BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue Befragung zur Jugend-Digitalstudie zeichnet ein deutliches Bild: Viele 16- bis 18-Jährige sehen Social-Media-Sucht bei Menschen in ihrem Umfeld. In Auftrag gegeben von der Postbank berichten acht von zehn Jugendlichen, dass sie Betroffene in ihrem Umkreis wahrnehmen. Zugleich zeigt die Erhebung, dass sich ein Teil der Jugendlichen aktiv gegen aggressive oder unwahre Inhalte abgrenzt, etwa durch das Verlassen von Kanälen oder das Deaktivieren des Profils. Die Ergebnisse passen zu weiteren Angaben über riskante Nutzungsformen bei Kindern und Jugendlichen.

Für viele Jugendliche ist Social Media nicht einfach ein Freizeitformat, sondern ein Bestandteil des Alltags, der sich bei zu langer Nutzung spürbar auf andere Lebensbereiche auswirken kann. Genau diese Logik steht hinter dem Begriff Social-Media-Sucht: Betroffene bleiben nach eigener Absicht länger online, als sie geplant hatten, und die Folgen treten anschließend in Schule, Schlaf, Alltag oder sozialen Beziehungen zutage. In Berlin stützt eine Umfrage der Postbank diese Wahrnehmung mit einer ungewöhnlich klaren Blickrichtung auf das eigene Umfeld: Die große Mehrheit der 16- bis 18-Jährigen gibt an, dass sie Menschen kennt, die nach ihrer Einschätzung suchtartig handeln.
In der Befragung bejahen acht von zehn Jugendlichen, dass es ihrer Einschätzung nach Menschen mit Social-Media-Sucht in ihrem Umkreis gibt. Besonders auffällig ist die Differenz nach Geschlecht: Mädchen und Frauen nennen dabei mit 82 Prozent eine höhere Quote als Jungen und Männer mit 78 Prozent. Damit verschiebt sich der Fokus von einem abstrakten Problem hin zu einer sozialen Realität, die in den eigenen Freundes- und Bekanntenkreisen verortet wird. Solche Kontextdaten sind wichtig, weil sie erklären helfen, warum Präventionsbotschaften häufig auf offene Ohren stoßen: Wenn das Problem sichtbar ist, wirkt Aufklärung weniger wie Theorie.
Auch andere Erhebungen liefern Hinweise auf eine breitere Größenordnung riskanter Nutzung. Laut einer Studie der Krankenkasse DAK-Gesundheit nutzen mehr als ein Viertel aller Kinder und Jugendlichen soziale Medien in riskantem oder sogar krankhaftem Ausmaß. Aus den Angaben wird abgeleitet, dass etwa 350.000 Kinder und Jugendliche als „süchtig nach sozialen Medien“ gelten. Parallel dazu berichtete das Forschungs- und Behandlungszentrum für psychische Gesundheit der Uni Bochum über eine Erhebung, in der bei mehr als einem Viertel eine „suchtartige Nutzung“ gefunden wurde. Entscheidend ist dabei weniger die exakte Wortwahl als die wiederkehrende Größenordnung: mehrere unabhängige Datensignale deuten auf einen relevanten Anteil hin, der über einfache „Nutzungszeiten“ hinausgeht.
Dass Jugendliche diese Risiken gleichzeitig nicht nur erleiden, sondern auch aktiv adressieren, zeigen die Antworten der Postbank-Studie zur Reaktion auf Inhalte. Gut die Hälfte der Befragten gab an, bereits einen abonnierten Kanal verlassen zu haben, weil dort aus ihrer Sicht zu viel Aggression oder Unwahrheiten verbreitet wurden. Zusätzlich nennt ein gutes Drittel, schon einmal das eigene Profil deaktiviert zu haben, um eine Pause von der Plattform einzulegen. Im Vergleich zu den beiden Vorjahren fällt die Zahl derjenigen, die diesen Schritt gegangen sind, allerdings etwas geringer aus. Das kann man als Hinweis lesen, dass die „Abwehrmechanismen“ nicht automatisch stärker werden, selbst wenn die Sorgen im Umfeld zunehmen.
Technisch betrachtet hängt das Wechselspiel aus Suchtneigung und Gegenbewegung häufig mit dem Verhalten der Empfehlungslogiken in Apps zusammen: Empfehlersysteme optimieren typischerweise für Engagement, also dafür, dass Nutzer länger bleiben und mehr Inhalte konsumieren. Wenn die eingesetzten Modelle dabei Muster aus individueller Aufmerksamkeit erkennen, kann das die Eintrittsschwelle für stundenlanges Scrollen senken. Gleichzeitig entstehen aber auch konkrete Ansatzpunkte für Selbstregulierung und für Produktgestaltung: Wenn Inhalte als aggressiv oder unzutreffend wahrgenommen werden, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Jugendliche Kanäle abbestellen oder den Zugang zum eigenen Profil zeitweise stoppen. Genau diese Kombination aus Wahrnehmung, Nutzungsentscheidungen und Plattformreaktionen entscheidet darüber, ob eine Nutzung „passend“ bleibt oder kippt.
Für Unternehmen und Entwickler, die mit Social-Plattformen, Creator-Ökosystemen oder Werbetechnologien arbeiten, ergeben sich daraus mehrere Konsequenzen. Erstens wird Prävention nicht nur über neue Aufklärung funktionieren, sondern über Features, die schnelle Ausstiege unterstützen: etwa einfache Pausenfunktionen, transparentere Anzeigen über Reichweite und Interaktionsmuster oder Mechanismen, die aggressive Inhalte nicht unbegrenzt nach oben pushen. Zweitens verändert sich der Blick auf die Nutzerforschung: Studienergebnisse wie diese Umfrage legen nahe, dass qualitative Faktoren wie „Unwahrheiten“ und „Aggression“ in der Erklärung von Nutzungsabbrüchen eine Rolle spielen. Drittens sollten KI-gestützte Personalisierung und Moderation gemeinsam gedacht werden, weil beides im Alltag der Jugendlichen zusammenfällt.
Offen bleibt, wie sich die wahrgenommene Social-Media-Sucht in der Praxis weiterentwickelt, gerade weil ein Teil der Jugendlichen zwar aktiv Grenzen zieht, die entsprechenden Maßnahmen aber im Vergleich zu früheren Jahren nicht zunehmen. Trotzdem zeigt die Gesamtschau aus Postbank-Umfrage, DAK-Gesundheit und dem Forschungszentrum der Uni Bochum, dass das Thema bereits jetzt eine Größe erreicht, die nicht mehr nur als individuelles Problem betrachtet wird. Die technische Branche hat damit einen klaren Auftrag: nicht nur besser zu personalisieren, sondern auch die Spielräume für zu lange Nutzung messbar zu reduzieren. Genau dort dürfte der nächste Fortschritt entstehen – in der Verbindung aus KI-Algorithmen, Transparenzfunktionen und echter Nutzersouveränität.
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