AMSTERDAM / LONDON (IT BOLTWISE) – Die ING Group hat im dritten Quartal 1,85 Milliarden Euro verdient und damit zwar mehr als im Vorjahr, aber weniger als Analysten erwartet hatten. Der Zinsüberschuss stieg um 15 Prozent auf 4,3 Milliarden Euro, zugleich stiegen aber Kosten und Rückstellungen für faule Kredite. Für Aktionäre plant die Bank bis zu 1,9 Milliarden Euro für Dividende und Aktienrückkäufe. Im Großkundengeschäft sollen zudem 400 Stellen abgebaut werden.

Die ING Group hat ihre Sommererwartungen in den Quartalszahlen nur teilweise getroffen: Im dritten Quartal wies die niederländische Großbank unter dem Strich 1,85 Milliarden Euro aus, ein Plus von 3,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Genau hier liegt der Knackpunkt. Während Experten zuvor mit etwas mehr als zwei Milliarden Euro gerechnet hatten, blieb der Gewinn spürbar darunter. Für die Bank ist das dennoch kein Alarmzeichen, denn der Vorstand ordnet die Entwicklung als Wegmarke auf die im Juli angehobenen Jahresziele ein.
Technisch und betriebswirtschaftlich zeigt sich die Spaltung der Ergebnisse vor allem im Zusammenspiel aus Zinsgeschäft und Risikokosten. Der Zinsüberschuss legte laut Bericht um 15 Prozent auf 4,3 Milliarden Euro zu; damit erhielt das Ergebnis einen kräftigen Rückenwind. Auch Provisionen und Gebühren brachten im Jahresvergleich mehr ein. Gleichzeitig fielen die sonstigen Erträge deutlich schwächer aus, was die Wirkung des Zinsanstiegs direkt dämpfte. Ergänzt wurde dieser Bremseffekt durch höhere Betriebskosten.
Noch deutlicher wird die zweite Dimension in den Rückstellungen: Für faule Kredite legte die ING 403 Millionen Euro zurück, fast ein Viertel mehr als ein Jahr zuvor. Solche zusätzlichen Wertberichtigungen sind für Banken ein zentraler Steuerungshebel, aber sie wirken unmittelbar auf den Gewinn. In Summe ergibt sich daraus ein Muster, das in vielen Zinszyklen typisch ist: Operative Erträge können steigen, während gleichzeitig die Risiko- und Kostenlinie nachzieht. Genau diese Gegenbewegung erklärt, warum der Gewinn nicht im gleichen Tempo mitwuchs wie die Erträge aus dem Zinsüberschuss.
Für den Markt bleibt entscheidend, wie stabil die Ertragslage in den kommenden Quartalen wirken soll. Bankchef Steven van Rijswijk sieht die ING auf gutem Weg zu den im Juli angehobenen Jahreszielen und nennt als Perspektive für 2026 weiterhin Erträge von mehr als 24,5 Milliarden Euro. Zudem soll die Rendite auf das materielle Eigenkapital die Marke von 15 Prozent übersteigen; in den ersten neun Monaten lag sie bereits bei 15,6 Prozent. Diese Kennzahl ist für kapitalintensive Institute ein Leitplankenwert, weil sie zeigt, wie effizient sie unter Berücksichtigung der Substanz des Eigenkapitals Rendite erzeugen.
Gleichzeitig verschiebt die Bank die Gewichtung von Investitionen hin zu Kapitalrückflüssen und Effizienz. Bis zu 1,9 Milliarden Euro möchte das Institut für Dividende und den Rückkauf eigener Aktien bereitstellen. Solche Ausschüttungen sind für Aktionäre ein Signal, dass die Bank trotz höherer Risiken weiterhin über eine angemessene Kapitalbasis verfügt. Für die Umsetzung bedeutet das aber auch: Das Management muss Kostenwachstum und Risikoaufwand so begrenzen, dass der Ergebnisabstand zu den Konsenserwartungen nicht dauerhaft wird.
Die Personalseite zeigt dabei, dass die Strategie nicht nur aus Finanzkennzahlen besteht. Für Beschäftigte bringt der Bericht eine harte Nachricht: Im Großkundengeschäft will die ING 400 Arbeitsplätze abbauen. Das ist weniger eine isolierte Sparmaßnahme als vielmehr ein Hebel, um Kosten und Komplexität zu senken, insbesondere dort, wo Prozesse standardisierbar sind und sich Produktivitätsziele realistischer erreichen lassen. In der Praxis korrespondiert das häufig mit der Modernisierung von Workflows, etwa in der Kreditbearbeitung, im Reporting oder im Kundenservice.
Auch aus Industrie- und Markt-Sicht ist die Meldung ein Lehrstück dafür, wie wenig ein einzelner Treiber wie der Zinsüberschuss ausreicht, um Erwartungen automatisch zu übertreffen. Selbst bei einem klaren Plus im Zinsgeschäft können steigende Rückstellungen für faule Kredite und wachsende Betriebskosten den Gewinnlauf schnell verwässern. Für Unternehmen, die Bankdienstleistungen beziehen, heißt das: Kreditrisiken werden zwar laufend bepreist und gesteuert, aber sie bleiben ein Faktor, der die Kreditvergabe- und Konditionenpolitik spürbar beeinflussen kann. Für die nächste Berichtssaison wird deshalb weniger die absolute Zinsentwicklung im Fokus stehen, sondern ob die Bank die Risiko- und Kostenlinie wieder enger an die Ertragsdynamik koppelt.
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