LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue Umfrage ordnet Israels aktuelle Welle von Unternehmensverkäufen einer Spendenleistung zu, die in diesem Jahr rund 4 Millionen US-Dollar an israelische Nonprofits erreichen soll. Grundlage ist ein Modell, bei dem Startups unvested Stock-Optionen bereits lange vor einem möglichen Exit an einen Fonds übergeben. Sobald ein Käufer die Anteile übernimmt, wird der Optionswert in Geld umgewandelt und an Hilfsorganisationen weiterverteilt, die das Startup mit auswählt. Das Volumen baut zudem auf einen wachsenden Pipeline-Effekt auf, weil mehrere Dutzend neue Startups dem System beitreten.

Die diesjährige Exit-Welle israelischer Technologieunternehmen bringt nicht nur Kaufpreise hervor, sondern wirkt offenbar auch über die Unternehmensgrenzen hinaus in die lokale Zivilgesellschaft hinein. Laut einer Umfrage des in Israel ansässigen Fonds Temura flossen in diesem Jahr umgerechnet rund 12 Millionen NIS beziehungsweise etwa 4 Millionen US-Dollar an Spenden an israelische gemeinnützige Organisationen. Temura bezifferte das Ergebnis als seinen zweitgrößten jährlichen Spendenwert seit der Gründung im Jahr 2002 – ein Hinweis darauf, dass das Modell mittlerweile genug Skalierung erreicht hat, um neben einzelnen Großdeals sichtbar zu werden.
Bemerkenswert ist dabei weniger die Höhe als der zeitliche Mechanismus: Temura stellt die Spenden praktisch dann auf den Weg, wenn die meisten Startups noch gar nicht wissen, ob und wann es zu einer Übernahme kommt. Startups verpflichten sich dazu, unvested Stock-Optionen an Temura zu übertragen, noch bevor diese Optionen überhaupt einen materiellen Wert annehmen. Wenn das Unternehmen später tatsächlich übernommen wird, wird Temuras Beteiligung in Bargeld konvertiert und die Erlöse an Nonprofits ausgeschüttet, die vom spendenden Unternehmen ausgewählt werden – häufig zusammen mit den Mitarbeitenden, die so in die Auswahl eingebunden sein können.
Die Spenden lassen sich in der Umfrage mit einer Reihe großer Transaktionen in Verbindung bringen. Genannt werden unter anderem Apples etwa 1,5 Milliarden US-Dollar schwere Übernahme der KI-nahen Firma Q.ai, Ciscsos ungefähr 400 Millionen US-Dollar Erwerb von Astrix Security sowie die rund 430 Millionen US-Dollar Akquisition von Teramount durch Molex. Ergänzend tauchen mehrere kleinere Verkäufe auf, etwa Salesforce’ Kauf von Doti AI, Cribls Übernahme von CardinalOps, Instacarts Erwerb von Arpalus und PayPals Zukauf von Cymbio. Auf der Ebene einzelner Geschäfte ist das zwar eine unterschiedliche Größenordnung, auf der Ebene des Spendenmodells folgt jedoch ein ähnlicher Gedanke: Kaufpreise werden nicht erst im Rückblick als „Erfolg“ bilanziert, sondern finanzieren Beiträge, die bereits vor dem Liquiditätsereignis festgelegt wurden.
Im Rahmen der diesjährigen Ausschüttungen beteiligten sich laut Umfrage über 50 Nonprofits. Dazu zählen unter anderem Connection 20-80, NATAL, Variety Israel, Matzmichim, SAHAR, Shavot, Amitek, HaGal Sheli und Lehoshit Yad. Für die Praxis bedeutet das: Die Geldflüsse laufen in einem breiten Spektrum an, statt sich auf eine einzelne Organisation zu konzentrieren. Neben der Außenwirkung für Empfängerorganisationen ist das auch für Startups relevant, weil Mitarbeitende dadurch nicht nur am ökonomischen Ergebnis eines Exits, sondern an einer vorab definierten sozialen Verwendung des Optionswerts partizipieren können.
Temuras Vorstandschef Baruch Lipner ordnet das Programm nach Angaben in der Umfrage als ein weiteres Messinstrument für den gesamtgesellschaftlichen Effekt der Technologiebranche ein. Er verwies dabei darauf, dass die Branche ihren Erfolg nicht allein an Akquisitionswerten ablesen könne, sondern auch daran, was sie in der Gesellschaft leistet, in der sie wächst. Genau an dieser Stelle wird das Modell interessant für Unternehmen und Fonds: Es übersetzt eine häufig schwer zu kommunizierende Wirkung – nämlich „Impact“ – in eine nachvollziehbare Finanzlogik, die an konkrete Liquiditätsereignisse gekoppelt bleibt.
Auch die Pipeline scheint weiter zuzulegen. Temura nennt, dass in diesem Jahr 43 neue Startups dem Fonds beitraten, darunter Qedma, Hyro, Backdrop, Bold und Xtend. Damit entsteht eine zusätzliche potenzielle Quelle künftiger Spenden, sobald diese Unternehmen später ebenfalls zu einem Exit kommen. Für die Branche ist das zugleich ein Signal: Der Wettbewerb um Talente und Kapital wird im Startup-Ökosystem zunehmend durch Governance- und Beteiligungsmechanismen ergänzt, die frühzeitig über gesellschaftliche Ziele nachdenken. Wenn solche Strukturen zur Standardoption werden, könnten sich soziale Beiträge perspektivisch stärker aus dem „Backlog“ künftiger Transaktionen speisen – nicht nur aus philanthropischen Einmalaktionen nach einem erfolgreichen Verkauf.
Temura selbst wurde 2002 von Yadin Kaufmann gegründet, der weiterhin als Vorsitzender fungiert. Seit der Gründung hat die Organisation nach eigenen Angaben mehr als 135 Millionen NIS, umgerechnet rund 45 Millionen US-Dollar, an Bildungs- und Community-Programme in Israel ausgeschüttet. Im Zusammenspiel mit dem aktuellen Jahrgang zeigt das Modell, wie Exit-getriebene Wertschöpfung systematisch in wiederkehrende Spendenströme überführt werden kann – technisch gesehen durch eine vorab vereinbarte Umwandlung von Optionsrechten in Mittel, organisatorisch durch die frühe Auswahl von Empfängern, und wirtschaftlich durch die Kopplung an realisierte Transaktionswerte.
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