BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – An der stark frequentierten Kreuzung Kottbusser Tor in Berlin ist eine Hass-Parole gegen Investoren an einer Hausfassade gemalt. Berliner Venture-Capitalist Filip Dames zeigt sich entsetzt und verknüpft die Aussage mit der Frage, woher der Hass auf die Branche kommt. In der VC-Szene wird zugleich zwischen Gewaltaufruf und juristisch mehrdeutiger Formulierung unterschieden. Andere Gründer und Investoren warnen vor einer weiteren Spaltung und betonen, dass Innovation ein respektvolles Miteinander braucht.

Wer den Weg von der U-Bahn-Station Kottbusser Tor über die Treppe in Richtung Skalitzer Straße nimmt, trifft dort auf eine Botschaft, die man nicht so schnell „wegscrollt“: In mannshohen Buchstaben prangt an einer mehrstöckigen Wohnhausfassade der Satz „Investoren töten“. Die Stelle liegt in Friedrichshain-Kreuzberg 1, einem Wahlkreis, in dem die Linken-Spitzenkandidatin Elif Eralp bei der Wahl am 20. September mit 50,4 Prozent gewonnen hat. Dass Graffiti an dieser Ecke regelmäßig sichtbar sind, macht die Sache nicht harmloser, aber sie ordnet sie in den Kiez ein: Hier gilt die Umgebung rund um den „Kotti“ als Hotspot für Streetart. Gerade deshalb wirkt die Botschaft umso schärfer, weil sie offenbar bewusst nicht nur provozieren, sondern Menschen adressieren soll, die in der Startup- und Immobilienökonomie Berlins eine Rolle spielen.
Auslöser der öffentlichen Debatte war die Reaktion eines VCs, der die Parole auf der Plattform X als „Berlin, Kottbusser Tor 2026“ kommentierte. Filip Dames, Gründer und Partner des Berliner VC Cherry Ventures, verknüpfte den Schriftzug mit dem Gefühl, dass Investoren zunehmend pauschal unter Druck geraten. In seiner Argumentation stellte er vor allem seine lokale Wirkung heraus: Seit 2008 gründe bzw. finanziere er Firmen in Berlin, nannte dabei mit „Amboss“ und „Zalando“ Beispiele aus dem Startup-Umfeld und sprach von konservativ „+11.000 Berliner Jobs“ sowie „weit über 1Mrd. Euro“ an Einkommensteuer. Wichtig: Dames’ Stellungnahme ist zugleich ein Kommunikationssignal an die Szene. Er versucht, die abstrakte Botschaft „gegen Investoren“ in einen konkreten Rahmen zu rücken – Arbeitsplätze, Steuereinnahmen und wirtschaftliche Wirkung – und macht damit deutlich, dass es ihm nicht nur um Empörung, sondern um Gegen-Narrative geht.
Zwischenzeitlich blieb aber auch im direkten Umfeld die Wahrnehmung unterschiedlich. Anwohner und Passanten, die im Gespräch mit dem Umfeld des Artikels genannt werden, sagen, ihnen sei der Schriftzug bislang kaum aufgefallen. Das passt zum Charakter solcher Orte: In einem Umfeld, in dem schon mehrfach aggressive politische Parolen oder etablierte Streetart sichtbar sind, geht die Aufmerksamkeit für einzelne neue Botschaften schnell verloren. Gleichzeitig berichten Anwohner, dass aggressive politische Aussagen in der Nachbarschaft kein Einzelfall seien; als Beispiel wird unter anderem „Präsidenten töten“ genannt. Schon 2017 habe am U-Bahnhofdach „Hate Cops“ groß in den Raum gearbeitet. Der aktuelle Fall bleibt dabei in mehreren Punkten offen: Seit wann der Satz genau zu sehen ist, wer ihn angebracht hat, und ob es sich eher um eine Tatsachenbehauptung oder einen Aufruf handelt, lässt sich aus den vorliegenden Aussagen nicht eindeutig ableiten. Genau diese Mehrdeutigkeit bestimmt, wie die VC-Szene das Risiko für ihren Ruf einschätzt.
