LONDON (IT BOLTWISE) – Jede fünfte deutsche Firma meldet direkte Folgen hybrider Angriffe aus dem Ausland. Laut einer Befragung von 1.041 Unternehmen zwingen Cyberattacken, Spionage, Sabotage und Desinformation viele Betriebe, Werkschutz nachzurüsten oder Abläufe in der Produktion einzuschränken. Gleichzeitig fehlen Notfallpläne für Strom- und Wasserausfälle in vielen Organisationen, während Zuständigkeiten zwischen Unternehmen und Sicherheitsbehörden oft unklar bleiben. Das im März in Kraft getretene Kritis-Dachgesetz wird als noch nicht ausreichend wirksam eingeschätzt.

Hybride Angriffe wirken in der Praxis selten als einzelner „Cybervorfall“, der sich wie ein isolierter Brandherd löschen lässt. Das Bild, das aus der deutschen Wirtschaft zurückkommt, ist vielmehr das einer schleichenden Überlagerung: Spionage, gezielte Desinformation und Sabotage treffen gemeinsam auf IT und Betrieb. Jede fünfte deutsche Firma berichtet dabei von direkten Auswirkungen hybrider Angriffe aus dem Ausland. Die Konsequenzen sind messbar, weil sie sich in Schutz- und Betriebsentscheidungen niederschlagen – etwa wenn Werkschutz nachgerüstet oder Produktionsabläufe eingeschränkt werden, um Risiken zu beherrschen.
Besonders deutlich zeigt sich der Druck in bestimmten Konstellationen. Die Angaben beziehen sich auf Konzerne mit mehr als 250 Beschäftigten sowie auf die Branchen Information und Kommunikation, Energie- und Wasserversorgung und Entsorgung. Grundlage ist eine Befragung des Instituts der deutschen Wirtschaft mit 1.041 Unternehmen. Für das Management ist das vor allem deshalb relevant, weil diese Branchen zugleich hochvernetzt sind und physische Prozesse betreiben: In solchen Umfeldern entscheidet nicht nur die IT-Abteilung über die Resilienz, sondern auch Betriebsführung, Instandhaltung und Sicherheitsdienste.
Technisch betrachtet entsteht der Schaden häufig an Schnittstellen – dort, wo IT-Sicherheit in Betriebssicherheit übergeht. Der Bericht beschreibt, dass viele Unternehmen ihre IT-Sicherheit zwar gestärkt haben, dass jedoch Notfallpläne für Strom- oder Wasserausfälle weitgehend fehlen. Genau diese Lücke ist für hybride Bedrohungen besonders anschlussfähig: Wer den Ausfall nicht nur im digitalen Raum, sondern auch im operativen Betrieb erwartet, kann Angriffe und Störungen effektiver abfedern. Fehlt dagegen die Grundlage für „Blackout“- und „Wasser“-Szenarien, bleiben Entscheidungen im Ernstfall improvisiert; dann steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Sicherheitsmaßnahmen zu spät greifen oder zu breit und damit zu teuer ausfallen.
Daneben verschärfen diffuse Zuständigkeiten die Lage. Der Austausch mit Sicherheitsbehörden soll zwar grundsätzlich stattfinden, wird aber im vorliegenden Kontext als uneinheitlich und die Rollenverteilung als unklar beschrieben. Das ist eine klassische Quelle für Reibungsverluste: Unternehmen investieren in Schutzmaßnahmen, müssen aber gleichzeitig wissen, an wen sie sich im konkreten Ereignis wenden und welche Informationen wann geliefert werden. Wenn diese Koordinationswege nicht belastbar sind, entsteht eine Art Informations- und Entscheidungswartezeit – und damit ein Risiko, das sich kaum durch „mehr IT“ allein beheben lässt. Siemens-Energy-Chef Christian Bruch hat in diesem Zusammenhang explizit vor einer spürbar verschärften Bedrohungslage in den vergangenen zwölf bis 18 Monaten gewarnt und einen zivilen Operationsplan zum Schutz kritischer Infrastruktur gefordert.
Während die operative Vorbereitung im Alltag vieler Unternehmen hinterherhinkt, soll das regulatorische Umfeld eigentlich nachziehen. Das im März in Kraft getretene Kritis-Dachgesetz soll besseren Schutz für kritische Infrastrukturen ermöglichen, bleibt laut Einschätzung der Wirtschaftsforscher jedoch hinter den Anforderungen zurück. Entscheidend ist dabei weniger der politische Wille als die Umsetzbarkeit: Wenn Standards und Erwartungen nicht klar genug in konkrete Vorbereitungsmaßnahmen übersetzt werden, bleiben „Compliance auf dem Papier“ und „Resilienz im Betrieb“ auseinander. Für Wirtschaft und Gesellschaft kann das direkte Folgen haben, weil mangelnde Vorbereitung Produktionsausfälle begünstigt und die Unsicherheit steigt – beides belastet wiederum Planungssicherheit und Investitionsbereitschaft.
Die Kostenfrage landet dann zwangsläufig im Unternehmen. Wenn staatliche Abstimmungswege diffus bleiben, müssen Unternehmen eigenes Kapital in Schutzmaßnahmen stecken. Das wird im Bericht als klassische Fehlallokation beschrieben: Mittel, die eigentlich in Wachstum und Innovation fließen würden, landen stattdessen in der Schließung von organisatorischen und prozessualen Lücken. In der Praxis bedeutet das zum Beispiel zusätzliche Budgets für Werkschutz, für Notfallübungen, für die Wiederherstellungskonzepte von Betriebsabläufen und für die Koordinationsfähigkeit zwischen Teams. Besonders in energie- und wasserbezogenen Wertschöpfungsketten ist das eine schwierige Abwägung, weil jede Verzögerung im Sicherheitsprojekt nicht nur die IT, sondern auch die Verfügbarkeit von Versorgungsleistungen betrifft.
Für eine nachhaltige Verbesserung liegt der Schwerpunkt daher weniger in neuen Regulierungstakten, sondern in klaren Zuständigkeiten und einheitlichen Standards. Der Bericht nennt als Lösung im Kern eine echte Kooperation zwischen Sicherheitsbehörden und den Betreibern, also denjenigen, die den Betrieb am Laufen halten. Für die Umsetzung heißt das: Standards müssen so formuliert sein, dass sie in Notfallpläne, Betriebsprozesse und konkrete Kommunikationswege übersetzbar sind. Gleichzeitig sollten Unternehmen nicht bei allgemeinen „IT-Security“-Programmen stehen bleiben, sondern Resilienz im Sinne von Strom-, Wasser- und Betriebsszenarien systematisch nachbauen. Solange diese Brücke nicht funktioniert, bleiben die Risiken bei den Leistungsträgern hängen – und damit auch die Verantwortung für die Härtefälle, in denen hybride Angriffe nicht nur Daten betreffen, sondern den Alltag ganzer Regionen.
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