HALLE / LONDON (IT BOLTWISE) – In Deutschland haben die Firmeninsolvenzen im September erneut zugelegt. Laut einer Auswertung des IWH gab es 1.666 Firmenpleiten, das sind neun Prozent mehr als im August. Gegenüber dem Vorjahresmonat entspricht das einem Plus von 13 Prozent. Für das vierte Quartal rechnet der IWH-Forschungsleiter Steffen Müller jedoch insgesamt mit rückläufigen Insolvenzzahlen.

Die Stimmung in der deutschen Wirtschaft kippt im Herbst erneut in Richtung Krisenphase: Für September weist eine aktuelle Analyse des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung in Halle (IWH) 1.666 Firmenpleiten aus. Das sind neun Prozent mehr als im August und sogar 13 Prozent mehr als im entsprechenden Vorjahresmonat. Selbst im Vergleich zum Vor-Corona-Niveau zeigt sich ein deutlich erhöhter Bestand an Insolvenzen: Gegenüber den September-Werten vor der Pandemie liegt die Zahl um 85 Prozent höher, wie das IWH in seiner Einordnung betont. Damit verschiebt sich der Fokus von einzelnen Unternehmensschicksalen hin zu einem breiteren Signal über die Belastung der Unternehmensfinanzen.
Entscheidend ist dabei, wie das IWH seine Zahlen gewinnt und warum sie für die Einordnung der Lage so relevant sind. Das Institut wertet laut Angaben Insolvenzbekanntmachungen der deutschen Registergerichte aus und verknüpft sie mit Bilanzkennzahlen betroffener Unternehmen. Die monatlich veröffentlichten Daten gelten als Frühindikator: Sie weichen den IWH-Angaben zufolge nur geringfügig von den amtlichen Statistiken ab, die rund zwei Monate später veröffentlicht werden. Für Unternehmen und Entscheidungsträger bedeutet das vor allem eines: Die Entwicklung lässt sich schneller verfolgen, etwa um Forderungsrisiken in der Kreditprüfung anzupassen oder Einkauf und Zahlungsziele im Lieferantenmanagement enger zu steuern.
Ganz so negativ ist die Perspektive allerdings nicht. Im Blick auf das gesamte dritte Quartal dieses Jahres nennt das IWH insgesamt 4.880 Firmenpleiten, was gegenüber dem zweiten Quartal einem leichten Rückgang um 2,3 Prozent entspricht. Zudem waren weniger häufig besonders große Arbeitgeber betroffen: Die Zahl der von Insolvenzen betroffenen Jobs sank demnach um zehn Prozent auf 41.000. Solche Schwankungen zeigen typischerweise, dass Insolvenzen häufig nicht gleichmäßig über Quartale verteilt sind, sondern sich mit der Liquiditätslage, Umschichtungen im Working Capital und der Verfügbarkeit von Finanzierungsmitteln über die Zeit „aufschaukeln“. In der Praxis kann das heißen: Manche Unternehmen rutschen erst später in die Insolvenz, wenn Puffer auslaufen oder eine Refinanzierung nicht gelingt.
Trotz dieser Verbesserung bleibt ein Bereich auffällig. Im Dienstleistungssektor steigt die Zahl der Insolvenzen dem IWH zufolge auf den höchsten Wert seit Beginn der Erhebungen im Jahr 2020. Gerade Dienstleistungen sind in vielen Branchen stark an Personal- und Fixkosten gebunden, während Erlöse stärker schwanken können – etwa bei Projektdienstleistern, Zeitarbeit-nahem Geschäft oder beratungsintensiven Modellen, wenn Budgets verschoben werden. Dass dort der Druck steigt, während übergreifend im dritten Quartal ein kleiner Rückgang sichtbar ist, unterstreicht eine wichtige Erkenntnis für das Risikomanagement: Durchschnittswerte verdecken strukturelle Unterschiede. Wer nur auf Gesamtinsolvenzen schaut, übersieht möglicherweise, wo sich Zahlungsausfälle tatsächlich häufen.
Für die nächsten Monate setzt das IWH zwar einen positiven Akzent, aber mit klarer Betonung auf eine noch nicht abgeschlossene Trendbildung. Steffen Müller, Forschungsleiter am IWH, sieht das Insolvenzgeschehen weiter auf einem hohen Niveau. Gleichzeitig sagt er für das vierte Quartal „insgesamt“ eine Besserung voraus: Für die kommenden Monate dürften die Insolvenzzahlen demnach rückläufig sein. Solche Erwartungen sind für die Marktteilnehmer wichtig, weil sie die Planungshorizonte beeinflussen – von der Standort- und Investitionsentscheidung bis hin zur Ausgestaltung von Kreditlinien. Allerdings deutet der September-Anstieg darauf hin, dass sich die Verbesserung nicht als lineare Kurve darstellen dürfte, sondern eher als Übergang in eine Phase mit weniger Neuzugängen bei Pleiten.
Für Entscheider in Unternehmen und Finanzierungen ergibt sich daraus ein pragmatischer Handlungsrahmen. Wenn Insolvenzen weiter auf erhöhtem Niveau laufen, lohnt es sich, Lieferanten- und Kundenportfolios granular zu überprüfen: Welche Geschäftsmodelle reagieren besonders empfindlich auf Nachfrageschwankungen, welche Verträge bieten Sicherheitsmechanismen wie gestaffelte Zahlungspläne, Bürgschaften oder Netting-Regeln? Auch im Controlling wird die Verbindung von Insolvenzdaten und Bilanzkennzahlen durch das IWH-Prinzip relevant: Rating-Logiken können stärker auf Frühindikatoren gestützt werden, anstatt sich erst auf verzögerte amtliche Statistiken zu verlassen. Damit wird aus der reinen Nachrichtenlage ein Steuerungsinstrument für Liquidität, Risikoallokation und Verhandlungen im Tagesgeschäft.
Unterm Strich liefert die IWH-Auswertung ein differenziertes Bild: September zeigt wieder mehr Firmenpleiten, das dritte Quartal insgesamt bleibt jedoch leicht rückläufig, und für das vierte Quartal wird eine Trendwende erwartet. Besonders wachsam bleiben sollte man im Dienstleistungssektor, wo die Werte seit 2020 auf ein neues Hoch klettern. Für den weiteren Verlauf wird vor allem relevant sein, ob die angekündigte Verbesserung im vierten Quartal breit genug greift oder ob sich die Belastung lediglich zeitlich und sektoral verschiebt. Genau diese Mischung aus zeitlichem Verlauf, sektoraler Konzentration und Indikator-Qualität entscheidet darüber, ob sich „Besserung in Sicht“ für Unternehmen in belastbare Planung übersetzt.
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