In der Berliner VC-Szene wurde die Botschaft deshalb auch nicht nur moralisch bewertet, sondern sprachlich eingeordnet. Moritz Gillmair, der in Berlin lebt und als VC bei Redstone arbeitet, hält den Schriftzug für problematisch. Seine Bewertung unterscheidet die Lesarten: Als Gewaltaufruf sei die Aussage „inakzeptabel“, als Behauptung „falsch“ – und als bewusstes Spiel mit beiden Interpretationen ein „billiger und polarisierender Trick“. Gillmair bringt dabei eine Gegenperspektive ins Spiel, die über reines Krisenmanagement hinausgeht: Investoren wollten nicht töten, sondern „mehr Leben“ in einer Stadt fördern, die privates Geld und Tempo brauche. Historisch verortet er das Ganze außerdem als „geschichtsvergessen“, weil er der Aussage einen Bezug zu zuvor getöteten gesellschaftlichen Gruppen zuschreibt und damit implizit die Gefahr sieht, dass aktuelle Konflikte in alten Mustern gelesen werden. Der entscheidende Punkt aus seiner Sicht: Die Branche müsse offensiver auftreten und ihre Rolle klarer erklären – wer trägt Risiko und wer baut.
Ganz ähnlich argumentiert auch ein anderer Investor, Christian Miele, der betont, dass die Mehrdeutigkeit rechtlich eher „schützt“, als dass sie die Wirkung mindert. Seine Aussage zielt auf einen juristischen Kern, der in solchen Fällen häufig diskutiert wird: Wenn eine Parole zugleich als Aussage und als Drohung lesbar ist, kann das die juristische Einordnung erschweren. Miele formuliert es pointiert: Die Unklarheit mildert sie nicht. In seiner weiteren Begründung stellt er den gesellschaftlichen Beitrag heraus – wer Unternehmen aufbaut oder Wohnungen finanziert, sei kein „Eindringling“, sondern Teil dessen, was Berlin wirtschaftlich am Laufen hält. Diese Argumentationslinie berührt einen Marktmechanismus, der für die Startup-Ökonomie zentral ist: Kapital ist nicht nur Geld, sondern Vertrauen, Planungssicherheit und Zugang zu Netzwerken. Wenn aber ein Teil der Stadt signalisiert, dass Kapital „unwillkommen“ ist, wird aus einem Kommunikationsproblem schnell ein Investitionsproblem – weil weniger Menschen bereit sind, Risiko einzugehen oder überhaupt öffentlich dazu zu stehen.
Unterdessen betonen Gründer, dass das Problem nicht mit einem einzelnen Graffito endet. Julian Teicke, Gründer und Investor, sieht in der Parole ein Symptom für eine angespannte Stimmung und eine Spaltung in der Stadt. In seiner Lesart fühlen sich viele Menschen „nicht gehört“ – weder von Politik noch von Wirtschaft. Deshalb sei es nicht hilfreich, „Öl ins Feuer“ zu gießen, und er fordert ein Umfeld für „Innovation und Wachstum“ sowie ein respektvolles Miteinander. Teicke macht daraus sogar eine geopolitische Linie: Wenn Berlin marktbasierte Mechanismen außer Kraft setze, wandere Innovation woanders hin. Damit steige langfristig auch die Abhängigkeit von Technologie aus den USA und aus China. Das ist keine unmittelbare technische Detailfrage, aber in der Startup-Praxis eine strategische: Standortpolitik entscheidet mit darüber, ob sich Teams gründen, ob Talente bleiben und ob Kapital in frühe Risiken fließt. In diesem Sinne ist das Graffito weniger ein „Einzelfall“, sondern ein Hinweis darauf, wie schnell gesellschaftliche Konfliktlagen die Risikowahrnehmung von Investoren beeinflussen können.
Gleichzeitig zeigt die Reaktion eines weiteren, anonym bleibenden Berliner VC, dass nicht alle die gleiche Dringlichkeit sehen. Er bezeichnet den Schriftzug als die Meinung „irgendeines Teenagers“, der nicht versteht, wovon er spricht, und sagt auch, die Botschaft selbst beeindrucke ihn nicht. Der Punkt hinter dieser Abwehrhaltung: Nur weil etwas in großer Schrift an einer Hauswand steht, heißt das nicht automatisch, dass es breite Zustimmung findet – vieles bleibt aus seiner Sicht „Autor n=1“. Für die öffentliche Wahrnehmung ist das allerdings nur teilweise beruhigend. In der Praxis können einzelne, lokal sichtbare Parolen trotzdem eine überregionale Wirkung entfalten, weil sie sich über Social Media schnell als „Beleg“ für größere Stimmungen verbreiten. Am Ende steht damit eine doppelte Aufgabe: die Szene darf sich nicht in symbolische Gegenangriffe ziehen lassen, aber sie muss die eigene Rolle so erklären, dass aus Frust keine Feindbilder werden. Genau dort entscheidet sich, ob aus dem „Kotti“-Schriftzug kurzfristig nur ein skandalöser Vorfall wird – oder langfristig eine Messlatte dafür, wie investitionsfreundlich Berlin sich selbst versteht.
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