LONDON (IT BOLTWISE) – Der Astrophysiker Harald Lesch fordert ein Verbot von KI-Nutzung bis zum Bachelor und begründet dies mit Lern- und Betrugsrisiken. Gleichzeitig warnt er davor, dass Rechenzentren in Zeiten steigender Hitze und knapper Wasserressourcen massiv Strom und Kühlung benötigen. Er verknüpft Klimaschutz deshalb eng mit Klimaanpassung und plädiert für Maßnahmen auf lokaler Ebene, etwa Wasserrückhalt in der Landschaft. Seine Kernbotschaft: Politik und Wissenschaft müssten schneller vom Reden zur Umsetzung kommen.

Harald Lesch setzt in einem breiteren Gesprächsrahmen auf zwei scheinbar unterschiedliche Themen, die bei genauerem Hinsehen jedoch zusammenhängen: den Umgang mit Künstlicher Intelligenz im Bildungssystem und die Frage, wie Gesellschaften in einer wärmeren Zukunft Energie und Wasser bereitstellen. Der Astrophysiker stellt die Bildungsdebatte dabei bewusst in einen größeren Kontext aus Klimaanpassung und Ressourcenknappheit. Sein Ausgangspunkt ist weniger die reine Technikbewertung als die gesellschaftliche Folgefrage: Was lernen Menschen tatsächlich, wenn KI Aufgaben übernimmt, und welche Infrastruktur folgt daraus, wenn KI-Anwendungen zugleich immer mehr Rechenleistung beanspruchen?
Bei der KI-Entwicklung und -Nutzung wendet sich Lesch vor allem gegen einen schnellen, untrainierten Einsatz im Alltag von Lernenden. Er fordert, die Nutzung von KI zur Aufgabenlösung bis zum Bachelor zu untersagen, damit zunächst das „Gehirn trainiert“ werde. Gleichzeitig argumentiert er mit einem klaren Tatbestandsproblem: Für Schüler müsse die KI-Beteiligung so geregelt sein, dass es nicht zu Situationen kommt, in denen Ergebnisse als selbstständig erscheinen, obwohl sie faktisch von Modellen erzeugt wurden. Das ist technisch betrachtet eine Debatte über Abgrenzbarkeit und Nachvollziehbarkeit von Leistung, nur dass Lesch sie ausdrücklich bildungspolitisch einordnet. Er beschreibt KI außerdem als eine Form der Digitalisierung, die in der aktuellen Ausprägung stark von wirtschaftlichem Anreiz getrieben werde – und stellt damit die Frage nach der pädagogischen Zielsetzung, nicht nur nach den Fähigkeiten der Modelle.
Parallel dazu verschiebt er den Fokus auf die physische „Unterseite“ der KI: Rechenzentren und ihre Energie- und Kühlbedarfe. In Deutschland rechnet Lesch mit einem massiven Ausbau, weil Europa eine eigene Software entwickeln und unabhängiger von den USA werden wolle; er nennt dabei die Größenordnung von 150 zusätzlichen geplanten Rechenzentren. Technisch bedeutet das: Mehr Rechenleistung führt zu mehr Stromverbrauch, und die Anlagen brauchen zusätzlich Kühlung, um die Hardware effizient und zuverlässig zu betreiben. In vielen Regionen kollidiert das mit dem Alltag der Bürger, etwa wenn Grundwasser als Kühlressource oder als Bestandteil lokaler Wasserbilanzen in den Blick gerät. Aus dieser Perspektive wird die KI-Frage zur Infrastrukturfrage – und Lesch fordert, dass die Politik hier regulierend eingreift, statt die Auswirkungen auf Wasser und Netze nur dem Markt zu überlassen.
