LONDON (IT BOLTWISE) – Historikerin Jill Lepore beschreibt in ihrem Buch „The Rise and Fall of the Artificial State“ eine schleichende Verschiebung: Private Konzerne übernehmen immer stärker Aufgaben demokratischer Regierungen. Sie kritisiert dabei nicht die Technologie an sich, sondern die politische Wirkung von Plattformen, Datennetzen und Automatisierung. Als Beispiel führt sie unter anderem die Entwicklung rund um Social Media und den Umgang mit Wahlen an. Entscheidend sei für sie, ob Entscheidungen künftig wieder mit der betroffenen Bevölkerung abgestimmt werden.

Jill Lepore warnt vor „künstlichem Staat“: Wenn Konzerne demokratische Funktionen übernehmen
Jill Lepore warnt vor „künstlichem Staat“: Wenn Konzerne demokratische Funktionen übernehmen (Foto: IT BOLTWISE)
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Jill Lepore verbindet in „The Rise and Fall of the Artificial State“ zwei Stränge, die in der Tech-Debatte oft getrennt bleiben: die Geschichte politischer Ideen und die tatsächliche technische Ausgestaltung digitaler Systeme. Ihr Kernvorwurf lautet, dass sich demokratische Nationen zunehmend in ein Gebilde verwandeln, in dem Konzerne und automatisierte Entscheidungsprozesse faktisch staatliche Funktionen übernehmen. Lepore betont dabei explizit, dass sie nicht gegen Technologie im Allgemeinen gerichtet ist; sie richtet sich gegen die Art, wie die Machtverteilung durch wirtschaftliche Akteure verschoben wird. Gerade weil sich diese Verschiebung schleichend vollzieht, sei sie für demokratische Kontrolle besonders schwer greifbar, so die Logik ihres Arguments.

Für Lepore ist der Begriff „künstlicher Staat“ keine rein metaphorische Marketingidee, sondern eine reale Entwicklung mit zusätzlicher Bedeutungsebene: Er beschreibt sowohl ein Konstrukt als auch eine Vorstellung davon, wie Gesellschaften künftig funktionieren sollen. Sie ordnet diese Idee in einen längeren historischen Pfad ein, der technokratische Denkweisen aufnimmt, die Jahrhunderte alt sind, und sie dann in die Gegenwart überführt. In den letzten 20 bis 25 Jahren sieht sie die Wende von gut gemeinten Effizienzprojekten hin zu einer gezielteren, bewussteren Aneignung staatlicher Rollen. Damit steht für sie weniger die Frage im Zentrum, ob Technik „besser“ wird, sondern ob politische Zustimmung für Entscheidungen überhaupt noch eingeholt und legitimiert wird.

Technisch und institutionell macht Lepore dabei an konkreten Wegmarken fest. Sie verweist auf den Diskurs der 1990er-Jahre, wie das offene Internet ausgestaltet sein sollte, und nennt den 1996 Telecommunications Act als Beispiel dafür, wie ein politisches Umfeld das Ergebnis geprägt habe. Ihre Skepsis richtet sich weniger auf die Idee, Regieren mit digitalen Werkzeugen zu beschleunigen, sondern auf die Folge, dass solche Entscheidungen schwerer korrigierbar werden, sobald sich die Systeme etabliert haben. Auch bei der Personal-Computer-Ära blendet sie den politischen Mythos nicht aus: Als kulturelles Symbol führt sie den Apple-Werbespot zur Einführung des Macintosh im Januar 1984 an, der sich an Orwells „1984“ anlehnt, ohne dass dieses Narrativ aus ihrer Sicht als reale Garantie für „Befreiung“ taugt. Wichtig wird dann, wie aus einem coolen Tool über Jahre eine Umgebung entsteht, die die Deutungshoheit über Öffentlichkeit und politische Kommunikation mitprägt.

