AUSTIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Joe Bonamassa ordnet Künstliche Intelligenz in der Musikbranche ein und kritisiert vor allem den direkten Wettbewerb von KI-Projekten gegen arbeitende Live-Musiker. Anlass ist ein Gespräch beim Crossroads Guitar Festival, bei dem auch ein KI-ähnlicher „Blues“-Act auf den Billboard-Charts thematisiert wurde. Bonamassa macht gleichzeitig klar, dass jeder Hörer für sich entscheiden darf, was er im Auto oder zuhause laufen lässt. Der Musiker lenkt den Fokus damit auf das Spannungsfeld zwischen Tool-Nutzung, Vermarktung und echter Bühnenperformance.

Beim Crossroads Guitar Festival in Austin hat Joe Bonamassa Künstliche Intelligenz aus einer ungewöhnlichen Perspektive diskutiert: nicht als Technikfrage, sondern als Frage nach Rollen im Musikgeschäft. Ausgangspunkt war die Debatte, wie stark KI inzwischen in Produktion, Vermarktung und Auffindbarkeit eingreift. Besonders brisant wirkt für ihn die Kombination aus Tools, die in Minuten „fertige“ Songs erzeugen können, und einer Aufmerksamkeitsökonomie, in der Sichtbarkeit oft unmittelbarer zählt als Herkunft oder Trainingszeit eines Künstlers.
Konkreter wurde es, als Bonamassa einen Namen nannte, der in der Blues-Community für Diskussionen sorgt: Eddie Dalton, dessen Präsenz auf den Billboard-Blues-Charts Fragen nach Echtheit und Einordnung aufwirft. Bonamassa sagte sinngemäß, er kenne den Künstler weder aus dem Live-Betrieb noch aus persönlicher Begegnung. Gleichzeitig brachte er eine weitere Linie ein: Wenn ein Projekt für manche Hörer als „legitimer“ Act wahrgenommen wird, spielt das für die Wahrnehmung zunächst eine Rolle. Am Ende, so seine Argumentation, liegt die Entscheidung beim Publikum – nicht bei einer Gruppe, die vorgibt, was gefallen muss.
Technisch und wirtschaftlich ist der Kern seiner Kritik allerdings nicht, dass KI Musik erzeugen kann, sondern dass KI-Projekte unter Umständen in derselben Kategorie wie lebende Musiker landen. Bonamassa beschreibt das als Supply-and-Demand-Geschäft: Wenn jemand Musik hören möchte, ist das in seinem Verständnis legitim. Problematisch wird es für ihn dann, wenn KI-Erzeugnisse die gleiche „Platzierung“ in der Wahrnehmung beanspruchen, die bisher Arbeit, Risiko und Bühnenroutine realer Artists erfordert. Gerade im Blues, wo Interpretationsstil, Biografie und authentische Performance historisch eine starke Rolle spielen, entstehe so ein Spannungsfeld, das mit reinem Soundalike-Verhalten nicht automatisch gelöst sei.
Ein weiterer Punkt: Bonamassa geht davon aus, dass KI-Assistenz in der Branche weiter verbreitet ist, als viele öffentlich eingestehen. Er bezieht sich dabei auf den Umstand, dass manche Künstler KI für Teile des kreativen Prozesses nutzen, etwa bei Texten oder anderen Bausteinen. Diese „Ehrlichkeitslösung“ – also das Versprechen, dass man es schon transparent machen werde – hält er offenbar für zu fragil, weil sich die Verlockung im Alltag erhöht: Social Media, Streaming-Algorithmen und permanenter Content-Druck machen es attraktiv, schnell Ergebnisse zu liefern. Wer gerade erst versucht, überhaupt eine Fanbasis aufzubauen, kann in KI-Workflows ein Werkzeug sehen, das Aufmerksamkeit schneller anschiebt, statt Monate oder Jahre in klassische Produktion und Promotion zu investieren.
Als Beispiel ordnet er die wachsende Popularität eines KI-Musiksystems ein, das Songs durch Eingabe von Texten oder Konzepten erzeugt. In seiner Darstellung ist die Nutzung solcher Tools nicht zwangsläufig als „kriminell“ zu bewerten, solange die Grenzen klar sind – er erwähnt allerdings, dass er es selbst nicht verwendet. Entscheidender ist für ihn der zweite Teil der Debatte: Die Idee, KI im Musikalltag so zu behandeln, als sei sie nicht Teil des Marktes. Bonamassa sagt, er höre KI-Einflüsse in einigen Aufnahmen tatsächlich heraus und verweist damit auf die fortschreitende Fähigkeit von Generierungssystemen, stilistisch glaubwürdige Produktionen zu liefern.
Damit verschiebt sich die Diskussion weg von der Frage „Klingt es überzeugend?“ hin zu „Wer steht auf der Bühne und kann ein Publikum wirklich mitnehmen?“. Diese Unterscheidung ist aus Industry-Sicht wichtig, weil Live-Performance in vielen Genres eine andere Risikodimension hat als Studioaufnahmen: Es geht um Timing, Interaktion, Fehlerresilienz und um die Fähigkeit, Energie über Minuten hinweg konsistent zu halten. Wenn KI-Audio immer schwerer von menschlich entstandenen Tracks zu trennen ist, könnte sich der Wettbewerb stärker auf den Live-Raum und auf die Erzählung rund um echte Auftritte verlagern. Für Musikunternehmen und Entwickler von KI-Werkzeugen heißt das: Transparenz, Herkunftskennzeichnung und faire Kategorien im Vermarktungssystem werden wahrscheinlich noch stärker zum Thema.
Am Ende steht bei Bonamassa ein pragmatischer Ton: Hörer sollen das entscheiden, was sie erreichen wollen – ob sie sich entspannen möchten oder lieber klassische Namen bevorzugen. Gleichzeitig fordert er, den Marktmechanismus ernst zu nehmen, in dem neue Werkzeuge bevorzugt werden, wenn sie Reichweite versprechen. Für die nächsten Monate dürfte genau diese Reibung zwischen individueller Hörfreiheit und strukturellem Wettbewerb entscheidend sein: Wer wird als „Künstler“ gezählt, wer bekommt Sichtbarkeit in denselben Datenräumen, und wie trennt man kreative Unterstützung von einem Ersatz der menschlichen Arbeit?
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