BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Der medizinische Geschäftsführer der DIVI, Uwe Janssens, hält die RKI-Schätzung von etwa 12.500 hitzebedingten Todesfällen für zu niedrig. Er argumentiert, dass viele Todesfälle nicht als hitzebedingt erfasst würden, weil auf Totenscheinen andere Ursachen wie Organversagen stünden. Janssens fordert deshalb einen verbindlichen nationalen Hitzeschutzplan, mehr Mittel für den Hitzeschutz in Kliniken sowie stärkere Netzwerke und Nachbarschaftshilfe für gefährdete Menschen. Besonders alleinlebende ältere Menschen mit Vorerkrankungen sieht er als Risikogruppe.

Hitzetote: DIVI-Geschäftsführer Janssens hält RKI-Schätzung für zu niedrig
Hitzetote: DIVI-Geschäftsführer Janssens hält RKI-Schätzung für zu niedrig (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Debatte um Hitzetote verschärft sich in Deutschland: Uwe Janssens, medizinischer Geschäftsführer der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), zweifelt öffentlich an der Aussagekraft der laufenden Schätzung des Robert Koch-Instituts (RKI). Ausgangspunkt sind die für die aktuelle Saison genannten Werte: Das RKI geht demnach vom 6. April bis zum 2. August von rund 12.500 Todesfällen aus, die durch Hitze mit verursacht wurden. Janssens bringt jedoch ein ganz praktisches Problem ins Spiel – die Lücke zwischen dem, was auf dem Totenschein steht, und dem, was in der Versorgung faktisch als Hitzefolge sichtbar wird. Damit verschiebt sich die Diskussion weg von abstrakten Temperaturrekorden hin zur Frage, wie Ereignisse in offiziellen Datensätzen tatsächlich abgebildet werden.

Janssens begründet seine Einschätzung mit dem Melde- und Klassifikationsweg im Sterbefall. Viele Fälle würden demnach nicht als hitzebedingt erfasst, wenn als unmittelbare Ursache auf dem Totenschein etwa ein Organversagen vermerkt sei. Er sagte den Zeitungen der Funke Mediengruppe: „Es sind sicherlich mehrere Tausend Todesfälle mehr“. Gerade diese Logik ist für den Alltag in Intensivstationen plausibel: Hitze wirkt selten als einzelner „Startknopf“, sondern setzt über Kreislaufbelastung, Dehydrierung, Entzündungsprozesse und die Verschlechterung bestehender Vorerkrankungen eine Kaskade in Gang, die sich anschließend medizinisch als ein anderes Endereignis darstellen kann. Wenn dann nicht „Hitze“ als beitragender Faktor festgehalten wird, bleibt aus statistischer Sicht ein Teil des Geschehens unsichtbar.

Auch zeitlich legt das RKI konkrete Schwerpunkte fest. Für die Hitzewelle vom 22. bis 28. Juni nennt das RKI rund 9.600 hitzebedingte Todesfälle; insgesamt summiert sich das über den Zeitraum vom 6. April bis zum 2. August auf etwa 12.500. Janssens’ Kritik zielt damit nicht auf eine einzelne Wochenzahl, sondern auf die Untergrenze, die entstehen kann, wenn die Schätzung „konservativ“ angelegt ist. Das RKI weist zudem darauf hin, dass es sich um eine konservative Berechnung handelt, die nachträglich noch angepasst werden kann. Für Entscheidungsträger bedeutet das: Schon eine mögliche Untererfassung kann in der Praxis heißen, dass Ressourcenplanung und Risikokommunikation hinter der realen Lage zurückbleiben.

