HONOLULU / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue Studie stellt die behaupteten Wirtschaftsvorteile des US-Militärs in Hawaii infrage: Die Leasingausläufe um 2029 sollen eine „einmalige“ Gelegenheit bieten, Kosten, Umweltfolgen und Sicherheitsannahmen neu zu bilanzieren. Während frühere Zahlen von Pentagon und Landesverwaltung von deutlich höheren Effekten ausgehen, nennt die Auswertung 7,2 Milliarden US-Dollar Beitrag – und kritisiert zugleich Aufschläge in den verwendeten Argumentationen. Besonders umstritten sind Nachzahlungen für bislang nicht gezahlte Mieten, steigende Oahu-Wohnkosten sowie die Aufwendungen für PFAS-Sanierung. Fachleute sehen darin nicht nur ein Kostenproblem, sondern auch ein Risiko für Eskalationspfade im Kontext der Konkurrenz mit China.

Die Debatte um die US-Militärpräsenz auf Hawai‘i gewinnt zur rechten Zeit an Schärfe: Denn um 2029 laufen mehrere Pachtverträge für militärisch genutzte Flächen aus und eröffnen damit politisch wie operativ ein seltenes „Fenster“, in dem bisherige Annahmen überprüft werden können. Laut einem Verbund aus hawaiischen und internationalen Expertinnen und Experten ist der wirtschaftliche Nutzen der Präsenz in offiziellen Darstellungen zu positiv gerechnet. Die Studie „The True Cost of the U.S. Military In Hawaii“ argumentiert, dass die erforderlichen Begründungen für Größe und Umfang der eingesetzten Standorte auf überhöhten Bedrohungsbewertungen beruhen. Dadurch werde nicht nur das lokale Kosten-Nutzen-Verhältnis verzerrt, sondern auch das strategische Risiko unnötig erhöht.
Technisch betrachtet ist das Vorgehen vor allem eine Frage der Datengrundlage und der Modelllogik: Wie werden Ausgaben den Wirkungsgrößen zugeordnet, welche Multiplikatoren werden angesetzt, und welche Kosten werden in die Gesamtrechnung überhaupt aufgenommen? Die Studie beziffert den angeblichen Wirtschaftsbeitrag des Militärs mit 7,2 Milliarden US-Dollar und kommt damit auf etwa 30 Prozent weniger als die 10 Milliarden US-Dollar, die in Pentagon- und Landesangaben genannt werden. David Vine, politischer Anthropologe und Autor von „Base Nation“ sowie „The United States of War“, kritisiert, dass die wirtschaftliche Rendite-Story in ihrer Größenordnung „fast 40 Prozent“ überzeichnet werde. Im Kern geht es damit auch um Transparenz in der Wertschöpfungskette: von Beschaffung über Dienstleistungsverträge bis hin zu Beschäftigungseffekten.
Auch die Arbeitsmarkt-Hypothese wird in der Studie deutlich relativiert. Während Vine bei militärischen Ausgaben pro 1 Million US-Dollar etwa fünf Jobs erwartet, seien in anderen Wirtschaftsbereichen – je nach Investitions- und Standortmix – mehr als 12 Beschäftigungsverhältnisse realistisch. Darüber hinaus fällt dem Kritikerkreis auf, dass beinahe die Hälfte der Auftragnehmer, die militärische Contracts erhalten, ihren Hauptsitz außerhalb Hawai‘is haben. Für Unternehmen und Politik ist das relevant, weil es die lokale Spillover-Wirkung reduziert: Selbst wenn Geld in der Region „durchläuft“, entstehen mögliche Gewinne, Steuern und Ausbildungsinvestitionen nicht in gleicher Intensität vor Ort. Historisch erinnert das an frühere Debatten, in denen wirtschaftliche Effekte kurzfristig über „Anker-Ausgaben“ erklärt wurden, während indirekte Kosten und Abwanderungsrisiken später stark zutage traten.
Der wirtschaftliche Kernstreit wird in der Analyse mit Land- und Wohnkosten sowie Umweltfolgen verknüpft. Die Studie nennt eine erhebliche Summe offener Mietzahlungen: 133,7 Milliarden US-Dollar werden als geschuldet für „crown and government lands“ beschrieben. Zusätzlich soll der militärische Bedarf an außerörtlichem Wohnen die Durchschnittsmieten auf O‘ahu im Jahr 2024 um 7,1 Prozent nach oben gedrückt haben; die Mehrbelastung liege bei mehr als 1.848 US-Dollar pro Haushalt. Dazu kommen Kosten für PFAS-„Forever Chemicals“: Rund 493 Millionen US-Dollar werden für die Sanierung genannt. Damit verschiebt sich der Diskurs von der reinen Beschäftigungs- oder Steuerperspektive hin zu langfristigen, technisch aufwendigen Umwelt- und Folgekosten – ein Bereich, in dem Gegenrechnungen häufig zu spät in politische Entscheidungen einfließen.
