DÜSSELDORF / LONDON (IT BOLTWISE) – Ein Branchenbericht deutet darauf hin, dass Aerospacelab offenbar einen großen Auftrag für das EU-Satellitennetz Iris2 erhält. Demnach sollen bis zu 264 von insgesamt 348 Satelliten von Aerospacelab gebaut werden, der Auftragswert läge bei mindestens 1,8 Milliarden Euro. Airbus geht dabei nicht leer aus: Der Konzern liefert 66 Mil-Ka-Satelliten für die militärische Satellitenkommunikation. Für Aerospacelab und OHB nennt der Bericht außerdem ein Startziel der ersten Satelliten im Orbit im Jahr 2029.

Iris2: Aerospacelab baut offenbar EU-Satelliten, Airbus liefert Mil-Ka
Iris2: Aerospacelab baut offenbar EU-Satelliten, Airbus liefert Mil-Ka (Foto: IT BOLTWISE)
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Beim Aufbau von Iris2, dem geplanten europäischen Satellitennetz für sichere Konnektivität aus dem All, verschiebt sich die Hersteller-Landkarte spürbar. Laut einem Bericht aus dem Umfeld der Auftragsvergabe soll die Firma Aerospacelab offenbar einen Auftrag erhalten, der sich auf einen Großteil der geplanten Konstellation bezieht: Bis zu 264 der insgesamt 348 Satelliten wären demnach bei ihr in der Fertigung. Der mögliche Auftragswert liegt demnach bei mindestens 1,8 Milliarden Euro. In derselben Darstellung wird außerdem der Satellitenbauer OHB als Teil der Lieferkette genannt, wodurch Iris2 weniger nach einem „One-Company“-Projekt aussieht, sondern nach einer industriellen Arbeitsteilung über mehrere Teams hinweg.

Technisch ist diese Aufteilung nicht nur eine Frage der Kapazitäten, sondern auch der Umlaufbahn-Logik. Aerospacelab soll dem Bericht zufolge bis zu 264 Satelliten für das europäische Konzept bereitstellen, während OHB den Bau von 18 sogenannten MEO-Satelliten übernimmt. „MEO“ steht für eine mittlere Erdumlaufbahn, in der die Systeme in größerer Höhe kreisen als typische LEO-Elemente und dadurch oft eine andere Kombination aus Abdeckung, Laufzeit und Systemkosten liefern. Gerade diese Parameter sind für ein Netz, das Kommunikation „sicher aus dem All“ ermöglichen soll, entscheidend: Höhere Bahnlagen können die Kontaktfenster pro Satellit verändern, während die Auslegung der Kommunikationstechnik (Antennen, Modulations-/Codierverfahren und Architektur für das Routing) stark von der Bahnhöhe abhängt.

Für die Markt- und Industriestruktur ist aber ebenso relevant, dass Airbus trotz der prominenten Rolle anderer Hersteller weiterhin klar sichtbar bleibt. In den vorliegenden Angaben heißt es, Airbus baue für Iris2 66 sogenannte Mil-Ka-Satelliten für militärische Satellitenkommunikation. Das rückt Airbus in eine Position, in der der Konzern nicht nur als „Kabel- und Nutzlastzulieferer“ wahrgenommen wird, sondern als Anbieter einer spezifischen Satellitengeneration, die auf den Kommunikationsbedarf zugeschnitten ist. Das Konsortium, das für den LEO-Teil zuständig ist, habe den Auftrag an Airbus bestätigt; zugleich wird erwähnt, dass eine Anfrage zu weiteren LEO-Bezügen mit dem Hinweis auf noch laufende Verhandlungen nicht beantwortet worden sei. Das ist eine typische Konstellation bei großen Raumfahrtprogrammen: Frühere Rollouts und Architekturentscheidungen können sich über Jahre ziehen, während die konkreten Vergabegrenzen je Segment erst in späteren Schritten „eingefroren“ werden.

