Debattenfläche, in der nicht nur Positionen ausgetauscht werden, sondern auch die Frage nach der Perspektive verhandelt wird – wer spricht, wer filmt, und wie entsteht Glaubwürdigkeit, wenn Sichtbarkeit technisch vermittelt wird. Genau hier wird ein zentrales Motiv sichtbar, das sich später auch im fiktionalen Teil der Gewinnerlandschaft wiederfindet.
Ein weiteres Beispiel liefert der Regiepreis für „Dau“ an den aus Russland stammenden Regisseur Ilja Chrschanowski. Der Filmpreis wurde mit klaren persönlichen und politischen Bezugnahmen verknüpft: Chrschanowski lebt inzwischen in Berlin und London und widmete den Preis ausdrücklich der ukrainischen Stadt Charkiw sowie den Menschen, die dort im Krieg um Freiheit und Frieden kämpfen. „Dau“ erzählt von einem Physiker, der in die Fänge des totalitären Sowjetsystems gerät und gegen seinen Willen am Bau der Atombombe beteiligt wird. Produziert wurde der Film zwischen 2008 und 2011 in Charkiw in der Ukraine. In der Hauptrolle steht der griechisch-russische Schauspieler Teodor Currentzis, der sich öffentlich nicht von Russlands Krieg gegen die Ukraine distanziert hat. Aus dem Umfeld des ukrainischen Außenministeriums kam laut Stellungnahme Kritik an dem Film; diese Einordnung verstärkt den Eindruck, dass Venedig nicht nur ästhetische Innovation prämiert, sondern auch die politisch aufgeladene Frage stellt, was Kunst im Spannungsfeld globaler Konflikte leisten kann und wo sie Reibung erzeugt.
Der Jury-Großpreis wiederum ging an „Possible Love“ von Lee Chang-dong. Das Sozialdrama erzählt von zwei Ehepaaren, die in sehr unterschiedlichen sozialen Milieus leben und deren Lebenswege über eine Dokumentarfilmproduktion miteinander verbunden werden. Damit schließt sich ein thematischer Kreis: Es geht erneut um den Blick der Kamera, um die Macht, Perspektiven zu bestimmen, und um die Konsequenzen, wenn Beobachtung in Eingriff übergeht. Besonders greifbar wird das im Film „Possible Love“ wie auch in der Beschreibung eines weiteren Preisträgerfilms: Ye-ji dokumentiert Arbeiterfamilien, begleitet den arbeitslosen Ho-seok und seine Frau Mi-ok, die unter den Folgen eines gescheiterten Streiks leiden. Zwischen Ye-ji, ihrem Ehemann Sang-woo und Mi-ok entsteht eine vorsichtige Nähe, die bald kippt. So verschwimmen die Grenzen zwischen Empathie, Beobachtung und Ausbeutung. Das Festival verdichtet damit eine Debatte, die schon lange vor dem diesjährigen Jahrgang läuft: Wie stark kann und soll Film gesellschaftliche Konflikte sichtbar machen, ohne einfache moralische Formeln anzubieten?
Unterm Strich markieren die Auszeichnungen der Filmfestspiele von Venedig einen Jahrgang, der deutlich über Stilfragen hinausgeht. Der Goldene Löwe für „Woman Unknown“ koppelt eine historische Erzählung über die Nachkriegszeit in Dänemark an die Frage nach weiblicher Sichtbarkeit und an komplexe moralische Entscheidungen. Die Aussagen von Jurypräsidentin Maggie Gyllenhaal zur anhaltenden Ungleichheit zwischen männlichen und weiblichen Filmschaffenden unterstreichen die strukturelle Dimension der Geschlechterfrage im Film. Dass May el-Toukhy als einzige Solo-Regisseurin im Wettbewerb den Hauptpreis bekommt, verweist zugleich auf den Nachholbedarf bei der Repräsentation von Frauen hinter der Kamera. Gleichzeitig bringen der Spezialpreis für „NAZA“ und die Regie-Auszeichnung für „Dau“ zwei der aktuell brisantesten Konfliktlagen in den Fokus: den Gaza-Krieg und den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Für Zuschauerinnen und Zuschauer in Deutschland gewinnt Venedig dadurch Bedeutung, die über den Festivalrahmen hinausgeht: Die prämierten Werke dürften hierzulande Diskurse über Verantwortung von Armeen, Regierungen und Kunstschaffenden im Umgang mit Gewalt und Krieg weiter vertiefen.
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