BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Der Chefredakteur eines Wirtschaftsmagazins legt mit „Inside 2029“ eine schonungslose Diagnose vor: Deutschland habe den Wohlstand der Vergangenheit verwaltet, aber keine belastbare Zukunftsformel entwickelt. Im Interview kritisiert er die Deutung des Wachstums nach der Finanzkrise als eigene Innovationsleistung, weil China als Technologie- und Industrieauftraggeber vieles überdeckt habe. Besonders problematisch sei das Zurückfallen in Hightech-Feldern wie Software, Biotech und IT. Er fordert eine koordiniert gesteuerte Innovationspolitik im Kanzleramt sowie mehr Risikokapital für frühe Technologieprojekte.

Innovationswende in Deutschland: Von der „Sonderkonjunktur“ zur Hightech-Strategie
Innovationswende in Deutschland: Von der „Sonderkonjunktur“ zur Hightech-Strategie (Foto: IT BOLTWISE)
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Die eigentliche Debatte beginnt nicht bei „Inside 2029“, sondern bei der Frage, warum ausgerechnet die Jahre nach der Finanzkrise lange als Beleg für Deutschlands Innovationskraft dienten. In dem Interview stellt der Buchautor die These in den Raum, dass eine durch China getriebene Sonderkonjunktur den Blick verstellt hat: Viele Unternehmen profitierten von massivem Bedarf nach Anlagen, Maschinen und Autos, ohne dass sich daraus automatisch eine stabile Pipeline für Zukunftstechnologien ableiten ließ. Damit verschiebt sich die Perspektive von „Welche Reformen haben gewirkt?“ auf „Welche äußeren Kräfte haben Momentum erzeugt – und welche Trends haben sich gleichzeitig still verabschiedet?“

Technisch betrachtet lohnt der Blick auf das Muster, das der Autor beschreibt: Patent- und Aktivitätszuwächse in traditionellen Branchen konnten wachsen, während Hightech-Bereiche relativ an Boden verloren. Besonders nennt er Felder wie Biotech, Software und IT, in denen Deutschland in dieser Phase weniger stark nach vorne gekommen sei. Seine Einordnung führt damit direkt zu einer Frage, die in Innovationsökosystemen immer wieder auftaucht: Was wird tatsächlich aufgebaut, und was wird nur kurzfristig nachgefragt? Wenn ein Land vor allem über Produktions- und Exportkapazitäten Wohlstand abschöpft, entstehen zwar Wertschöpfungsketten, aber die Mechanismen für neue Plattformen, neue Software-Stacks oder neue Wirkstoff- und Diagnosepfade müssen dennoch früh genug in Forschung, Talente und frühe Marktzugänge investiert werden.

Ökonomisch und politisch wird die Argumentation dann konkret, weil er nicht bei der Stimmung bleibt, sondern Datenbeobachtungen als Anker nutzt. Er nennt den Anteil privater Ausgaben für Forschung und Entwicklung: In Deutschland flössen 57 Prozent in traditionelle Branchen wie Auto, Maschinenbau und Chemie, während nur 36 Prozent in Software und Biotechnologie gingen. In den USA sieht er dagegen 85 Prozent Forschungsausgaben in diesen neuen Feldern. Diese Gegenüberstellung ist für viele Entscheider relevant, weil sie nicht nur „mehr Geld“ fordert, sondern eine Verschiebung der Finanzierungsarchitektur verlangt: Forschung ist schließlich nicht automatisch produktiv, nur weil sie stattfindet. Sie wird dann strategisch, wenn sie mit Risikokapital, regulatorischer Praxis, Nachwuchsstrukturen und späteren Implementierungswegen zu Unternehmen verknüpft ist.

Historisch passt dazu sein Vergleich von Innovationsclustern, die er als planvoll beschreibt statt als Zufallsergebnis. Boston, Shenzhen und Bangalore seien Orte, an denen über Jahre hinweg Wirtschaftspolitik, Wissenschaft und Unternehmensgründer an einer gemeinsamen Strategie gearbeitet hätten – mit engen Verbindungen zwischen Universitäten, Forschungseinrichtungen, Startups und Investoren. Der Punkt dahinter: Ein Innovationsmagnet entsteht nicht über Nacht, sondern über wiederholte Interaktion, in der sich Fähigkeiten, Finanzierung und Marktzugang gegenseitig verstärken. In seiner Darstellung war Boston Ende der 1970er-Jahre noch eine Industriebrache; später wurde daraus ein Zentrum für Biotechnologie. Genau diese Art von Pfadabhängigkeit ist es, die er auch für Deutschland anmahnt: nicht die Hoffnung auf eine Einzelmaßnahme, sondern die Geduld für eine integrierte Aufbauphase.