Die Klimaperspektive liefert den zweiten Strang, über den sich Leschs Argumentationslogik zusammenzieht. Er verweist auf extreme Hitzewellen und nennt die Aussage des Robert-Koch-Instituts, dass bei der Hitzewelle in Deutschland innerhalb weniger Tage 15.000 Menschen gestorben seien. Daraus leitet er ab, dass parlamentarische Demokratien unter Druck geraten, wenn populistische Bewegungen die Realität verdrängen – und dass Wissenschaft in solchen Situationen nicht „unpolitisch“ bleiben dürfe. Gleichzeitig blickt er pragmatisch nach vorn: Vielleicht entstehe endlich Konsens, dass neben Klimaschutz auch Klimaanpassung zwingend mitgedacht werden müsse. Anpassung beschreibt bei ihm vor allem konkrete Maßnahmen zum Wasserrückhalt, weil Hitze nicht nur Temperaturen betrifft, sondern auch den Niederschlagsmix und damit Speicherfähigkeit in Böden und Landschaften.
Für die technische Umsetzung nennt Lesch mehrere Beispiele, die weniger nach Energieanlagen klingen als nach Ökosystem-Infrastruktur. Er beschreibt Wasserspeicherprojekte, Wasserrückhalt in der Fläche und konkrete Eingriffe wie die Forderung nach Wasserrückhaltemaßnahmen, das Wiedervernässen von Mooren oder das Zuschießen von Flussauen. In der Land- und Forstwirtschaft fordert er eine ökologische Ausrichtung, in der Totholz im Wald verbleibt, damit Wasser wie in einem Schwamm gespeichert und langsamer abgegeben werden kann. Dahinter steht ein physikalischer Mechanismus: Vegetation, organische Substanz und Bodengefüge beeinflussen, wie schnell Wasser abfließt und wie lange es verfügbar bleibt. Entscheidend ist dabei auch sein Argument gegen Energiekonzepte, die Wasser erhitzen oder Kühlverfahren benötigen: Wenn Regionen künftig ohnehin mit weniger Regen im Winter und weniger Schmelzwasser im Frühjahr rechnen müssen, wird „Wasserbedarf“ zur harten Randbedingung für jede Energie- und Industrieplanung.
Auch seine Bewertung von Kernenergie ordnet Lesch in diese Ressourcendebatte ein. Er spricht davon, dass Kernkraftwerke eine veraltete Technologie seien, die im Grunde nur Wasser erhitze, und er verweist auf Länder, die ihre Reaktoren wegen Wassermangels abgeschaltet hätten. Für ihn ist die Schlussfolgerung eindeutig: Niemand, der bei Verstand ist, baue heute noch Kernkraftwerke – ausgenommen Staaten, die sie für die Plutoniumproduktion für Atombomben benötigten. Unabhängig davon, wie man die politische Gewichtung bewertet, ist der technische Kern seines Arguments, dass in einer wasserarmen Zukunft Kühlprozesse und Wasserverfügbarkeit sehr stark über die Umsetzbarkeit von Erzeugungskonzepten entscheiden können. Er macht damit sichtbar, dass die Debatte um „Welche Energiequelle“ ohne „Wie steht es um Wasser und Netze“ schnell zu kurz greift.
Wenn Lesch dennoch optimistisch bleibt, dann vor allem wegen möglicher Handlungshebel, die sich auf lokaler Ebene sofort aktivieren lassen. Er nennt Energiegenossenschaften und beschreibt den Effekt, dass Menschen nicht nur über Erneuerbare diskutierten, sondern Photovoltaikanlagen und Windräder bauten und Energie speicherten. Daneben hebt er Schul- und Umweltbezüge hervor: Schulen seien für ihn „Reaktoren“ für eine Geisteshaltung der Zukunft, und er fordert mehr Naturbezug, etwa Ausflüge in Wälder, bei denen organisatorische Hürden nicht durch ängstliche Zurückhaltung blockiert werden sollen. Schließlich spielt auch die Informationsverbreitung eine Rolle: Er sieht ein Muster, in dem gute Beispiele zu selten systematisch bekannt gemacht werden. Seine Rhetorik endet daher nicht bei Verboten, sondern bei einem Mix aus Umsetzung, Sichtbarkeit erfolgreicher Projekte und einer stärker handwerklich geprägten Bildung, die KI nicht ersetzt, sondern begrenzt – weil eine KI nur automatisieren kann, während Menschen Fähigkeiten praktisch erlernen müssen.
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