LONDON (IT BOLTWISE) – Jeffrey Gundlach, bekannt als „Anleihekönig“, reduziert seine empfohlene Aktienquote von 40 auf 30 Prozent. Statt auf KI-Schwergewichte zu setzen, nutzt er einen gleichgewichteten Fortune-500-Index und verlagert den Rest in Anleihen, Rohstoffe und Gold. Er verweist auf Risikoaufschläge bei KI-nahen Emittenten und auf ein Shiller-KGV über 42 als Warnsignal. Für die nächsten sechs bis neun Monate erwartet er einen Wechsel auf die „harte Straßenseite“ der Bewertungen.

Jeffrey Gundlach schlägt in einem Umfeld, das in den vergangenen Monaten stark von KI-Phantasie geprägt war, einen deutlich defensiveren Ton an. Der Gründer, Chef und Chief Investment Officer von DoubleLine Capital senkt seine empfohlene Aktienquote von 40 auf 30 Prozent. In den verbleibenden 70 Prozent liegt der Fokus nicht auf „KI-Aktien als Bet“ – vielmehr ordnet Gundlach sein Depot so um, dass das direkte Klumpenrisiko durch ein einzelnes Wachstumsnarrativ sinkt.
Der Kern seiner Aktien-Entscheidung ist dabei weniger ein Tech-Tabu als ein Strukturwechsel: Gundlach will den verbleibenden Aktienanteil vollständig in einen einzigen gleichgewichteten Index auf Basis der Fortune 500 stecken. Entscheidend ist die Gewichtungsmethode, denn bei einem gleichgewichteten Ansatz richtet sich das Gewicht der Einzelwerte nicht nach der Marktkapitalisierung, sondern nach der Anzahl der Titel. Damit soll das Konzentrationsrisiko bei KI „weitgehend ausgeschaltet“ werden – zumindest auf Ebene der Portfoliostruktur. In seiner Argumentation dient die Mathematik als Vereinfachung: Bei 440 Unternehmen im Index entfällt rechnerisch nur ein 440stel auf jeden Einzeltitel, was den Anteil „in KI“ deutlich relativiert, selbst wenn unter den Top-Positionen einzelne Unternehmen mit KI-Bezug auftauchen.
Ganz sauber lässt sich das in der Praxis allerdings nicht ziehen, weil Gleichgewichtung nicht automatisch bedeutet, dass das Thema verschwindet. Selbst bei einem breit aufgestellten Equal-Weight-Ansatz können Technologie- und Industrieunternehmen mit KI-nahem Geschäftsmodell hohe Marktpräsenz behalten. In der Beschreibung des von Gundlach genannten Produkts wird zudem sichtbar, wie schnell sich die Risikotreiber verschieben: Branchen mit starkem Gewicht sind dort nicht „KI-bezogen“, sondern klassisch zyklisch. Auch wenn damit das harte Klumpenrisiko sinkt, bleibt ein Restexposure über die Branchen- und Einzelwertzusammenstellung bestehen – nur eben verteilt, nicht gebündelt.
Die zweite große Stellschraube ist die Abkehr vom Risiko-Wachstums-Setup in Richtung Ertrag und Liquiditätsoptionen. Gundlachs Musteraufteilung sieht 30 Prozent in festverzinslichen Papieren vor – konkret in Anleihen hoher Bonität sowie in Schuldtiteln aus Schwellenländern in lokaler Währung. Dazu kommen jeweils 10 Prozent für einen Commodity-Strategie-ETF und für Gold. Die restlichen 20 Prozent beschreibt er als „trockenes Pulver“, aufgeteilt zur Hälfte in einen Commercial-Real-Estate-Debt-ETF und in einen flexiblen Rentenfonds; die Stoßrichtung dahinter ist, bei Marktvolatilität handlungsfähig zu bleiben, ohne bereits das nächste Risiko-„Narrativ“ kaufen zu müssen.
Warum Gundlach ausgerechnet jetzt vom KI-Schwerpunkt abrückt, begründet er mit mehreren Warnsignalen aus dem Marktgeschehen. Er spricht davon, dass man im KI-Handel den Punkt hinter sich gelassen habe, „an dem alles als wunderbar gilt“. Dazu verweist er auf sich ausweitende Risikoaufschläge (Credit Spreads) bei Anleihen von Unternehmen, die als KI-nah gelten, und auf eine Nachfrage nach Krediten bei Unternehmen, bei denen es – seiner Darstellung nach – weniger zählt, ob die Zinsen spürbar steigen. Dieses Zusammenspiel aus Finanzierungskonditionen und zunehmendem Risikoaufschlag ist für ihn ein Indikator dafür, dass das Renditeprofil in Teilen des Marktes nicht mehr mit den Wachstumsversprechen Schritt hält.
Als weiterer Bewertungsanker dient Gundlach das Shiller-KGV des S&P 500. Er argumentiert, dass das Shiller-KGV über 42 liege und damit deutlich jenseits einer Schwelle von 35, die er als historische Warnmarke nennt. Seine Übertragung lautet: Wenn in der Folge die reale Rendite bereits „unter Druck“ steht, dann verschiebt sich die Wahrscheinlichkeit für echte Enttäuschungen bei Risk Assets nach unten – und zwar nicht nur für einzelne KI-Titel, sondern für den gesamten Zyklus. Er verknüpft das zusätzlich mit der Annahme, die Inflation könnte bei 2 Prozent stabilisiert werden; daraus leitet er die Möglichkeit nominal negativer Renditen über zehn Jahre ab, was den Anlage-„Komfort“ klassischer Wachstumswetten spürbar verringern würde. Unabhängig davon, ob man jede Annahme teilt: Für CIOs und Portfoliomanager ist hier die Logik relevant, weil sie Bewertung, Finanzierungskosten und Marktpsychologie eng koppelt.
Gundlachs Positionierung läuft daher auf einen teilweisen, zeitlich verknüpften Risikoabbau hinaus, ohne den Totalausstieg zu vollziehen. Er betont, dass er nicht „alles“ verkauft und auch keine Short-Position als Hauptstrategie nennt, sondern sich weiter von jenen Bereichen entfernt, die seiner Erwartung nach am stärksten leiden werden. Für die nächsten sechs bis neun Monate sieht er den Markt auf die „harte Straßenseite“ wechseln – und knüpft seinen Zeithorizont an beobachtbare Marktindikatoren. Bleiben die Risikoaufschläge bei KI-nahen Emittenten auf ihrem Niveau oder weiten sie sich weiter aus, gewinnt sein Szenario an Gewicht; wenn nicht, müsse man die Taktik und die Zeitschiene entsprechend neu bewerten. Für Unternehmen mit KI-lastigen Investitionsbudgets übersetzt sich das vor allem in eine Frage: Welche Margen- und Cashflow-Qualität kann im Bewertungsregime bestehen, wenn Kapital teurer wird und der Markt die Zukunftsentwürfe stärker „auf Kasse“ prüft?
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