FRANKFURT / LONDON (IT BOLTWISE) – Während der Goldpreis seit Kriegsbeginn im Iran-Kontext zeitweise deutlich nachgegeben hat, sehen viele Marktbeobachter einen längerfristigen Aufwärtstrend. Fondsmanager Ronald Stöferle hält den „Goldbullenmarkt“ für nicht beendet und erwartet bis Ende des Jahrzehnts bis zu 8.900 Dollar je Unze. Er begründet das mit früheren Phasen nach Schocks: lockere Geldpolitik und fiskalische Impulse treffen oft gleichzeitig Inflationserwartungen und damit auch Gold. Zusätzlich ordnet er Gold in eine mögliche Neuorganisation des Währungssystems ein – mit Relevanz für die Portfoliostruktur westlicher Investoren.

Der Goldpreis gerät derzeit zwar unter Druck, bleibt aber für Investoren vor allem deshalb spannend, weil sich hinter den Schwankungen grundlegende Erwartungen an Geldpolitik, Inflation und das künftige Währungssystem verbergen. Laut den Angaben aus dem Marktumfeld ist Gold seit dem Ende Februar 2024 genannten Startpunkt des Irankriegs um rund 18 % gefallen und notiert weiterhin deutlich über dem Niveau des Vorjahres. Genau in solchen Phasen prallen jedoch kurzfristige Makro-Risiken auf längerfristige Portfolioüberlegungen: Wenn Liquidität und Fiskalprogramme die Wirtschaft stützen, verändert sich die relative Attraktivität von „Krisenwährungen“ oft erst mit Verzögerung.
Ronald Stöferle, Fondsmanager und Mitautor des jährlichen Marktreports „In Gold We Trust“, sieht die Rally nicht als abgeschlossen. Sein zentrales Argument lautet, dass nach großen Schocks häufig geldpolitische Lockerungen und fiskalpolitische Stimuli folgen – beides wirkt tendenziell inflationstreibend und damit historisch unterstützend für Goldanleger. Auf dieser Basis prognostiziert Stöferle bis Ende des Jahrzehnts einen Goldpreis von 8.900 Dollar je Unze, was einem jährlichen Plus von 14,5 % entspräche. „Es kommen noch einige gute Jahre auf Gold zu“, fasst er seine Erwartung zusammen.
Für die technische Einordnung lohnt ein Blick auf die Mechanik hinter Goldpreisbewegungen: Gold wird in vielen institutionellen Setups nicht als „Produkt“, sondern als Liquiditäts- und Risikokomponente behandelt, oft eingebettet in mehrjährige Allokationsmodelle. Mathematisch ähnelt die Rolle von Gold in der Portfoliooptimierung häufig einem Hedge gegen reale Wertverluste, wobei Anleger nicht nur den nominalen Kurs, sondern auch das Zusammenspiel aus Renditeerwartungen, Wechselkursen und der realen Verzinsung berücksichtigen. In der Praxis bedeutet das: Selbst wenn Gold kurzfristig nach unten korrigiert, kann es in Szenarien mit anziehender Inflation oder sinkenden Realzinsen weiterhin als stabilisierender Faktor wirken.
Gleichzeitig verändert sich der Marktaufbau selbst: Der Zugang zu Gold erfolgt für viele Investoren heute über börsengehandelte Strukturen oder institutionelle Mandate, wodurch Kapitalflüsse schneller und datenintensiver werden. Als Vergleich lässt sich die Wettbewerbslogik im ETF-Umfeld heranziehen: Anbieter wie BlackRock mit seinem breiteren ETF-Ökosystem oder spezialisierte Gold-ETFs verfolgen jeweils die gleiche Grundidee – Transparenz, einfache Handelbarkeit und kontinuierliches Rebalancing. Dass der Preis trotz kurzfristiger Rücksetzer noch immer mehrere Prozentpunkte über dem Vorjahresniveau liegt, deutet darauf hin, dass die Nachfragekomponenten (z. B. Absicherung und Diversifikation) nicht vollständig „aus dem System verschwinden“. Genau hier setzen Stöferles Aussagen an, indem sie die Wahrscheinlichkeit für eine erneute Aufwärtsphase über das reine Momentum hinaus begründen.
