MÜNCHEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Laut einer Ifo-Erhebung sehen nur rund 20 Prozent der Unternehmen, die bereits KI einsetzen, es als leicht oder sehr leicht an, Fach- und Hochschulabsolventen durch weniger qualifizierte, KI-unterstützte Mitarbeitende zu ersetzen. Damit zeigt sich ein differenziertes Bild: Qualifikationen lassen sich in manchen Branchen schneller substituieren als Berufserfahrung. Besonders Handel und Dienstleister heben sich deutlich ab, während der Bau bei der KI-gestützten Kompensation zurückhaltender wirkt. Der Beitrag ordnet die Ergebnisse technisch und wirtschaftlich ein und beleuchtet, was das für Skalierung, Prozesse und Governance bedeutet.

Ifo-Studie: Nur jedes fünfte Unternehmen ersetzt Fachkräfte leicht durch KI
Ifo-Studie: Nur jedes fünfte Unternehmen ersetzt Fachkräfte leicht durch KI (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Debatte um KI am Arbeitsplatz bekommt durch eine neue Ifo-Erhebung eine überraschend nüchterne Facette: Knapp 20 Prozent der Unternehmen, die bereits Künstliche Intelligenz (KI) einsetzen, halten es für leicht oder sehr leicht, Arbeitskräfte mit Fach- oder Hochschulabschluss durch weniger qualifizierte Mitarbeitende zu ersetzen – sofern diese KI-gestützt arbeiten. In der Praxis bedeutet das weniger ein pauschales „Ersatzversprechen“, sondern eher punktuelle Effekte entlang einzelner Tätigkeiten und Skill-Profile. Für Unternehmen ist vor allem die Frage entscheidend, welche Teile von Prozessen sich wirklich standardisieren lassen und wo sich Erfahrung weiterhin als Engpass erweist.

Technisch betrachtet setzt dieses Ersetzen nicht bei „KI als Ersatzperson“ an, sondern bei der Gestaltung von Workflows: KI-Systeme wie Sprach- oder Entscheidungsmodelle können Assistenzfunktionen übernehmen, etwa bei Wissensrecherche, Qualitätssicherung, Vorschlagslogik oder der Zusammenfassung und Strukturierung von Eingaben. Erst wenn Unternehmen diese Modelle in Tools, Datenflüsse und Fachanwendungen integrieren, sinkt die Abhängigkeit von formalen Qualifikationen. Laut Ifo-Studie nutzen bereits 54,5 Prozent KI in ihren Geschäftsprozessen. Das erklärt, warum sich Substitution überhaupt messbar zeigt, aber auch, warum die Streuung zwischen Branchen groß bleibt.

Der Branchenvergleich liefert hierfür eine klare Spur. Besonders im Handel wird der Effekt als stärker eingeschätzt: Dort sagen 28,6 Prozent der KI-nutzenden Unternehmen, sie könnten (Fach-)Hochschulabschlüsse durch KI-unterstützte weniger qualifizierte Kräfte leicht oder sehr leicht ersetzen. Bei Dienstleistern liegt der Wert bei 19,7 Prozent, im verarbeitenden Gewerbe bei 14,6 Prozent und im Bauhauptgewerbe bei 9,3 Prozent. Diese Differenzen lassen sich oft durch die Natur der Tätigkeiten erklären: Handel und Dienstleistung arbeiten häufiger mit text- und regelbasierten Aufgaben, während Produktion und Bau stärker von Standortbedingungen, physischen Abläufen und realer Fehlervermeidung abhängen.

Auch bei der Berufserfahrung zeigt sich ein Randproblem, das viele KI-Projekte in der Realität früh spüren: 22,9 Prozent der Handelsunternehmen sehen Berufserfahrung leicht oder sehr leicht durch KI-unterstützte unerfahrene Arbeit kompensierbar, während bei Dienstleistern 14,5 Prozent und im verarbeitenden Gewerbe 12,6 Prozent genannt werden. Im Bauhauptgewerbe liegt der Wert bei 7,7 Prozent. Ifo-Forscherin Anna Ruffert ordnet das sinngemäß so ein, dass Berufserfahrung für Unternehmen schwieriger durch KI auszugleichen sei als formale Abschlüsse. Genau hier entscheidet sich der Business Case: KI kann Wissen schneller zugänglich machen, ersetzt aber nicht immer das situative Urteilsvermögen unter variierenden Bedingungen.

