LONDON (IT BOLTWISE) – Jeremy Grantham ordnet den US-Aktienmarkt in der aktuellen Folge von „The Long View“ als die am wenigsten attraktive Anlageklasse ein. Er hält die Bewertung für überzogen, betont aber zugleich: Das ist keine automatische Crash-Prognose. Für Anleger, die in Aktien investiert bleiben wollen, empfiehlt er breite Streuung über Anleihen, Gold und Rohstoffaktien. Entscheidend ist für ihn außerdem, Marktstimmungen nicht mit belastbaren Daten zu verwechseln.

Grantham warnt: US-Aktien wirken im Vergleich unattraktiv
Grantham warnt: US-Aktien wirken im Vergleich unattraktiv (Foto: IT BOLTWISE)
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Jeremy Grantham, Mitgründer des Asset-Managers GMO, hat seine Einschätzung zur Bewertung von US-Aktien in der Podcast-Reihe „The Long View“ erneut zugespitzt. Auf die Frage, welche Anlageklassen Anleger bei hohen Bewertungen im US-Markt noch in Betracht ziehen könnten, antwortete er sinngemäß, dass nahezu alles attraktiver wirke als eben der US-Aktienmarkt. Der Kern seiner Argumentation ist dabei ein relativer Vergleich: Auch Auslandsaktien seien in verschiedenen Perioden über dem üblichen Maß dessen bewertet, was Anleger langfristig tragen können. Im direkten Vergleich zum US-Markt sei diese Überbewertung jedoch deutlich weniger ausgeprägt.

Interessant ist, wie Grantham seine Warnung begründet, ohne sie in eine harte Zeithose zu stecken. Er mahnt ausdrücklich, dass eine Bewertung, die nach historischen Maßstäben teuer ist, nicht automatisch als Timing-Signal für einen unmittelbaren Kurseinbruch zu lesen sei. Diese Unterscheidung ist für die Praxis wichtig: Viele Portfolioentscheidungen scheitern daran, dass aus einer „zu teuren“ Einschätzung ein „jetzt muss es fallen“ abgeleitet wird. Granthams Rekord in seinem eigenen Narrativ ist dabei ebenfalls lehrreich: Er sagt, er habe nur zweimal explizit zum sofortigen Ausstieg aus dem Aktienmarkt geraten, zuletzt im Januar 2022. Damit rückt er das Thema Risikomanagement stärker in den Fokus als die exakte Marktkalibrierung.

Aus technischer Sicht lässt sich seine Portfoliologik als Kombination aus Bewertungsprüfung und Korrelationseffekt verstehen. Zwar nennt Grantham keine neue Kennzahl, aber die Argumentationsstruktur folgt typischen Bewertungs- und Rendite-Denktraditionen: Wenn Multiples oder Erwartungen für Gewinnwachstum und Risikoprämien nicht mehr zu den langfristigen historischen Mustern passen, sinkt die zu erwartende „Real-Rendite aus Bewertung“. Gleichzeitig setzt er auf Diversifikation über Anlageklassen, um Portfolio-Risiken abzufedern. Konkret nennt er festverzinsliche Wertpapiere wie 30-jährige Anleihen sowie Gold. Das Ziel ist nicht nur „Diversität“, sondern eine andere Sensitivität gegenüber Marktregimen.

Besonders bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang sein Verweis auf Rohstoffaktien als strategische Beimischung. Grantham stellt darauf ab, dass Rohstoffaktien über einen längeren Horizont – er nennt einen Zehnjahreszeitraum – eine negative Korrelation zum breiten Aktienmarkt aufweisen können. Genau an dieser Stelle wird die Theorie in die operative Portfolio-Praxis übersetzt: Wenn eine Anlageklasse in unterschiedlichen Marktphasen gegensinnig reagiert, reduziert sich die Varianz der Gesamtposition oft stärker als durch „breitere Aktienstreuung“ allein. Für Unternehmen und institutionelle Anleger heißt das: Die Asset-Allocation muss so designt sein, dass sie nicht nur Renditezusagen, sondern auch unterschiedliche Makro- und Bewertungsregime übersteht.