Besonders greifbar wird ihre Kritik an der Social-Media-Wirkung. Lepore nennt Twitter als Gegenbeispiel zu der häufig beschworenen „Twitter Revolution“: Als das Produkt startete, habe es nicht mit dem Ziel „Demokratie retten“ geworben, sondern sei zunächst als lockeres, unterhaltsames Format wahrgenommen worden. Der politische Charakter entstand später, als gewählte Amtsträger und Kampagnen Twitter gezielt nutzten, um Reichweite zu erzeugen und eine permanente Nähe zur Öffentlichkeit zu schaffen. Dass daraus in der Zeit ab etwa 2012 ein regelrechter Leitfaden für politische Nutzung wurde, passt in ihr Bild: Ein „Town Hall“-Narrativ sollte die Plattform als demokratische Infrastruktur erscheinen lassen. Statistisch ordnet sie das jedoch entzaubernd ein: Damals habe rund „one in five“ der US-Amerikaner einen Twitter-Account gehabt, die Mehrzahl nutzte ihn aber kaum; zudem stammten über 90 % der politischen Tweets von weniger als 10 % der besonders aktiven Nutzer. Aus dieser Schieflage folgert Lepore, dass Twitter eher Verzerrung erzeugt als das Meinungsspektrum repräsentativ abbildet.

Die zweite Hälfte ihres Buches führt sie bewusst über Science-Fiction, weil dort aus ihrer Sicht bereits lange vor der Gegenwart die Logik solcher Machtverschiebungen literarisch durchgespielt wurde. Lepore beschreibt einen „parable of the artificial state“: Maschinen werden immer leistungsfähiger, übernehmen zunehmend Aufgaben von Menschen – schließlich auch Regierungsfunktionen – und richten sich dann gegen die menschliche Rolle. Sie fragt dabei nicht, ob sich Science-Fiction wörtlich als Technologie-Roadmap eignet, sondern wie bestimmte technokratische libertäre Ideen daraus in reale Unternehmens- und Politikvorstellungen hineinwirken können. Als literarischen Bezugspunkt nennt sie unter anderem E. M. Forsters „The Machine Stops“ (1909) und deutet die Parallele an, dass heutige digitale Alltagsumgebungen das Bedürfnis nach direkter Weltbegegnung weiter verdrängen. In diesem Muster liegt für Lepore auch die Erklärung, warum sie den künstlichen Staat als „unvollständig und zum Scheitern verurteilt“ beschreibt: Er zwingt Gesellschaften in Abhängigkeiten, die langfristig nicht mit den Voraussetzungen eines bewohnbaren Planeten zusammenpassen.

Aus dieser Perspektive denkt Lepore auch darüber nach, wie eine „Niederlage“ des künstlichen Staats aussehen könnte. Ein konkretes Handbuch liefert sie nicht, aber sie verbindet die Debatte mit dem demokratischen Grundprinzip, dass Entscheidungen im Austausch mit den Betroffenen entstehen müssen. Sie verweist auf lokale Konflikte um Rechenzentren: Wenn Kommunen nicht ausreichend Wohnraum, Gesundheit oder Arbeitsmöglichkeiten bereitstellen und zugleich neue Dateninfrastruktur geplant wird, werden Fragen nach Energie- und Wasserverbrauch, nach Jobs und ihrer Dauer sowie nach Umweltwirkungen wie dem Lebensraum von Vögeln in den Vordergrund gedrängt. Im Beispiel „Salt Lake“ beschreibt sie, dass laut ihrer Darstellung über 70 % der Menschen gegen ein Datenzentrum waren, während die gewählten Vertreter trotzdem dafür eintraten. Für Lepore zeigt das weniger die „Technik“ als vielmehr die demokratische Lücke: Wenn Beteiligung nicht wirksam in Entscheidungen übersetzt wird, tragen spätere Wahlen zwar Kosten, aber nur dann, wenn demokratische Handlungsfähigkeit insgesamt intakt bleibt.

Damit verschiebt sich der Fokus vom „neuen Versprechen“ einzelner KI- oder Plattformideen hin zu Governance-Fragen, die man in der Produktdebatte leicht übersieht. Lepore nimmt laut eigener Argumentationslinie sogar die Zufriedenheit mit Fortschritt ernst, warnt jedoch davor, technische Neuerungen automatisch mit politischem Fortschritt gleichzusetzen. Historisch zeigt sie: Neue Technologien entstehen in bestimmten politischen Momenten, werden kulturell aufgeladen und etablieren dann Prozesse, die nur schwer zurückgedreht werden können. Für Unternehmen und Entwickler ist die Implikation deshalb nicht, Technik abzulehnen, sondern die gesellschaftlichen Auswirkungen systematisch mitzudenken – von der Frage, wer Entscheidungen treffen darf, bis hin zu Transparenz, Energie- und Ressourcenfolgen sowie der politischen Rechenschaftslogik, die am Ende darüber entscheidet, ob aus digitalen Werkzeugen demokratische Stärkung oder eine schleichende Entmachtung wird.


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