LONDON (IT BOLTWISE) – Mit dem Herbst steigt in Deutschland spürbar die Zahl akuter Atemwegssymptome. Laut Epidemiologie-Expertinnen beginnen zunächst meist Nicht-Influenza-Viren wie Rhinoviren und Parainfluenzaviren, die sich auch im Abwassermonitoring abzeichnen. Danach können Coronaviren wieder stärker zirkulieren, während Grippe- und RSV-Infektionen Richtung Jahresende voraussichtlich an Bedeutung gewinnen. Gleichzeitig betonen Fachleute, dass Impfungen den Schutz aufbauen und Masken vor allem bei Erkrankten zusätzliche Übertragung reduzieren können.

Herbst-Saison startet: welche Viren treiben Atemwegsinfekte und wie schützt Impfung?
Herbst-Saison startet: welche Viren treiben Atemwegsinfekte und wie schützt Impfung? (Foto: IT BOLTWISE)
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Der saisonale Verlauf von Atemwegsinfekten folgt jedes Jahr einem ähnlichen Muster, aber er startet selten mit dem, was viele zuerst erwarten. Schon zu Beginn der kühleren Monate sehen Fachleute einen langsamen Anstieg von Symptomen und damit auch von Viren in der Bevölkerung. Dabei ordnen sie den Start der Welle vor allem Nicht-Influenza-Viren zu: In einem Presse-Briefing des Science Media Centers sagten die Epidemiologin Berit Lange vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung und die Virologin Ulrike Protzer von der Technischen Universität München, dass zunächst vor allem Viren zirkulieren, gegen die es aktuell keine spezifischen Impfungen gibt. In der Praxis heißt das: Wer im Herbst mit Schnupfen, Halsschmerzen oder Husten beginnt, ist zunächst sehr häufig mit Erkältungsviren konfrontiert, deren Dynamik sich aber in den Folgewellen indirekt aufbaut.

Protzer verwies dabei auf einen datengetriebenen Blick von außen: Abwassermonitoring kann nicht nur zeigen, dass überhaupt Viren im Umlauf sind, sondern auch, welche Klassen von Erregern gerade dominieren. In der Darstellung der Virologin sind im Monitoring vor allem Rhinoviren und Parainfluenzaviren sichtbar; gegen Parainfluenzaviren gebe es derzeit keine Impfoption. Außerdem sei in solchen Daten häufig erkennbar, dass in allen Bundesländern wieder mehr Kontakte stattfinden, etwa weil Schulen wieder geöffnet sind. Als zusätzlicher „Kontaktverstärker“ wurde außerdem das Oktoberfest genannt, bei dem sich sehr viele Menschen in kurzer Zeit begegnen. Gerade diese Kombination aus typischem Schulbetrieb und punktuellen Großereignissen erklärt, warum sich die ersten Fälle oft regional und zeitlich versetzt ausbreiten, bevor sich später ein breiteres Bild abzeichnet.

Für den Schutz in der akuten Phase rückt neben der Impfung auch das Übertragungsmanagement in den Fokus. Protzer sagte, dass eine Schutzmaske helfen könne – insbesondere dann, wenn Erkrankte sie tragen. Das ist in technischer Logik plausibel: Atemwegserkrankungen übertragen sich vor allem über Aerosole und Tröpfchen; eine Maske reduziert die Menge an Partikeln, die beim Sprechen, Husten und Atmen in die Umgebung gelangen. Gleichzeitig betonten die Expertinnen, dass „ungefährliche“ Erkältungen nicht für alle Patientengruppen gleichbedeutend sind. Bei Menschen mit Immunschwäche könnten Erkältungsviren schwerere Verläufe auslösen, bis hin zu Krankenhausbehandlungen und im Extremfall einer Aufnahme auf der Intensivstation. Damit verschiebt sich die Perspektive von „Schnupfen als Bagatelle“ hin zu „Schnupfen als Einstieg in gefährliche Verläufe bei Risikogruppen“ – ein Punkt, der für Kliniken und ambulante Versorgung organisatorisch relevant bleibt.

Wie es nach den Erkältungsviren typischerweise weitergeht, beschreiben Lange und Protzer mit Blick auf den Verlauf der Saison. Laut Lange verbreitet sich anschließend häufig das Coronavirus; außerdem könne die Covid-19-Infektionswelle sogar schon im Spätsommer beginnen. Richtung Jahresende, wenn die Mobilität erneut steigt und viele Kontakte über Innenräume ablaufen, wird zudem erwartet, dass Grippe- und RSV-Viren wieder eine größere Rolle spielen. Prognosen sind dabei ein zweistufiger Prozess: Die nächsten zwei bis vier Wochen ließen sich vergleichsweise gut einschätzen, sagte Lange; schwieriger sei dagegen die Gesamtlänge der Saison und der Zeitpunkt, an dem die Höhepunkte erreicht werden. Ergänzend machte Protzer deutlich, warum Unsicherheit bleibt: Viren verändern sich, es entstehen Varianten, die sich besser vermehren, ansteckender sind oder vom Immunsystem schlechter erkannt werden. Ob das Tempo der Wellen zusätzlich beschleunigt oder gebremst wird, hängt außerdem mit davon zusammen, wie viele Menschen sich impfen lassen.

