BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Nach der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus suchen die Grünen eine rot-grün-rote Koalition mit SPD und Linken. Die Partei stellt dabei den Anspruch, gemeinsam Verantwortung zu übernehmen und ein progressives Bündnis für Berlin zu schmieden. Laut ersten Hochrechnungen liegen Linke und CDU besonders weit auseinander, während die Grünen im Vergleich zu 2023 leicht schwächer abschneiden. Für politische Mehrheiten heißt das: Koalitionsarithmetik und Verhandlungen werden jetzt zum zentralen Engpass.

Grüne in Berlin wollen rot-grün-rote Koalition mit SPD und Linken
Grüne in Berlin wollen rot-grün-rote Koalition mit SPD und Linken (Foto: IT BOLTWISE)
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In Berlin kippt die politische Ausgangslage nach der Wahl zum Abgeordnetenhaus in Richtung eines neuen Dreiecks aus SPD, Linken und Grünen. Während die CDU mit Werten von 20,0 Prozent aus den ersten Hochrechnungen heraus gestartet ist, liegt die Linke demnach deutlich vor ihr: 24,8 bis 25,8 Prozent. Die Grünen landen anschließend bei 15,0 bis 15,4 Prozent und damit am unteren Ende dessen, was sie in der Größenordnung der letzten Wahl erreicht haben. Schon diese Zahlen verändern die Verhandlungslogik: Wer politisch gestalten will, kommt nicht mehr an einer Koalition vorbei, die ideologisch und organisatorisch zwischen drei unterschiedlichen Parteikulturen navigieren muss.

Die Grünen machen den Anspruch auf eine rot-grün-rote Konstellation dabei frühzeitig öffentlich. In der Berichterstattung erklären die beiden Landesvorsitzenden Nina Stahr und Philmon Ghirmai, man wolle Verantwortung übernehmen und gemeinsam mit SPD und Linken ein progressives Bündnis für Berlin schmieden. Gleichzeitig verweist der Text auf einen klaren Wechsel im politischen Kurs: „Schwarz-Rot sei klar abgewählt worden.“ Genau in diesem Satz steckt der Kern der Ausgangsdynamik. Selbst wenn konkrete Regierungsressorts noch nicht verteilt sind, signalisiert die Kommunikation, dass eine Fortsetzung der bisherigen Hauptlinie nicht mehr als Option gesehen wird.

Damit rückt die Frage der Mehrheitsbildung in den Fokus – und zwar nicht nur in der Mathematik, sondern in den tatsächlichen Verhandlungsthemen. Denn eine rot-grün-rote Koalition muss so unterschiedliche Prioritäten zu einem arbeitbaren Programm verdichten, dass daraus im Alltag belastbare Entscheidungen entstehen. Für die Stadt bedeutet das: Haushaltsverhandlungen, Prioritäten bei Infrastrukturprojekten und die Ausgestaltung von Landesprogrammen werden unmittelbar danach beurteilt, ob die drei Partner die Differenzen ausgleichen können. Aus Sicht der Technologie- und Digitalbranche ist das besonders relevant, weil Koalitionsentscheidungen indirekt darüber bestimmen, welche Rahmenbedingungen für Vergaben, digitale Verwaltung, Datenarchitekturen und die Modernisierung von Verwaltungsprozessen gesetzt werden.

Technisch betrachtet hängt die praktische Umsetzung digitalpolitischer Vorhaben in Berlin häufig an der Fähigkeit, Förderlogiken und Plattformzusammenhänge über Ressorts hinweg zu koordinieren. Wenn etwa digitale Dienstleistungen neu aufgebaut werden, treffen unterschiedliche Behördenzuständigkeiten aufeinander, und Entscheidungen über Schnittstellen, Identitätskonzepte, Datenschutz-by-design und Betriebskonzepte fallen selten in einer einzigen Sitzungsrunde. Genau deshalb ist Koalitionsfähigkeit mehr als ein Parteien-Statement: Sie zeigt sich daran, ob ein gemeinsames Architekturverständnis entsteht, das nicht bei jeder politischen Verschiebung neu verhandelt wird. Die Erwähnung der Grünen, die mit SPD und Linken Verantwortung übernehmen wollen, legt zumindest kommunikativ nahe, dass man diesen „Durchhalte“-Gedanken im politischen Prozess verankern will.

Der Vergleich mit der Wahl 2023 verweist zudem auf eine zweite Dimension: Stabilität im eigenen Profil versus Anpassung an neue Mehrheitsverhältnisse. Dass die Grünen „etwas schlechter“ abschneide als 2023, kann in Verhandlungen intern unterschiedlich wirken – etwa als Signal, bei bestimmten Themen konsequenter zu sein oder gleichzeitig Kompromissbereitschaft zu zeigen, um die Koalitionsbasis zu sichern. In einer Dreierkonstellation ist das besonders spürbar, weil jedes Prozent, das eine Partei verliert, in der Regel als Forderungsdruck in Richtung Koalitionsprogramm, Personalpolitik oder Priorisierung von Maßnahmen zurückkommt. Gleichzeitig bleibt die CDU zwar nicht chancenlos, aber ihr Ausgangsszenario wird über die Hochrechnungen weniger plausibel für eine Mehrheitsbildung ohne zusätzliche Partner.

Für die nächsten Schritte zählt daher weniger eine einzelne Schlagzeile, sondern der konkrete Verhandlungsrahmen: Welche Arbeitsgruppen werden als erstes gebildet, wie schnell entstehen gemeinsame Eckpunkte für zentrale Ressorts, und wo werden rote Linien definiert? In solchen Phasen entscheidet sich auch, ob Berlin bei technologischen Projekten kontinuierlich bleibt oder ob wegen politischer Neuorientierung Verzögerungen entstehen. Gerade bei Themen rund um digitale Verwaltung, KI-gestützte Prozesse in Behörden und die Standardisierung von Datenflüssen ist die Stabilität der Zielrichtung entscheidend: Software- und Datenmodelle lassen sich nicht „mal eben“ umstellen, wenn die politische Agenda kippt. Dass die Grünen die Verantwortung früh adressieren, kann in diesem Kontext als Versuch gelesen werden, den Zeitraum für solche Grundsatzentscheidungen zu verkürzen.

Unabhängig davon, wie die Verhandlungen am Ende ausgehen: Das Ergebnisprofil aus den Hochrechnungen macht die Lage in Berlin klar. Die Linke startet mit einem deutlichen Vorsprung, die Grünen liegen im Mittelfeld und die SPD wird als drittes Element der möglichen Mehrheit nun besonders relevant. Für Beobachterinnen und Beobachter bleibt damit ein zentraler Punkt offen: Wie schnell gelingt es, aus dem „progressiven Bündnis“-Versprechen eine konkrete Regierungsarbeit zu formen. Für Unternehmen, Verbände und Verwaltungsteams bedeutet das vor allem eins – Planungssicherheit wird zur Währung. Wer in Berlin digitale Projekte umsetzt, wird deshalb genau darauf achten, ob die Koalitionspartner bereits in den ersten Wochen gemeinsame Leitplanken für Umsetzungsplanung und digitale Infrastruktur setzen.


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