HAMBURG / LONDON (IT BOLTWISE) – Hamburg hat die Einführung flexibler Festpreise für Taxifahrten wissenschaftlich begleiten lassen. Laut der Evaluation profitieren sowohl Kunden als auch Taxiunternehmen: Die Zahl der Fahrten steigt, während Fahrten in vielen Fällen für Fahrgäste günstiger ausfallen. Grundlage sind laut Angaben Millionen ausgewerteter Echt-Fahrtdaten aus dem bisherigen Pilot. Offen bleibt nun, wie sich die Politik zur neuen Tariflogik positioniert, bevor die Erprobung zum Februar 2027 ausläuft.

Hamburg verschiebt die Diskussion um Taxipreise weg vom Entweder-oder zwischen Taxameter und festen Tarifen hin zu einem Modell mit gestaffelter Flexibilität. Im Zentrum steht dabei ein „Korridor“, in dem Festpreise je nach Marktsituation angepasst werden können, statt starr an einem einzigen Wert zu hängen. Genau diese Korridore hat eine Studie aus dem laufenden Praxistest herausgearbeitet und dabei sowohl Fahrgastwirkungen als auch wirtschaftliche Effekte für die Taxiunternehmen betrachtet. Ausschlaggebend sind dabei keine theoretischen Rechenmodelle, sondern die Auswertung realer Buchungsdaten.
Für die Studie wurden nach Angaben aus dem Pilot rund 5,5 Millionen Fahrten berücksichtigt, die seit Februar 2024 erfasst wurden. Gesichtet wurden laut Evaluationsbericht Daten, die von der Stadt über Einzelfahrten zusammengeführt wurden – unter Mitwirkung unter anderem des Statistikamts Nord, des Wissenschaftszentrums Berlin sowie der Plattformen FreeNow by Lyft, Uber und Bolt. Im Test zeigte sich demnach ein klarer Zielkonflikt zwischen Planbarkeit und Auslastung: Der feste Preis brachte zunächst mehr Buchungen als die vorherige Abrechnung per Taxameter, zugleich aber sollte die starre Logik gerade bei schwankender Nachfrage nicht zu einer ineffizienten Auslastung führen. Deshalb kamen ab Oktober zusätzliche Korridore hinzu, die zunächst Aufschläge auf den Festpreis erlaubten und später auch Abschläge.
Konkret begann der Versuch nach dem Angabenstand mit einem verbindlichen Festpreis ab Februar 2025 für Fahrten, die über Plattformen gebucht wurden – als Alternative zur Taxameter-Abrechnung. Ab Oktober erweiterten die Regeln dann die Spielräume: Zunächst durften Plattformen für vier Monate bis zu 20 Prozent auf den Festpreis aufschlagen. Danach folgte eine weitere Phase, in der zwischen Mitte März und Mitte Juni zusätzlich Preisgestaltungen bis zu 20 Prozent unter dem Festpreis möglich waren. So entstand eine Art „Bandbreite“ um den Fixwert, die Transparenz für Fahrgäste erhalten sollte, aber die Angebotsseite in Phasen geringerer oder höherer Nachfrage entlastet. Besonders relevant ist dabei, dass nicht nur theoretisch „dynamischer“ gerechnet wurde, sondern dass die Korridorlogik in der Vermittlung tatsächlich genutzt werden musste, um Wirkung zu zeigen.
Die ökonomische Kernaussage lautet: Höhere Flexibilität korrespondiert mit mehr Fahrten und einem insgesamt höheren Umsatz. Professor Andreas Knie vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung bezifferte die Effekte so, dass bereits die Einführung des Festpreises gegenüber dem Taxametermodell zu einem Anstieg der Fahrten um fünf Prozent sowie zu einem Umsatzplus von neun Prozent geführt habe. Mit dem ersten Korridor, in dem Festpreise nach oben um bis zu 20 Prozent angehoben werden konnten, stieg die Zahl der Fahrten gegenüber Taxameter um 14 Prozent, der Umsatz sogar um 19 Prozent. Gleichzeitig wurde aber auch klar: Die Nutzung nach oben blieb vergleichsweise selten, während die Ausweitung nach unten deutlich häufiger in Anspruch genommen wurde. Knie nennt als Folge für den Abschlagsbereich ein Plus von 24 Prozent bei den Fahrten – ein Hinweis darauf, dass Preisreduktionen bei niedriger Nachfrage stärker „ziehen“ als Aufschläge bei bereits guter Auslastung.