Beim Thema Impfschutz nennen die Expertinnen konkrete Einordnungen, die für Entscheidungsträger in Gesundheitseinrichtungen praktisch sind. Protzer sagte, die momentan verwendeten Impfstoffe gegen Coronaviren schützten gut und auch gegen neu auftretende Varianten. Für Influenza sei der Punkt jedoch komplexer: Viren könnten sich relativ stark verändern, wodurch das Immunsystem weniger gut vorbereitet sei. Genau deshalb existiert die saisonale Anpassung über die Beobachtung zirkulierender Stämme – Protzer beschrieb eine Überwachung auf der Südhalbkugel, bei der dort laufende Verläufe untersucht und die Zusammensetzung der Impfstoffe entsprechend angepasst werden. Die momentane Zusammensetzung zielt demnach darauf, was beispielsweise in Australien zirkuliert. Auch das Immunsystem braucht Zeit: Laut Angaben zur Wirkung baut der Körper etwa zwei Wochen nach der Impfung einen Schutz auf, der dann mehrere Monate anhält. Zusätzlich wurde betont, dass Impfstoffe aus der vergangenen Saison in vielen Fällen weiterhin einen ausreichend guten Schutz bieten können.

Welche Gruppen dabei priorisiert werden, hängt in Deutschland eng mit den Empfehlungen der Ständigen Impfkommission zusammen. Die Stiko empfiehlt Impfungen gegen Grippe unter anderem für Menschen ab 60 Jahren sowie für Personen mit Vorerkrankungen, Schwangere und Bewohnerinnen und Bewohner von Pflegeeinrichtungen. Eine Impfung gegen Covid-19 und RSV wird Menschen ab 75 Jahren oder auch jüngeren Personen mit Grunderkrankungen empfohlen. Berücksichtigt man die Zahlen zur bisherigen Durchimpfung, wird schnell klar, warum die Diskussion in der Praxis nicht nur medizinisch, sondern auch versorgungsstrategisch ist. Laut dem Vorsitzenden der Stiko, Reinhard Berner, gibt es in Deutschland seit Jahren unzureichende Impfquoten – insbesondere bei Menschen mit Grunderkrankungen, die wegen ihres Risikos besonders geschützt werden sollten. Für Influenza nannte er Größenordnungen: Etwa 30 bis 40 Prozent der erwachsenen Menschen mit Grunderkrankungen seien geimpft, bei Kindern mit Grunderkrankungen liege die Quote um 10 Prozent. Berner zeigte dabei auf, wie hoch die Lücke ist: Er sagte, man nehme in Kauf, dass 90 Prozent der gefährdeten Kinder nicht geschützt seien. Der Vorschlag, Impfungen etwa auch im Krankenhaus unter Kostenübernahme durch Krankenkassen durchzuführen, adressiert genau diese Versorgungslücke und versucht, „Impfzugang“ dort zu verbessern, wo Betroffene ohnehin regelmäßig betreut werden.

Auch organisatorisch lässt sich der Weg zur Impfung relativ konkret beschreiben. Impfangebote gibt es etwa bei Hausärztinnen und -ärzten, Betriebsärztinnen und Betriebsärzten sowie in Apotheken. Die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) teilte dazu mit, dass die Zahl der Apotheken, in denen Impfungen angeboten werden, in den vergangenen Jahren stetig gestiegen sei. Für die Planung spielt außerdem eine belastbare Lageeinschätzung aus der Vergangenheit eine Rolle: Für die Wintersaison 2025/26 nannte das Robert Koch-Institut (RKI) rund 180 Millionen Atemwegserkrankungen, darunter Influenza, Covid-19, RSV-Erkrankungen, Rhinoviren und saisonale Coronaviren. Kleinkinder hatten im Durchschnitt 4,6 akute Atemwegserkrankungen, Erwachsene ab 60 Jahren im Schnitt 1,3. Zudem wurden deutschlandweit etwa 429.000 Fälle schwerer akuter respiratorischer Infekte in Kliniken behandelt, und rund 22.700 Menschen starben. Das RKI stufte die Saison auf Basis dieser Kennzahlen als moderat ein, vergleichbar mit Verläufen in anderen Ländern. Für die Gegenwart folgt daraus eine nüchterne Konsequenz: Die Herbstwelle ist weniger „eine einzelne Krankheit“, sondern eine gestaffelte Mischung aus Erregern, bei der sich präventive Maßnahmen wie Impfen, Maskentragen in der Akutphase und eine gute Überwachung gegenseitig ergänzen.

Für Entscheider in Unternehmen, Arztpraxen und Pflegeeinrichtungen ist vor allem die Verbindung aus Timing und Risikogruppen relevant. Wenn Nicht-Influenza-Viren früh dominieren und später Coronaviren sowie Richtung Jahresende Influenza- und RSV-Infektionen nachziehen, müssen Kapazitätsplanung und Personalsteuerung so ausgerichtet werden, dass nicht nur der „Höhepunkt“, sondern auch der Aufbau berücksichtigt wird. Die Prognosefähigkeit für die nächsten zwei bis vier Wochen erlaubt dabei eine kurzfristige Vorbereitung, während die Unsicherheit über die gesamte Saison ein Flexibilitätsprinzip in der Organisation nahelegt: Test- und Meldelogik, Empfehlungen für Besucher und Beschäftigte sowie der Zugang zu Impfungen sollten nicht erst im Spitzenmonat greifen. Gerade weil die Impfstoffe einen mehrmonatigen Schutz aufbauen können und das Risiko schwerer Verläufe bei Immunschwäche höher ist, kann präventives Handeln die Belastung der Versorgung insgesamt dämpfen – ohne dass man dabei den Verlauf der Saison „auf Sicht“ komplett vorherbestimmen muss.


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