LONDON (IT BOLTWISE) – Instagram testet ein neues Video-Format, das Uploads bis zu 90 Minuten ermöglicht. Damit reagiert der Dienst auf die bisherige Dominanz von YouTube beim Creator-Geld, das über Werbeumsätze direkt ausgeschüttet wird. Gleichzeitig setzt Instagram auf eine Brücke: Reels sollen als Einstiege in lange Videos dienen, inklusive Funktion „Clips as Reels“. Ob Meta damit erstmals spürbar gegen das YouTube-Partnerprogramm ankommt, hängt vor allem davon ab, ob und wie Werbung in den längeren Formaten landet.

Instagram macht nach Jahren der Short-Form-Priorität einen auffälligen Schritt: Der Dienst testet derzeit Uploads, die deutlich länger als klassische Reels-Formate ausfallen und Video-Längen von bis zu 90 Minuten abdecken. Damit verschiebt sich die grundlegende Annahme, dass vertikales, kurzes Storytelling das beste Nutzerverhalten erzeugt und sich daraus am schnellsten Wachstum ableiten lässt. Für Creator ist die Frage aber weniger, wie lange ein Video sein darf, sondern wie gut sich die investierte Zeit am Ende monetarisieren lässt.
Der wirtschaftliche Unterschied zwischen den Plattformen liegt dabei im Zahlungsmechanismus. YouTube ist in den letzten Jahren vor allem deshalb für viele Creator planbarer geworden, weil es mit dem Partnerprogramm einen relativ direkten Weg vom Werbegeld zum Urheber schafft: Laut Beschreibung werden Creator, die dort eingeschrieben sind, mit 55% der Werbeerlöse beteiligt, die YouTube mit ihren Videos erzielt. Zusätzlich nennt die Quelle, dass YouTube in den vergangenen vier Jahren mehr als 100 Milliarden US-Dollar an Creator, Künstler und Medienunternehmen ausgezahlt habe. Instagram kann Monetarisierung zwar ebenfalls über verschiedene Werkzeuge abbilden, zahlt aber in der Regel nicht in einem klaren Pay-per-View-Modell aus, weshalb viele Accounts stärker als Reichweiten- und Werbe-„Schaufenster“ für YouTube wirken als als eigenständiger Einnahmekanal.
Adam Mosseri, Leiter von Instagram, beschreibt den Kern dieser Logik mit Blick auf die Monetarisierung: „You can get paid by the platform directly, you can get paid by a fan, and you can get paid by a brand“, so Mosseri. Er ergänzt, dass derzeit überwiegend Marken als Geldquelle dominieren, während performanzbasierte Programme zwar existieren, aber aus seiner Sicht nicht in der Breite skaliert werden sollten, weil das Verhältnis von eingesetztem Kapital und Rückfluss bislang nicht aufgeht. Genau an dieser Stelle setzt die neue Instagram-Strategie an, denn längere Videos eröffnen grundsätzlich mehr Platz für Werbeformate und damit mehr potenzielle Einnahmepfade.
Technisch und strategisch ist der Zeitpunkt interessant: Instagram folgt damit einer Idee, die es bereits vor Jahren mit IGTV ausprobiert hat, dann aber wieder eingestellt wurde. Dass Instagram nun wieder längerfristige Formate zulässt, wirkt wie eine erneute Lernkurve aus der Frage, wie man lange Inhalte mit dem Instagram-Nutzerverhalten zusammenbringt, ohne die Reels als Wachstumstreiber zu beschädigen. Deshalb kombiniert Instagram die Tests offenbar nicht mit einem simplen „mehr Länge, weniger Reels“, sondern mit einer Funktion namens „Clips as Reels“: Creator sollen lange Videos so in Reels-Form umformen können, dass ein kurzer Einstieg entsteht und der Link anschließend auf das längere Video führt. Zusätzlich sollen Zuschauer lange Videos speichern können, um sie später über die TV-App abzurufen – ein Hinweis darauf, dass Instagram mittelfristig auch den Wohnzimmer-Bildschirm als Discovery- und Konsumfläche einplant.
Inhaltlich verbindet Instagram diese Umstellung außerdem mit dem Ziel, Short- und Long-Form nicht als Konkurrenz zu behandeln, sondern als symbiotische Ergänzung. Mosseri formuliert den Gedanken in der Quelle direkt als Versuch, die Formate so zu „unterstützen“, dass sie voneinander profitieren: Reels bleiben ein Kern, die Nutzer sollen jedoch tiefer in Inhalte gehen können, wenn sie genau das bei bestimmten Creator-Favoriten wollen. Die Produktseite wird dafür mit Tessa Lyons ebenfalls adressiert, die in der Quelle erklärt, sie habe Mosseri überzeugt, längere Inhalte erneut zu testen. Neben den Video-Längen arbeitet Instagram in dem Zusammenhang laut Quelle auch an verbesserten Discovery-Mechanismen für Live-Video sowie an einer Hub-Struktur auf dem Creator-Profil für episodische Reels, die wie eine verknüpfte Serie funktionieren soll.
Für den Marktausblick ist entscheidend, ob Instagram in den längeren Videos auch tatsächlich Werbung platziert und damit eine neue Monetarisierungsrealität schafft. Die Quelle verweist auf die Meta-Logik, dass eine stärkere Werbeintegration in langen Formaten theoretisch naheliegt, da Meta seine Erträge stark über Werbung erzielt. Gleichzeitig ist die öffentliche Informationslage dazu in der Quelle noch offen: Es heißt, Instagram erforsche verschiedene Wege, wie Creator Geld verdienen können – unter anderem über Marken, Fans und performanzbasierte Anreize – und man rechne mit „compounding benefits“, also kumulativen Vorteilen durch neue Geschichten, Reichweiten und Partnerschaften. Genau diese Lücke zwischen „Formattest“ und „Zahlungsmodell“ entscheidet, ob Instagram aus einem Einstiegsangebot für YouTube wird oder erstmals selbst eine ernsthafte Alternative für langfristige Einnahmen.
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