Um die Auswirkungen auf das Gesamtjahr einzuordnen, veranschlagt die Studie eine Umsatzwirkung durch die Korridore: Demnach könnte der Umsatz um 32,5 Millionen Euro gegenüber dem nicht anpassbaren Festpreis steigen; zum Vergleich würde das „Taxameter-Niveau“ sogar um 46 Millionen Euro übertroffen. Die Botschaft wird in der Argumentation der Studie recht deutlich: „Mehr Korridore, mehr flexible, transparente Tarife schaffen deutlich mehr Umsätze.“ Zugleich folgt daraus eine praktische Interpretation für den Betrieb: Dass Fahrgäste auf Halteplätzen warten oder ausschließlich zu Taxameterpreisen fahren, habe laut Studienauswertung kein Umsatzplus gebracht – selbst dann nicht, wenn Taxameterpreise zuvor angehoben wurden. Dahinter steckt im Kern ein Verhaltensthema, das in vielen Mobilitätsmärkten wiederkehrt: Wer Preisunterschiede erwartet, trifft seine Entscheidung stärker vorher planend. Das verstärkt die Rolle von Vorab-Transparenz, und zwar nicht nur bei der Buchung, sondern auch im Alltagsgefühl „bezahlen zu müssen oder eben nicht“.
Die Plattformseite bewertet den Test durchweg positiv. Uber-Deutschland-Chef Christoph Weigler sagte laut dpa, dass mehr Fahrgäste einsteigen würden, wenn sie vorher wüssten, was die Fahrt kostet und bei geringer Nachfrage günstiger fahren könnten. Der Präsident von FreeNow by Lyft betonte, dass jede besetzte Fahrt zähle, und sprach in diesem Zusammenhang von zusätzlichen Fahrten pro Stunde und mehr Umsatz pro Stunde sowie weniger Kilometern ohne Fahrgast. Bolt-Deutschland-Geschäftsführer Christoph Hahn ordnete die Ergebnisse ebenfalls in eine größere Branchenperspektive ein und verwies darauf, dass die Zukunft nicht darin liege, andere Mobilitätsangebote einzuschränken, sondern das eigene Potenzial besser zu nutzen. Für die Politik stellt sich damit weniger die Frage, ob Flexibilität technisch oder organisatorisch machbar ist – sondern wie sie rechtlich dauerhaft im Tarifrecht verankert wird, ohne die Akteure zu überfordern. Denn die Taxi-Landschaft ist in Hamburg kleinteilig: Rund 2.700 Taxis verteilen sich auf 1.700 Unternehmen, darunter 1.500 Ein-Wagen-Unternehmen. Je kleiner der Betrieb, desto höher ist typischerweise der Aufwand, neue digitale Abläufe und variable Preislogiken in den Alltag zu integrieren.
Verkehrssenator Anjes Tjarks zieht ein positives Fazit und kündigt an, die flexibleren und nachvollziehbaren Tarife nun mit dem Gewerbe zu diskutieren. Zeitlich entsteht dabei Druck: Die Erprobung neuer Tarifformen in der Hamburger Taxenordnung war auf 24 Monate begrenzt und läuft Ende Januar aus; zum 1. Februar 2027 muss eine neue Verordnung stehen. Dass einzelne Akteure den Pilot nicht mittragen, unterstreicht die Brisanz: Die große Vermittlungszentrale Hansataxi hatte dem Korridor-Test bereits nicht zugestimmt. In der Begründung wird ein Bedürfnis nach verlässlichen Preisen sichtbar, insbesondere der Wunsch, keine Tagesschwankungen zu erleben, die vom Wetter abhängig sind. Genau hier entscheidet sich die Zukunft des Ansatzes: Hamburg könnte als Referenzfall für „planbare Flexibilität“ dienen, wenn der Übergang in die dauerhafte Regelung gelingt. Gleichzeitig zeigt der Fall, dass Tarifmodelle nicht nur über Formeln funktionieren, sondern über Vertrauen, Verständlichkeit und die Fähigkeit, die Logik im Markt tatsächlich konsistent umzusetzen.
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