FRANKFURT / LONDON (IT BOLTWISE) – Das Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) rechnet nach den US-Zwischenwahlen nur mit geringen Änderungen an Trumps Zollkurs. Das IW erwartet, dass die Richtung der Wirtschafts- und Zollpolitik mindestens bis Januar 2029 Bestand hat. Eine mögliche oppositionelle Mehrheit im US-Kongress dürfte für eine dauerhafte Abkehr jedoch zu knapp ausfallen, um ein Trump-Veto sicher zu überstimmen. Für deutsche Unternehmen bleibt damit vor allem eines: anhaltende Planungsunsicherheit im Handel mit den USA.

Die US-Zwischenwahlen könnten im Ergebnis politisch laut werden, wirtschaftlich aber eher wenig Bewegung bringen: Das Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) kommt in einer Studie zu dem Schluss, dass Trumps Zollkurs nach den Midterms voraussichtlich kaum erleichtert wird. Im Kern geht es dabei nicht nur um einzelne Prozentpunkte an Einfuhrabgaben, sondern um die vermutlich fortgesetzte Grundlinie der Wirtschafts- und Zollpolitik. Das IW begründet die Erwartung mit dem regulären Ende der Amtszeit von Donald Trump und der praktischen Hürde, ein Veto des Präsidenten im Kongress zu kippen.
Für deutsche und europäische Unternehmen ist diese Perspektive vor allem deshalb relevant, weil Zölle nicht isoliert wirken, sondern Lieferketten, Preisbildungslogiken und Investitionsentscheidungen über mehrere Quartale hinweg beeinflussen. Laut IW bleibt die Unsicherheit „auch nach den Zwischenwahlen anhalten“ – ein Punkt, der über die reine Wahlprognose hinausgeht. Die IW-Außenhandelsexpertin Samina Sultan ordnet die Situation so ein, dass die USA zwar weiterhin ein „wichtiger Handelspartner“ bleiben, Unternehmen aber trotzdem eine längerfristig stabile, zugleich aber kalkulatorisch belastende Zollumgebung einkalkulieren sollten. Damit verschiebt sich die Frage von der „Wann kommt Entspannung?“ hin zur „Wie robust planen wir die nächsten Jahre?“
Die Bilanz von Trumps Zollpolitik fällt nach Einschätzung des IW trotz der politischen Zielsetzung eher mager aus: Die zentralen wirtschaftspolitischen Versprechen seien bislang unerfüllt. Besonders deutlich wird das aus IW-Sicht beim US-Warenhandelsdefizit: Im August 2026 lag es demnach bei 130 Milliarden US-Dollar. Das waren rund 35 Milliarden US-Dollar mehr als im August 2024. Gleichzeitig sank der EU-Anteil am Defizit von 20 auf sieben Prozent. Diese Verschiebung erklärt das IW vor allem damit, dass die USA mehr Waren – insbesondere Energie – in die EU exportierten; das Defizit gegenüber der gesamten Welt bleibt damit jedoch hoch.
Auch bei Deutschland sieht das IW zwar eine leichte Verbesserung, aber keine Entwarnung: Das Handelsdefizit der USA mit Deutschland sank im August 2026 auf 5,8 Milliarden US-Dollar, nach 6,6 Milliarden zwei Jahre zuvor. Parallel zeigt die Studie, dass die Zollpolitik nicht automatisch zu mehr Investitionsaktivität in den USA führt. Ausländische Firmen hätten den Angaben zufolge 2025 weniger in den USA investiert: Die Direktinvestitionen beliefen sich demnach auf 248 Milliarden US-Dollar, 8,2 Prozent weniger als im Vorjahr. Obwohl die US-Wirtschaft robust wächst, entstehen dem IW zufolge weniger neue Jobs als unter der Vorgängerregierung, und die Investitionen konzentrierten sich stark auf KI-Projekte. Dazu kommen höhere Lebenshaltungskosten aufgrund des Iran-Kriegs sowie weiter steigende US-Staatsschulden.
Dass diese makroökonomischen Faktoren den Zollkurs flankieren, macht die Studie besonders strategisch: Die US-Staatsschulden überstiegen laut IW erstmals 40 Billionen US-Dollar. Das entspricht einem Niveau von mehr als 120 Prozent der Wirtschaftsleistung. In so einer Konstellation werden fiskalische Impulse und wirtschaftspolitische Prioritäten schnell zu einem Gesamtpaket. Für Unternehmen bedeutet das: Selbst wenn Zollmaßnahmen politisch verhandelt würden, könnten andere Kostentreiber wie Zinsen, Energiekosten und Lohnentwicklung eine Rückkehr zu „normalen“ Rahmenbedingungen verzögern. Hinzu kommt, dass die politische Durchsetzbarkeit von Änderungen nach den Midterms als begrenzt gilt.
Im politischen Setup stehen die 3. November anstehenden Kongresswahlen im Mittelpunkt: 435 Sitze im Repräsentantenhaus sowie 35 der 100 Senatsposten werden neu gewählt. Umfragen zufolge könnten die Demokraten das Repräsentantenhaus erobern, während im Senat kein klares Bild erkennbar sei. Doch selbst wenn die Opposition in einer oder beiden Kammern die Mehrheit bilden sollte, müsste ein mögliches Veto von Trump mit einer Zweidrittelmehrheit in beiden Kammern überstimmt werden. Das gilt in der Praxis als extrem schwer zu erreichen. Für die Zollpolitik heißt das: Die politische „Gegenmacht“ bleibt zwar potenziell präsent, reicht aber wohl nicht aus, um die grundlegende Richtung kurzfristig zu drehen – weshalb das IW den Zeitraum bis Januar 2029 betont.
Für IT- und Technologiefirmen, Zulieferer sowie exportorientierte Industriegruppen folgt daraus vor allem ein Planungsauftrag: Preis- und Margin-Risiken müssen über mehrere Geschäftszyklen hinweg modelliert werden, während Beschaffungs- und Produktionsstandorte unter einem längeren Horizont bewertet werden. Gleichzeitig rückt die Studie die Rolle von Investitionen in KI in den Vordergrund: Wenn Kapital stärker in KI gebündelt wird, während Beschäftigungseffekte weniger stark ausfallen, entstehen neue Schwerpunktverschiebungen entlang der Wertschöpfungskette. Unter diesen Vorzeichen wirkt die Zollpolitik wie ein zusätzlicher Parameter in einem ohnehin komplexen Investitionsumfeld – nicht als alleiniger Treiber. Entscheidend bleibt daher, dass Unternehmen Szenarien für weiterhin erhöhte Unsicherheit und stabile Zollrahmenbedingungen professionell in ihre Roadmaps integrieren.
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