Marktseitig ordnet sich Grantham damit in eine längere Debatte ein, die in den letzten Jahren wieder lauter geworden ist: „Permabear“ sein bedeutet nicht zwingend, sofort aus dem Markt zu gehen, sondern die Erwartungsdimension von Bewertungen konsequent als Bremse langfristiger Erträge zu betrachten. Sein Buch „The Making of a Permabear“ – gemeinsam mit dem Finanzhistoriker Edward Chancellor verfasst – liefert dafür den Hintergrund: Es geht um die Gefahren, kurzfristige Marktstimmungen mit der langfristigen Realität von Ertrags- und Bewertungsniveaus zu verwechseln. In der Podcast-Dramaturgie wird zudem deutlich, wie granular die Materialbasis entstand: Grantham übergab rund 1.200 Seiten aus 20 Jahren eigener Quartalsbriefe, die danach überarbeitet wurden, bis Stil und Zeichensetzung dem Qualitätsanspruch entsprachen.

Als Wettbewerbs- und Branchenkontext lohnt sich der Blick über GMO hinaus. Asset-Manager und Datenanbieter liefern zwar ähnliche Zutaten – Bewertungsmodelle, Risikometriken, Makro-Szenarien -, unterscheiden sich aber meist in der Umsetzung: Wie stark werden Modelle in Beratung, Portfolio-Constraints und Trading-Limits integriert? Wie transparent wird mit Unsicherheit umgegangen? In der Praxis konkurrieren hier unterschiedliche Lager: große Index- und Research-Plattformen sowie aktive Häuser mit eigenen Modellwelten. Für den Leser ist entscheidend, dass „Bewertung teuer“ bei vielen Anbietern als Ausgangspunkt vorkommt, aber nicht jeder daraus automatisch ein Risikoreduktionskonzept mit alternativen Treibern (Zinsen, Realwerte, Rohstoffzyklen) ableitet. Auch Morningstar als Reichweiten- und Content-Plattform für Research-Formate spielt dabei eine Rolle, weil sie solche Thesen in die Breite trägt.

Regulatorisch und im Hinblick auf Datenschutz betrifft das Thema weniger die konkrete Bewertung, sondern eher die Entscheidungsprozesse in Unternehmen: Sobald Bewertungen und Korrelationen in Investment-Policies überführt werden, geraten Dokumentationspflichten, Governance und Risikoüberwachung in den Vordergrund. Gerade institutionelle Anleger müssen sicherstellen, dass Annahmen nachvollziehbar sind und nicht nur als „Meinung“ in Risiko-Ausschüssen landen. Dazu gehört auch, dass Datenquellen, Modellannahmen und Aktualisierungsfrequenzen klar beschrieben werden. Granthams Botschaft, jede Marktannahme zu hinterfragen und sich an Daten statt Stimmung auszurichten, lässt sich dabei als Leitlinie für Compliance-taugliche Entscheidungsprozesse lesen.

Für die Zukunft deutet seine Position vor allem auf eine Fortsetzung der „Regime“-Betrachtung hin. In den vergangenen Jahrzehnten gab es wiederholt Phasen, in denen Bewertungen zwar erhöht blieben, der Crash aber ausblieb – oder sich zeitlich anders manifestierte als erwartet. Granthams Ansatz legt nahe, dass Portfolios stärker darauf ausgerichtet werden sollten, selbst bei weiterhin „teuren“ Marktbedingungen handlungsfähig zu bleiben. Für Entwickler und Betreiber von Investment-Plattformen heißt das: Modelle sollten nicht nur Renditeforecasting liefern, sondern auch Korrelationen, Sensitivitäten und Szenario-Übergänge in Echtzeit- oder Near-Real-Time-Workflows abbilden. Wer die Diversifikation über mehrere Assetklassen operativ sauber automatisiert, kann die von Grantham angedeutete Hebelwirkung – größere Verlustpuffer, ohne zwingend sofort aus Aktien auszusteigen – wesentlich konsistenter realisieren.


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