Besonders stark betont Janssens die Risikoprofilfrage. Gefährdet seien alleinlebende ältere Menschen mit Vorerkrankungen. Diese Kombination ist aus Versorgungs- und Public-Health-Perspektive entscheidend: Wer allein lebt, hat weniger kontinuierlichen Zugang zu Flüssigkeit, kühler Umgebung oder rechtzeitiger medizinischer Hilfe. Wer Vorerkrankungen hat, reagiert auf hohe Temperaturen anders als gesunde Personen, etwa weil die Thermoregulation eingeschränkt ist oder Medikamente die Kreislaufstabilität beeinflussen können. Janssens geht daher über die reine Statistik hinaus und formuliert eine gesellschaftliche Dimension: „sterben Menschen nicht nur an der Hitze, sondern letztlich auch an gesellschaftlicher Vernachlässigung“. Für Kliniken, Rettungsdienste und Kommunen ist das ein Signal, dass es nicht reicht, nur Schwellenwerte für Wetterwarnungen zu verfolgen; es braucht Strukturen, die gefährdete Einzelpersonen tatsächlich erreichen.

Seine Forderungen sind entsprechend mehrschichtig. Janssens spricht sich für einen verbindlichen nationalen Hitzeschutzplan aus und verlangt zudem mehr Geld für den Hitzeschutz in Kliniken. Dazu passt auch seine Bitte um aktive soziale Unterstützung: mehr Nachbarschaftshilfe, psychosoziale Unterstützung und Netzwerke, die Menschen in Hitzewellen frühzeitig adressieren. Das erwähnte Beispiel aus Frankreich – Kommunen, die registrierte vulnerable Personen aktiv kontaktieren – steht sinnbildlich für einen Mechanismus, der in Deutschland oft organisatorisch aufwendig ist: Daten über Risiko-Gruppen existieren in Teilbereichen, aber die Brücke in Richtung konkreter Kontaktketten, etwa über soziale Träger, Pflegedienste oder kommunale Stellen, muss im Alltag belastbar sein. Das Entscheidende ist dabei nicht nur die Existenz von Angeboten, sondern die Fähigkeit, sie bei hoher Auslastung zuverlässig zu aktivieren.

Technisch betrachtet zeigt die Debatte auch, wie stark Hitzeschutz inzwischen an die Schnittstelle von Medizin, Datenqualität und Infrastrukturführung rückt. Auf der einen Seite stehen Klassifikationsfragen wie „Hitzebeitrag“ versus „unmittelbare Todesursache“; auf der anderen Seite stehen operative Fragen: Wie werden Kliniken auf mehr Kreislauf- und Dehydrierungsfälle vorbereitet, wie schnell werden Kapazitäten angepasst, und wie werden Patientinnen und Patienten frühzeitig erkannt, bevor sie auf Intensivstationen enden? Wenn Janssens’ Einschätzung zutrifft, dass tausende zusätzliche Fälle in der öffentlichen Schätzung fehlen könnten, bekommt die Planung für Personaleinsatz, Kühlung, Monitoring und Notfallabläufe eine zusätzliche Dringlichkeit. Für die kommenden Hitzesaisons heißt das: Selbst wenn die RKI-Zahlen nachträglich noch korrigiert werden, bleibt die strukturelle Aufgabe bestehen, aus Warnlogik echte Schutzwirkung zu machen – im Rettungswesen ebenso wie in der Nachbarschaft.

Damit wandert die Diskussion von der reinen Nachbereitung einzelner Hitzeereignisse hin zu einem dauerhaften Systemansatz. Ein verbindlicher Hitzeschutzplan würde vor allem die Verantwortlichkeiten klären, die bisher oft zwischen Bund, Ländern, Kommunen, Gesundheitssystem und Sozialträgern verteilt sind. Janssens’ Forderung nach mehr Mitteln für Kliniken adressiert dabei nicht nur Komfort oder Infrastruktur, sondern die Grundlage für sichere Versorgung bei Belastungsspitzen. Parallel wirkt das Netz aus psychosozialer Unterstützung und aktivem Kontakt wie eine Präventionsschicht, die die „letzte Meile“ abdeckt, wenn Wetterwarnungen zwar bekannt sind, aber gefährdete Personen nicht automatisch handeln können. In der Praxis wird man schon im Vorfeld der nächsten Hitzewellen messen müssen, ob solche Strukturen mehr sind als Papier: etwa daran, ob gefährdete Menschen früher erreicht werden und ob die Lücke zwischen offizieller Statistik und klinischem Eindruck enger wird.


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