LONDON (IT BOLTWISE) – Der JBL Live 780NC liefert im Test ein auffällig umfangreiches Feature-Set für rund 180 Euro UVP. Besonders praktisch sind Auracast inklusive Airline-Tauglichkeit über öffentliche Durchsagen sowie Multipoint für bis zu zwei Geräte. Beim aktiven ANC zeigt sich jedoch eine spürbare Schwäche gegenüber Apples In-Ear-Topmodell. Dazu passt ein ehrlicher Hinweis zum Komfort: Der Anpressdruck wird schneller zum Thema als die Wärme unter den Ohrpolstern.

JBL positioniert den Live 780NC als Over-Ear-Kopfhörer der oberen Mittelklasse, und das merkt man vor allem am Paket aus Bedienkonzept und Konnektivitätsfunktionen. Nachfolger des Live 770NC, ergänzt JBL die Live-Reihe damit um ein Modell, das nicht nur auf Klang zielt, sondern auch auf möglichst viele Funk- und Bedienoptionen. Mit einer UVP von 180 Euro liegt der Live 780NC klar zwischen einem deutlich teureren Line-up-Vertreter und einem preislich tieferen Modell der gleichen Marke. Im Alltag wirkt das Gerät dabei weniger nach „Tour One“-Anmutung und mehr nach eigener, leichterer Geometrie, obwohl die Bedienelemente in zwei markanten, kreisrunden Pucks untergebracht sind.
Beim Design setzt JBL weiterhin auf kräftige, komplett durchgefärbte Farbstellungen. Die Kombination aus glänzendem Kunststoff an starren Bauteilen und matten Polsteroberflächen sorgt für sichtbare Kontraste, die besonders bei den bunten Varianten auffallen. Auch technisch ist die Bedienlogik klar getrennt: Ein Schalter für Ein/Aus und Kopplung sowie eine ANC-Taste und der USB-C-Anschluss sitzen auf der Außenseite des rechten Pucks, während die Lautstärkeregelung im linken Bereich integriert ist. Zusätzlich gibt es auf der rechten Seite ein Touchfeld für Wiedergabe- und Sprachfunktionen, während die linke Seite „nur“ Träger für die Regelung ist. Wer die Ohrpolster langfristig austauschen will, bekommt allerdings eine Einschränkung: JBL verwendet Steckverbindungen, die sich ohne Beschädigungsrisiko nicht einfach „mit der Hand“ lösen lassen, weil dafür ein Hilfsmittel in den Spalt geschoben und das Polster schrittweise herausgehebelt werden muss; aktuell sind weder von JBL noch zuverlässig über Drittanbieter passende Ersatzpolster verfügbar.
Komfort ist beim Live 780NC nicht grundsätzlich schlecht, aber nicht frei von Kompromissen. Die Polster wirken nach Wochen Dauereinsatz zunächst robust, und die Schaumstofffüllung passt sich gut an. Gleichzeitig bleibt Obermaterial und Polsteraufbau ein Wärmethema: Unter den Ohrpolstern wird es mit der Zeit spürbar warm, sodass die Ohren irgendwann auch anfangen zu schwitzen. Noch wichtiger für die Alltagseignung ist jedoch der Anpressdruck. Mit rund 260 Gramm zählt der Kopfhörer zwar zu den leichteren Over-Ears, im Test wird aber genau dieser höhere Druck schneller unangenehm. Das bestätigt sich nicht nur bei der eigenen Passform, sondern auch bei Testpersonen mit kleinerem Kopf: Für stundenlangen, ununterbrochenen Einsatz eignet sich der Live 780NC damit eher bedingt.
Beim Klang setzt JBL auf ein typisches, spaßorientiertes Profil: Die Tiefen sind dominant und warm, Mitten treten etwas zurück, und die Höhen bleiben klar sowie deutlich, ohne zu übersteuern. Damit stellt JBL den Lifestyle-Charakter über die extreme Detailtreue, die viele Audiophile in den Vordergrund stellen. Für die Anpassung liefert der Kopfhörer zwei Wege: einen manuellen 10-Band-Equalizer und die Personi-Fi-Funktion in der zugehörigen App, die im Vergleich zur klassischen Kurvenarbeit als deutlich intuitiver wahrgenommen wird. Dazu kommt ein naheliegender Praxisvorteil des Kabelbetriebs: Über das mitgelieferte USB-C-zu-3,5-mm-Klinke-Kabel lässt sich der Klang spürbar „feiner“ ausarbeiten, weil eine kabelgebundene Verbindung grundsätzlich bessere Audioqualität erlaubt als Bluetooth selbst mit leistungsfähigen Codecs. Allerdings ist das Kabel nur 120 Zentimeter lang und damit eher für Android-Smartphones mit Klinke oder externe DACs gedacht, die per USB-C am iPhone betrieben werden.