Aus Expertensicht wird dabei nicht nur der materielle Schaden betont, sondern auch die Unsicherheit, die durch Emissionen und Altlasten für die Bevölkerung entsteht. Neta Crawford, Professorin für internationale Beziehungen an der University of St Andrews und Mitbegründerin von „Costs of War“, spricht explizit von Umweltwirkungen, die in der Luft, im Wasser und im Boden in den Inseln verbleiben. Der Punkt ist für Entscheidungsträger besonders heikel: Umweltkosten sind oft schwer monetarisierbar, aber sie wirken über Generationen, beeinflussen Gesundheitsrisiken und erhöhen regulatorische Anforderungen. Gerade deshalb argumentiert Davis Price von „‘Āina Aloha Economic Futures“, dass die „wahren Kosten“ nicht nur Schäden, sondern auch die verlorene Chance auf eine bessere Zukunft umfassen. Für Wirtschaftsakteure bedeutet das: Wer heute plant, muss zukünftige Haftungs- und Compliance-Risiken in der Standortlogik berücksichtigen.
Demgegenüber steht die Darstellung der Landesebene, die im Januar einen eigenen Bericht zu den Militärausgaben vorgelegt hat. Laut „Military and Community Relations Office“ (MACRO) seien im Jahr 2023 mehr als 10 Milliarden US-Dollar in Hawai‘i ausgegeben worden, darunter 1,3 Milliarden US-Dollar für lokale Unternehmensverträge. Außerdem heißt es, dass eine Reduktion der Truppenstärke um 10 Prozent der Wirtschaft einen Rückgang von 1,7 Milliarden US-Dollar zufügen würde. Solche unterschiedlichen Zahlen sind in der Praxis häufig auf Unterschiede in Definitionen zurückzuführen: Was zählt als „lokale Wertschöpfung“, wie werden Subunternehmer berücksichtigt, und welche Zeiträume werden für Multiplikatoren herangezogen? Für Analystinnen und Analysten liefert die Gegenüberstellung deshalb einen direkten Vergleich zweier Modellwelten – mit realen Auswirkungen auf Haushalts- und Verhandlungspositionen.
Ein weiterer, strategischer Aspekt kommt hinzu: Die Studie argumentiert, die militärische Präsenz sei größer als notwendig, weil Bedrohungsszenarien überzeichnet würden. In einem geopolitischen Umfeld, in dem die Konkurrenz mit China die Sicherheitsplanung stark prägt, kann jede zusätzliche Eskalationsannahme politische Handlungsspielräume verengen. Diese Verbindung zwischen wirtschaftlicher Darstellung und strategischer Risikowahrnehmung ist zwar indirekt, aber sie beeinflusst den Ton der Verhandlungen über Standortumfang, Nutzung von Flächen und Infrastrukturinvestitionen. Wenn wirtschaftliche Effekte überhöht sind, werden Unterlassungs- oder Alternativoptionen – etwa eine weniger expansive Flächennutzung oder zeitlich gestaffelte Umrüstungen – politisch schwerer durchsetzbar. Wettbewerb und Timing spielen also nicht nur auf dem Schlachtfeld, sondern auch in den Argumentations- und Bewertungsmodellen.
Für die Zukunft folgt daraus ein klarer Handlungskorridor. Erstens sollten die bevorstehenden Leasingentscheidungen genutzt werden, um Kostenmodelle technisch sauberer zu machen: Dazu gehört, Umwelt- und Sanierungskosten (wie PFAS), Miet- und Verfügbarkeitsfragen sowie Beschäftigungswirkungen über lokale Vertragspartner hinweg kohärent zu erfassen. Zweitens ist die Sicherheitsdimension nicht zu entkoppeln: Wer Bedrohungsannahmen neu bewertet, muss zugleich plausibel darstellen, wie sich Umfang und Betrieb der Infrastruktur darauf auswirken. Drittens eröffnet das Unternehmen und Forschung neue Chancen, etwa bei Sanierungstechnologien, Monitoring und vertraglicher Compliance. Wenn sich der Diskurs in Richtung einer realistischeren Gesamtrechnung verschiebt, könnte Hawai‘i zu einem Präzedenzfall werden, an dem zukünftige Standortevaluationen in ähnlichen Konstellationen ausgerichtet werden. Den vollständigen Bericht und Kontext finden Interessierte unter https://www.ips-dc.org/report-true-cost-of-u-s-military-bases-in-hawaii/.
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