Die Zeitachse hinter Iris2 macht deutlich, wie lange solche Programme brauchen, bis sie vom Konzept in die Produktion und schließlich in den Orbit wechseln. Dem Bericht zufolge zielt man bei Aerospacelab und OHB darauf ab, 2029 die ersten Satelliten in den Orbit zu bringen. Ein Jahr später sollen dann die ersten Regierungsbehörden in der EU Iris2 nutzen können; später sollen auch Privatpersonen folgen. Dass die EU-Kommission seit fast sechs Jahren an dem Vorhaben arbeitet, unterstreicht dabei vor allem den Planungsdruck auf die Lieferkette: Komponenten wie Strukturen, Solarzellen, Sende-/Empfangseinheiten, Software für das Onboard-Processing sowie Test- und Qualifikationsumfänge müssen so terminiert werden, dass sie nicht nur im Labor funktionieren, sondern auch die Zulassungs- und Systemintegrationsphasen überstehen.

Inhaltlich richtet Iris2 den Blick dabei explizit auf die Frage, wie Europa seine digitale Infrastruktur im Raumfahrtbereich unabhängiger gestaltet. Der Bericht stellt Iris2 in den Kontext der Konkurrenz durch Starlink, das Satellitennetzwerk von Elon Musks SpaceX. Anstatt nur „mehr Satelliten“ zu versprechen, geht es hier um einen zweiten, strategischen Kommunikationspfad, der für militärische oder Nachrichtendienst-Anforderungen ausgelegt sein soll. Genau an dieser Stelle wird der technische Wettbewerb zwischen Netzen besonders interessant: Nicht allein die Anzahl der Satelliten entscheidet über Leistungsfähigkeit, sondern auch Frequenz-/Bandnutzung, Dienstgüte (etwa Latenz und Verfügbarkeit), die Art der Netzarchitektur (Ground-Segment, Gateways, Steuerung) sowie die Fähigkeit, unter unterschiedlichen Wetter- und Betriebsbedingungen verlässlich zu routen. In der Praxis wird der Mehrwert für Behörden und später auch für Privatnutzer dann davon abhängen, wie gut die Services in den ersten Betriebsjahren „hochgefahren“ werden können.

Für Unternehmen in der Raumfahrtindustrie bedeutet das gleichzeitig: Fertigungskapazitäten und Systemkompetenz werden zu Engpassressourcen. Wenn Aerospacelab perspektivisch bis zu 264 Satelliten beisteuert und OHB 18 MEO-Satelliten liefert, steigt der Bedarf an standardisierten Fertigungsprozessen, qualifizierten Lieferanten und klaren Schnittstellen zwischen Plattform und Nutzlast. Dazu kommt, dass die genannten Beträge (mindestens 1,8 Milliarden Euro für den Großauftrag, knapp eine Milliarde Euro für den OHB-Teil) in der Regel nicht nur Materialkosten widerspiegeln, sondern auch Qualifikation, Tests und Integrationsleistungen enthalten. Airbus wiederum positioniert sich in dieser Logik über die 66 Mil-Ka-Satelliten, die für den „militärischen Kommunikationsstrang“ vorgesehen sind; das kann langfristig auch Auswirkungen auf Service- und Wartungsmodelle haben, sobald der Betreiberbetrieb startet.

Offen bleibt indes, wie genau die Segmentierung zwischen LEO- und MEO-Elementen in der Endausbaustufe aussieht und wie stark sich die konkrete Lieferquote gegenüber den „bis zu“-Formulierungen verschiebt. Solche Bandbreiten sind in frühen Vergabe- und Planungsphasen üblich: Hersteller werden mit Zielmengen beauftragt, während Zulassungsauflagen, Startplan-Anpassungen oder Systemoptimierungen die finale Zahl später präzisieren können. Für die nächsten Monate dürfte deshalb besonders relevant sein, wie die Verhandlungen zu den LEO-Bezügen konkretisiert werden und welche Servicelevel dann für Behörden im Jahr 2030-Umfeld realistisch sind. Klar ist aber schon jetzt: Iris2 entsteht entlang einer industriellen Arbeitsteilung, die sowohl Bahn-Design (MEO/LEO) als auch Kommunikationsrollen (Mil-Ka und weitere Segmente) technisch verzahnt und damit einen europaweiten Lieferketten- und Kompetenzaufbau anstößt.


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