BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Aktivisten von Greenpeace haben in Berlin gegen Fast Fashion protestiert und SHEIN in den Fokus gestellt. In einer Mitteilung werden Vorwürfe laut, dass auf dem Online-Marktplatz verkaufte Kleidung mit Schadstoffen wie PFAS und Phthalaten belastet sei. Greenpeace verweist auf wiederholte Messungen und nennt Beispiele aus Untersuchungen, bei denen mehrere von getesteten Kleidungsstücken EU-Grenzwerte berühren oder überschreiten. SHEIN erklärt zugleich, man respektiere friedlichen Protest, äußert sich aber nicht detailliert zu den Vorwürfen.

Greenpeace protestiert gegen SHEIN: Vorwürfe zu PFAS und Phthalaten
Greenpeace protestiert gegen SHEIN: Vorwürfe zu PFAS und Phthalaten (Foto: IT BOLTWISE)
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Der Protest in Berlin war nicht nur symbolisch: Greenpeace-Aktivisten trugen pinkfarbene Overalls und hielten Banner mit einer Forderung nach Verantwortung ein. Im Zentrum der Aktion stand SHEIN, weil die Organisation nach eigenen Angaben über mehrere Jahre immer wieder gefährlich hohe Konzentrationen von Schadstoffen in Kleidung aus dem SHEIN-Online-Sortiment gefunden haben will. Greenpeace spricht dabei nicht von Einzelfunden, sondern macht die Fast-Fashion-Logik als Treiber für die Probleme rund um Wegwerfkonsum und Umweltbelastung aus. Für die Unternehmenspraxis bedeutet das vor allem eins: Das Thema Chemikalien- und Materialrisiken rückt aus der Nische von Laborberichten in die öffentliche Debatte und damit direkt in den Blick von Einkaufsteams, Compliance-Verantwortlichen und Risiko-Controllern.

Technisch betrachtet geht es bei den Vorwürfen um einen konkreten Problemkreis aus Chemikalien- und Materialwissenschaft: PFAS (oft als „Ewigkeitschemikalien“ beschrieben) reichern sich in Mensch und Umwelt an. Greenpeace verweist in diesem Zusammenhang auch auf Wirkmechanismen, die das Umweltbundesamt für bestimmte PFAS diskutiert, darunter mögliche Effekte auf Stoffwechsel, Hormonhaushalt und Immunsystem. Daneben stehen Phthalate wie DEHP, die hormonähnliche Eigenschaften haben können und laut Greenpeace auch in Verdacht stehen, die Fortpflanzungsfähigkeit zu beeinträchtigen. Wichtig ist: Die Debatte dreht sich damit nicht um „irgendwelche“ Rückstände, sondern um Substanzen, die aufgrund ihrer Persistenz und ihrer biologischen Relevanz im Regulatorik- und Gesundheitsteil der Lieferkette besonders kritisch sind.

Greenpeace unterstreicht die Aussagekraft der Kritik durch konkrete Testergebnisse: Die Organisation nennt für ein Sommer-Setup Untersuchungen des Bremer Umweltinstituts im Auftrag der Deutschen Umwelthilfe. Laut diesen Angaben soll die auf der Online-Plattform verkaufte Kleidung teils stark mit Chemikalien belastet gewesen sein und damit europäische Grenzwerte erreicht haben. Besonders pointiert ist die Zahl: 7 von 18 getesteten Kleidungsstücken sollen gegen EU-Grenzwerte verstoßen haben. Solche Kennzahlen sind für die Wirtschaft oft schwer zu ignorieren, weil sie die Diskussion von abstrakten Markenversprechen auf messbare Compliance-Kategorien verschieben. Gleichzeitig bleibt für Leser entscheidend, was genau geprüft wurde, wie groß die Stichprobe war und welche Parameter die „Grenzwerte“ im konkreten Prüfkontext definieren.

Auch wirtschaftlich hat die Meldung Relevanz, denn Fast Fashion ist in der Praxis eng mit schnellen Design- und Produktionszyklen verbunden. Je kürzer die Time-to-Market ist, desto größer wird das Risiko, dass Material- und Chemikalienprüfungen in der Lieferkette nicht durchgängig mitlaufen, etwa wenn Lieferantenwechsel, Chargenvariation oder unterschiedliche Prüfintervalle zusammentreffen. Genau hier setzt der Greenpeace-Vorwurf an: Die Organisation fordert, Fast Fashion politisch zu bremsen, weil sie die Belastung durch Wegwerfkonsum nicht nur als Umweltproblem, sondern als systemisches Marktversagen betrachtet. Für Unternehmen entsteht daraus ein zusätzlicher Druck auf „Gatekeeping“-Prozesse: Laborfreigaben müssen nachvollziehbar dokumentiert sein, Warentests dürfen nicht nur stichprobenartig laufen, und die Rückverfolgbarkeit von Chargen gewinnt an Bedeutung.

Dass nicht nur Greenpeace die Belastungsthematik aufbringt, sondern auch Umweltbehörden und Verbraucherschutzorganisationen regelmäßig über PFAS- und Phthalat-Risiken informieren, verschiebt die Erwartungshaltung der Öffentlichkeit. In der Mitteilung heißt es außerdem, dass die in Berlin angebotenen Produkte dem EU-Rechtsrahmen genügen müssten, um Gesetzesbrüche zu vermeiden. Gleichzeitig zeigt der Verweis auf Untersuchungen mit Grenzwertüberschreitungen, dass es offenbar Messpunkte gibt, die zumindest im Rahmen bestimmter Tests kritisch ausfallen. SHEIN reagierte nach Angaben der Organisation auf eine Anfrage nicht mit einer inhaltlichen Stellungnahme zu den Vorwürfen, sondern betonte laut Sprecher vor allem zwei Aspekte: man kenne starke Meinungen zur Branche und respektiere das Recht auf friedlichen Protest, solange die Arbeit von Kolleginnen und Kollegen sowie Kundinnen und Kunden nicht beeinträchtigt werde.

Für Entscheiderinnen und Entscheider in Retail, Einkauf und Industriepartnerschaften ergibt sich daraus eine klare Konsequenz: Chemikalien-Compliance ist längst Teil des operativen Risikomanagements, nicht nur ein Etikett auf Produktseiten. Wer Waren in großen Volumina einkauft oder als Plattform agiert, muss sicherstellen, dass Prüfungen nicht bei der ersten Freigabe enden, sondern auch spätere Lieferchargen abdecken. Ebenso wichtig ist die Kommunikation: Sobald externe Tests die Öffentlichkeit erreichen, werden interne Prüfprotokolle und Lieferanten-CoCs (Certificates of Compliance) zum „Audit-Artefakt“ – egal, ob die Ergebnisse politisch bewertet werden oder nicht. Ob die Vorwürfe im Detail vollständig bestätigt werden, hängt dabei von der Transparenz der Testmethodik ab; die vorliegenden Aussagen aus Greenpeace-Umfeld und beauftragten Laboruntersuchungen liefern jedoch genug Material, um Compliance-Workflows und die Lieferkette für gefährdende Substanzen enger zu verzahnen.


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