LONDON (IT BOLTWISE) – Benjamin Cowen hat für den Bitcoin-Zyklus sowohl einen konkreten Kursbereich als auch ein wahrscheinliches Zeitfenster genannt. Der Markt traf das Kursziel um 60.000 US-Dollar nahezu, der Zeitplan geriet jedoch um rund drei Monate durcheinander. Bis Anfang Oktober blieb Bitcoin nach dem Juni-Tief deutlich im Plus – doch das Urteil über den „Bottom“ ist noch nicht endgültig. Entscheidend wird, ob der Kurs im weiteren Verlauf wieder unter die Juni-Tiefs fällt.

Benjamin Cowen, Gründer von „Into the Cryptoverse“, hat am 27. Mai 2026 eine These formuliert, die viele Trader im Krypto-Kalender ohnehin wiederholt prüfen: Der zyklische Tiefpunkt des Bitcoin-Marktes werde voraussichtlich im vierten Quartal liegen, wobei Oktober als wahrscheinlichster Monat galt. Gleichzeitig verband er den Zeitpunkt mit dem erwarteten Revisit der Marke um 60.000 US-Dollar; im Moment der Aussage lag Bitcoin bei rund 75.650 US-Dollar. Rückblickend zeigt sich die typische Spannung solcher Modelle: Ein Kursziel kann relativ präzise sein, während der zeitliche Treffer ausbleibt. Genau an dieser Stelle entscheidet sich die Frage, ob man die Prognose als „richtig“ im Sinne des definierten Setups akzeptiert.
Technisch betrachtet beruht Cowens Ansatz auf dem Vier-Jahres-Zyklus, der im Krypto-Umfeld eng mit dem „Halving“ verknüpft ist: Dabei sinkt etwa alle vier Jahre die Menge neuer Coins, die Miner als Belohnung erhalten. Die Annahme dahinter lautet, dass sich dadurch Kapitalflüsse und Nachfrage-/Angebotsdynamiken in wiederkehrenden Mustern über Zeit spiegeln könnten. Cowen misst dafür nicht nur einzelne Preisniveaus, sondern analysiert auch Tagesabstände: Er schaut sich die Abfolge an, die von einem Tiefpunkt eines Bärenmarkts bis zum nächsten Hochpunkt reicht, und überträgt die so beobachtete Periodik auf das erwartete Zeitfenster für spätere Tiefs. In seiner Rechnung gipfelte der Zyklus bei Tag 1.162, während frühere Verläufe bei Tag 1.059 und Tag 1.168 lagen. Weil diese Peaks relativ nah beieinander lagen, folgerte er eine ähnliche Struktur auch für die folgenden Bottoms.
Diese Logik hat jedoch eine Schwachstelle, die bei jeder regelbasierten Prognose auf kleine Datensätze stößt: Cowen bezieht seine Ableitung auf lediglich drei vergangene Zyklen. Wenn sich die äußeren Rahmenbedingungen ändern – etwa durch andere Marktteilnehmer, Liquiditätsbedingungen oder die Geschwindigkeit, mit der Kapital in Risikoassets rotiert –, kann ein Muster zwar „erkennbar“ bleiben, aber zeitlich kippen. Genau das wirkt hier plausibel: Das Kursniveau um 60.000 US-Dollar wurde erreicht, nur eben früher als erwartet. Bitcoin schloss am 30. Juni bei 58.555 US-Dollar und rutschte intraday bis etwa 57.717 US-Dollar ab, bevor der Kurs später deutlich anzog. Bis zum 6. Oktober lag Bitcoin laut den genannten Daten bei rund 85.896 US-Dollar, also etwa 47% über dem Juni-Tief.
Am Preisziel zeigte Cowen damit tatsächlich Treffsicherheit. Das 60.000er-Narrativ war allerdings nicht völlig neu, weil sich das Niveau laut Quelle bereits im Februar 2026 als Unterstützung etabliert hatte (genannt: 60.033 US-Dollar). Damit war das „Revisit“ zumindest teilweise Teil dessen, was viele Trader bereits am Chart beobachteten. Trotzdem lohnt die Differenzierung: Cowen erwähnte auch, dass ein „stillen“ Markt-Top nicht automatisch Entwarnung bedeutet. Seine Warnung, dass ein Top aus Apathie heraus nicht verhindern müsse, dass danach ein Bärenmarkt folgt, passt zu dem weiteren Verlauf: Über das Jahr hinweg fiel Bitcoin laut Text um rund 30% und bewegte sich am 6. Oktober etwa 32% unter dem Rekordhoch von 126.080 US-Dollar (Stand: 6. Oktober 2025). Diese Kombination aus Niveau-These und Risiko-Hinweis ist für die Bewertung entscheidend, weil Prognosen nicht nur auf den Chart, sondern auch auf das Handeln der Marktteilnehmer wirken.
Wo die Prognose in der vorliegenden Bilanz deutlich schwächelt, ist der Timing-Baustein. Das Tief wurde am 30. Juni erreicht, also drei Monate früher als Cowens als voraussichtlich bezeichnetes Zeitfenster begann. Für Anleger ist genau dieser Punkt oft wichtiger als die absolute Kurspräzision, weil ein verpasster Zeitraum das Setup „durch“ macht: Wer nach Cowens Oktober-Dip gesucht hätte, bekam den relevanten Sprung von 58.555 US-Dollar auf 85.896 US-Dollar nicht zum gewünschten Zeitpunkt. Die Quelle nennt sogar einen nachvollziehbaren Hebel: Ein „8% Gewinn über die vergangenen 30 Tage“ wird im Text im Kontext des verpassten Einstiegs hervorgehoben. Damit zeigt sich der Unterschied zu anderen Analysen, die nur einen Preisbereich fokussieren; Cowens Ansatz enthielt eben auch eine klare Datumsdimension.
Ob die Sache am Ende dennoch als „richtig“ durchgeht, hängt von der Definition des Bottom ab – und diese Definition bleibt im Text bewusst offen. Da das vierte Quartal bis zum 31. Dezember läuft, kann Cowen sein Timing theoretisch noch nachträglich bestätigen. Falls Bitcoin unter das intraday genannte Tief vom 30. Juni (57.717 US-Dollar) fällt, würde dieses Ereignis das Juni-Niveau als zyklischen Boden weniger wahrscheinlich machen und damit Cowens zeitliche These stützen. Bleibt Bitcoin dagegen bis zum 31. Dezember oberhalb von 57.717 US-Dollar, würde das Juni-Tief als Bottom wahrscheinlicher bleiben und Cowens Zeitplan wäre eher als zu früh eingeordnet. Unabhängig vom Ausgang bleibt die praktische Lehre für den Markt: Preisniveaus können Trefferquoten verbessern, aber regelbasierte Zyklusmodelle tragen ein echtes Risiko, wenn sie auf wenigen historischen Beobachtungen beruhen und sich die Zeitachse verschiebt.
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