Spannend wird es bei den Funktionen, und hier zeigt sich gleichzeitig die Stärke und eine klare Apple-bedingte Grenze. Beim aktiven ANC liefert der Live 780NC in der Preisklasse um 200 Euro insgesamt eine solide Basis: Monotone Störgeräusche wie Straßenlärm oder Lüftergeräusche werden spürbar reduziert. Das adaptive ANC passt sich dabei an die Umgebungslautstärke an, und zusätzlich gibt es eine Funktion, die den Klang dynamisch abhängig von der ANC-Stufe verändert. Auch Transparenz funktioniert grundsätzlich, allerdings mit dem Hinweis, dass sie weniger natürlich wirkt als man es erwarten würde. Entscheidend ist aber der Vergleich: Das ANC fällt merklich schwächer aus als beim In-Ear-Flaggschiff aus Apples Portfolio. Dadurch werden gerade bei höheren Frequenzen Details wie das Klappern mechanischer Tastaturen weniger stark herausgefiltert. Wer genau an dieser Stelle hohe Ansprüche hat, muss daher tiefer in der Preisklasse investieren.
Breit aufgestellt ist JBL dagegen bei Konnektivität und Zusatzfunktionen. Der Live 780NC unterstützt Auracast, sodass sich der Kopfhörer ähnlich wie bei einem klassischen Radio mit einem öffentlichen Sender verbinden kann, ohne dass eine klassische Kopplung nötig ist. Als konkretes Einsatzbild werden Lautsprecherdurchsagen in einzelnen Terminals an Flughäfen in Frankfurt und München genannt. Dazu kommt die Auto-Pause-Funktion beziehungsweise Trageerkennung: Wird der Kopfhörer abgenommen, pausiert er über Sensoren die Wiedergabe. Funkseitig nutzt JBL Bluetooth 6.0 und kombiniert das mit Auracast, LE Audio, Multipoint sowie dem Audio-Codec LDAC. Allerdings gilt im Apple-Ökosystem eine harte Einschränkung: LE Audio und hochauflösende Codecs werden dort nicht unterstützt, weshalb sich Nutzer auf AAC beschränken. Multipoint funktioniert zwar wie erwartet, bleibt aber auf aktuell bis zu zwei Geräte gleichzeitig begrenzt und wirkt damit weniger flexibel als Apples proprietäre Lösung über den Account, bei der praktisch beliebig viele Geräte im Hintergrund „mitdenken“.
Auch die praktische Nutzung im Alltag hängt damit stark vom gewählten Verbindungspfad ab. Interessant: Die Audioübertragung über das mitgelieferte USB-C-zu-3,5-mm-Klinke-Kabel funktioniert, rein über USB-C direkt aber nicht. Das bedeutet, dass der Live 780NC fürs iPhone nicht einfach „per Kabel“ als USB-Audioersatz funktioniert, sondern wie beschrieben eine DAC-Lösung mit Klinke benötigt. Dafür läuft im Test die smarte Funktionsbasis auch im Kabelbetrieb weiter, sofern der Kopfhörer eingeschaltet ist. Bei der Akkulaufzeit nennt JBL 50 Stunden maximal mit aktiviertem ANC; die Praxiswerte liegen laut Test bei etwa 48 Stunden bei etwas über 50 Prozent Lautstärke, bevor der Kopfhörer abschaltet. Im Vergleich zur Apple-Referenz liegt das deutlich höher, was besonders für lange Arbeits- und Reisezyklen ins Gewicht fällt. Insgesamt bleibt der JBL Live 780NC damit ein Kopfhörer, der für den Preis sehr viel liefert: leistungsfähige Features und eine hochwertige Ausstattung, die aber bei ANC- und Komfortthemen klare Grenzen hat.
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