Historisch lohnt die Perspektive „Neuorganisation“ des Währungssystems: Mehrmals in der Wirtschaftsgeschichte mussten Staaten und Währungsräume auf veränderte Rahmenbedingungen reagieren – etwa nach großen geopolitischen Brüchen, Energie-Schocks oder Finanzkrisen. Solche Umbrüche führen oft zu einer Neubewertung von Sicherheitsassets, weil sich das Vertrauen in fixe Geldannahmen verschiebt. Stöferle beschreibt diesen Zyklus als „alle paar Dekaden“ wiederkehrende Neuordnung und sieht Gold dabei als potenziell wichtige Rolle. Diese These wirkt zunächst abstrakt, wird aber in der Portfolio-Realität konkret: In Stressphasen steigt typischerweise die Nachfrage nach Vermögenswerten, die unabhängig von der Leistungsfähigkeit einzelner Emittenten funktionieren.
Für Anleger und Unternehmen ist dabei entscheidend, wie Gold in der Praxis gemessen und gemanagt wird. Viele Finanzteams überwachen Gold nicht nur als Preis, sondern als Beitrag zu Kennzahlen wie Volatilität, Drawdown und Korrelationen gegenüber Aktien- und Bondmärkten. Aus technischer Sicht entspricht das einer fortlaufenden Modellpflege: Datenfeeds, Risiko-Backtests und Szenarioanalysen müssen regelmäßig aktualisiert werden, weil sich Korrelationen über Zeit ändern können. Gerade in der aktuellen Phase, in der eine globale Energiekrise erwähnt wird, können sich Pfade für Inflation und Zinsen anders entwickeln als in früheren „Standard-Szenarien“ – und genau deshalb verlangen robuste Systeme mehr als einen einzelnen Kurszielwert.
Regulatorisch und im Hinblick auf Datenschutz spielt das Thema zusätzlich hinein, auch wenn es auf den ersten Blick weniger „technisch“ wirkt. Institutionelle Investoren und Vermögensverwalter unterliegen je nach Rechtsraum strengen Vorgaben zur Eignung, Dokumentation und zur Risikosteuerung; gleichzeitig müssen Datenflüsse – etwa bei Kundenportfolien, Konto- und Transaktionsdaten – datenschutzkonform verarbeitet werden. Sobald Gold-Exposures in automatisierten Entscheidungsprozessen oder Rebalancing-Pipelines abgebildet werden, steigt die Bedeutung sauberer Audit-Trails: Wer hat wann welche Annahme geändert, und wie wurde die Wirkung auf Risiko-Parameter überprüft? Diese organisatorische „KI-freie“ Governance ist oft der unsichtbare Enabler für stabile Portfolioentscheidungen.
Mit Blick auf die Zukunft lässt sich aus Stöferles Argumentation eine konkrete Implikation ableiten: Unternehmen, die Wertaufbewahrung, Treasury oder strategische Reserven steuern, sollten prüfen, ob ihre Diversifikationsannahmen für Krisenwährungen aktuell genug modelliert sind. Wenn tatsächlich eine Mischung aus geldpolitischer Lockerung und fiskalischer Unterstützung wieder stärker in den Vordergrund rückt, könnte Gold in der zweiten Hälfte des Jahrzehnts ein Portfolio-„Stabilisator“ werden, der nicht nur Inflationsangst adressiert, sondern auch Wechselkurs- und Realzins-Risiken reduziert. Der vordere Zeithorizont bleibt jedoch volatil: Kurzfristige Korrekturen sind möglich, während sich die fundamentalen Treiber erst zeitversetzt entfalten. Für Entwickler und Betreiber von Finanzsystemen heißt das: Risiko-Modelle, Datenqualität und Rechenpipeline müssen auf solche Regimewechsel vorbereitet sein.
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