Auf dieser Basis kritisiert er die deutsche Politik als zu stark auf die Interessen der bestehenden Industrie ausgerichtet. Als Gegenbild führt er die chinesische Strategie an, in der Peking mehrere strategische Zukunftsfelder definiert habe – darunter neue Energien, Elektromobilität und neue Materialien. In Deutschland sei hingegen lange nicht systematisch hinterfragt worden, welche technologischen Veränderungen absehbar werden und ob heutige Leitindustrien morgen noch die gleiche wirtschaftliche Tragfähigkeit besitzen. Für die operative Politik folgt daraus ein konkreter Auftrag: Innovationspolitik müsse über Ressortgrenzen hinweg laufen und im Kanzleramt koordiniert werden, statt als isolierte Strategie einzelner Ministerien zu enden. Dazu passt seine Forderung, den Staat bei riskanten Technologien als früher Auftraggeber einzusetzen und Finanzmarktregeln so anzupassen, dass mehr Kapital aus Europa in junge Technologiefirmen fließt.

Die Messlatte für „Innovationswende“ setzt er schließlich an der Erzähl- und Umsetzungsfähigkeit der Politik an. Reformen würden in Deutschland oft als Verlustprojekt verkauft, ohne ein klar beschriebenes Ziel, wofür sich die Bevölkerung praktisch „lohnt“. Als Beispiel dient ihm die Art, wie der kanadische Premierminister Mark Carney harte Einschnitte als Umbau einer Nation beschreibt. Auch Medien und Öffentlichkeit bekommen eine Rolle zugewiesen: Alles existiere mit Interessenvertretung, was noch nicht existiere, habe aber noch keine Stimme. Deshalb plädiert er dafür, stärker über Ideen, Köpfe und Unternehmen zu berichten, die gesellschaftliche Probleme lösen und neue Technologien entwickeln – und zwar sichtbar, nicht erst, wenn das Ergebnis perfekt ist. Ein konkretes Beispiel liefert er dabei mit dem Münchner Startup Isar Aerospace, das nach seinen Angaben im zweiten Versuch eine Rakete in den Orbit gebracht habe, während eine vergleichbare Mission von SpaceX nach seiner Darstellung mehrere Anläufe brauchte; entscheidend sei, warum solche Fortschritte nicht durchgehend mediale Aufmerksamkeit bekommen.

Den größten Hebel nennt er als Dreiklang, der zugleich technische Umsetzung und institutionelle Reibung betrifft. Erstens solle der Staat bei sehr frühen und riskanten Technologien stärker als Investor auftreten. Zweitens brauche es eine Brücke von Forschung hin zur Wirtschaft, damit Ergebnisse nicht in Archiven enden, aus denen keine Startups werden. Drittens fordert er Bürokratieabbau, weil die Hürden bereits in frühen Entwicklungsphasen den Takt vorgeben können: Er schildert den Fall eines Berliner Gründers, der mit seinem Startup Cellbricks Organe im 3D-Drucker herstellen will und monatelang mit einer Behörde über die Genehmigung eines Tierversuchs gerungen habe. Später sei die Versuchsreihe nach Boston verlegt worden – ein Hinweis darauf, wie sehr Governance-Qualität für Innovationsgeschwindigkeit steht. Optimistisch zeigt er sich vor allem wegen der vorhandenen Exzellenz in Hochschulen und Instituten sowie zusätzlichem Kapital für Gründer; das Problem liege darin, dass beides bisher zu wenig zusammengebracht werde.

Für Unternehmen und Entscheider ergibt sich daraus eine pragmatische Schlussfolgerung: Innovationsfähigkeit ist nicht nur eine Eigenschaft von Produkten, sondern auch von Transferwegen, Finanzierung und Koordinationsstellen. Wer heute Roadmaps baut, sollte deshalb stärker prüfen, ob Annahmen zur Nachfrage aus traditionellen Branchen automatisch in neue Wertschöpfung übersetzbar sind – oder ob die Organisation gezielt Kompetenzen in Software, Daten, Biotech-naher Prozessentwicklung oder anderen Hightech-Bereichen aufbauen muss. Gleichzeitig zeigt die Argumentation, dass der Staat nicht nur Rahmen setzen, sondern in frühen Phasen auch Beschleuniger sein kann, etwa durch frühe Aufträge, klare Koordination und ein Umfeld, in dem Risiko in Entwicklungsbudgets akzeptiert wird. Bis 2029 entscheidet sich die Frage, ob Deutschland aus dem Management vergangener Erfolge eine systematische Erzeugung zukünftigen Wohlstands macht – oder ob die nächste Sonderkonjunktur wieder nur kurzfristig den Blick auf das Wesentliche lenkt.


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