Gleichzeitig bleibt das Gegenbild groß: Mehr als die Hälfte der Unternehmen (55,4 Prozent), die KI einsetzen, betrachten es als schwer oder gar nicht möglich, Mitarbeitende mit (Fach-)Hochschulabschluss durch KI-unterstützte weniger qualifizierte Personen zu ersetzen. Beim Austausch erfahrener gegen unerfahrene KI-nutzende Beschäftigte steigt dieser Anteil sogar auf 62,7 Prozent. Für das Management ist das ein wichtiges Signal, denn es spricht für „Augmentierung statt Automatisierung“ im großen Maßstab. Wer heute plant, ganze Teams zu ersetzen, unterschätzt häufig die Notwendigkeit von Prozess-Ownership, Qualifizierung im Tooling und kontinuierlicher Qualitätskontrolle.

Der Markt reagiert darauf mit einer stärkeren Konzentration auf KI-Produktivitätstools und Enterprise-Integrationen. Große Plattformanbieter versuchen, genau diese Lücke zu schließen, indem sie KI-Assistenz in bestehende Arbeitsumgebungen bringen: Microsoft etwa kombiniert KI-Funktionen in Unternehmenssoftware (z. B. für Dokumente und Zusammenarbeit), während Google und NVIDIA KI-Bausteine für Daten-, Modell- und Deployment-Infrastrukturen bereitstellen. Branchenberichte und Experteneinschätzungen deuten darauf hin, dass die meisten Organisationen zunächst Rollen verändern, nicht Köpfe ersetzen: weniger Handarbeit, mehr Standardisierung, aber weiterhin strukturierte menschliche Freigaben. Die Ifo-Zahlen passen damit zu einem Trend, der KI in den Betrieb überführt, statt KI als „Staff-Substitute“ zu verkaufen.

Aus regulatorischer und datenschutzrechtlicher Sicht wird der Weg zusätzlich anspruchsvoller. Sobald Unternehmen KI einsetzen, entstehen Fragen zu Datenminimierung, Transparenz, Nachvollziehbarkeit und möglicher Benachteiligung – insbesondere, wenn KI Ergebnisse für Personalentscheidungen oder Leistungsbewertung beeinflusst. In der EU gewinnen deshalb Governance-Mechanismen an Gewicht, unter anderem über den EU AI Act und bestehende Datenschutzanforderungen wie die DSGVO. Praktisch heißt das: Unternehmen benötigen klare Datenflüsse, Rollenmodelle (wer darf was), Protokollierung sowie Richtlinien, wie KI-Ausgaben geprüft werden. Gerade dort, wo man „qualifikationsbezogen“ optimieren will, muss man sicherstellen, dass KI nicht verdeckt diskriminiert oder falsche Kompetenzannahmen erzeugt.

Für die nächsten Monate lässt sich daraus ein realistischer Ausblick ableiten. Erstens werden Unternehmen KI dort priorisieren, wo Aufgaben stark standardisierbar sind: Texte, Ticket-Workflows, Reporting, Angebotsvorbereitung oder Teile des Qualitätscontrollings. Zweitens verschiebt sich die Kompetenzmatrix: Der Engpass liegt häufiger im Prozessdesign, im Datenzugang und im Risikomanagement, weniger ausschließlich in der formalen Ausbildung einzelner Rollen. Drittens entstehen neue Chancen für Entwicklerteams, weil „KI-unterstützte Arbeit“ eine Systemarchitektur aus Modellen, Integrationen, Monitoring und Human-in-the-Loop braucht. Wer diese Grundlage schafft, kann Substitutionseffekte erhöhen – ohne die Grenzen zu ignorieren, die Berufserfahrung und reale Kontextbedingungen weiterhin setzen.


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