FRANKFURT AM MAIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Nach Jugend-Demonstrationen in mehreren Städten hat sich die Lage in der Nacht zum Sonntag vor allem in Frankfurt am Main deutlich verschärft. Laut Polizei flogen Brandflaschen, es kam zu Angriffen auf Einsatzkräfte und zu Plünderungen in der Innenstadt. Insgesamt wurden 54 Personen im Alter von 13 bis 29 Jahren festgenommen. Die Initiative „Gen Z regelt“ distanziert sich derweil erneut von Gewalt und kündigt für den 14. November weitere Proteste an.

Die Proteste, die tagsüber noch wie ein breiter Aufbruch „von unten“ wirkten, haben sich in der Nacht zum Sonntag spürbar in eine andere Richtung gedreht. In mehreren Städten mobilisierte die Initiative „Gen Z regelt“ nach eigenen Angaben Menschen, die vor allem mehr Geld für Schulen sowie Suchthilfe und Psychotherapie fordern. Während sich viele Versammlungen am Nachmittag weitgehend friedlich gestalteten, eskalierte die Lage später vor allem in Frankfurt am Main, wo die Polizei von Brandflaschen, zerstörten Schaufenstern und Plünderungen berichtete.
Im Zentrum der Eskalation stand in Frankfurt die Innenstadt: Die Polizei sperrte die Einkaufsmeile Zeil ab, Spezialkräfte (SEK) waren im Einsatz. Dpa-Reporter beobachteten, wie Personen in Geschäfte eindrangen und unter anderem Turnschuhe sowie weitere Waren stahlen; auch ein Waffenfachgeschäft wurde attackiert. Laut Polizei wurden Molotowcocktails auf Einsatzkräfte geworfen, insgesamt nahm die Polizei 54 Personen im Alter von 13 bis 29 Jahren fest. Hessen-Innenminister Roman Poseck sagte dazu, die Festgenommenen hätten „jedenfalls überwiegend die deutsche Staatsangehörigkeit“.
Der politische Ton wurde parallel schärfer, wobei vor allem die Frage im Raum stand, wer die Gewalt ausgelöst hat. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt machte dabei mutmaßlich bestimmte Gruppen als Urheber der Krawalle verantwortlich, wie er in Aussagen gegenüber einem Medienbericht ausführte. Auch die Innenminister von Hessen und Nordrhein-Westfalen, Roman Poseck und Herbert Reul (beide CDU), machten Linksextremisten und gewaltbereite junge Männer für die Ausschreitungen verantwortlich; Poseck sprach dabei ebenfalls davon, dass sie „überwiegend aus einem migrantischen Milieu“ kämen. Diese Zuschreibungen sind in der Debatte um Jugendproteste besonders sensibel, weil sie schnell von der konkreten Lage vor Ort zu pauschalen Milieuzuordnungen wechseln.
Dass Gewalt nicht gleichmäßig verteilt war, zeigt auch das Muster aus anderen Städten. In Köln kam es nahe dem Hauptbahnhof zu Angriffen auf Polizisten, dabei wurden Flaschen und Fahrräder geworfen. Polizeipräsident Johannes Hermanns sagte, man habe Molotowcocktails und Nothämmer bei Vermummten sichergestellt. Aus Berlin wurden Flaschen-, Böller- und Eierwürfe gemeldet, aus Hamburg brennende Barrikaden; in einzelnen Orten setzte die Polizei zudem Wasserwerfer ein. Insgesamt wurden nach Polizeiangaben 17 Geschäfte beschädigt und fünf geplündert, während die Ausschreitungen parteiübergreifend scharf verurteilt wurden.
Gleichzeitig lief eine zweite Debattenlinie, die stärker auf Ursachen und politische Prioritäten zielte. Hessens Ministerpräsident Boris Rhein zeigte sich in Bezug auf Frankfurt schockiert und betonte, die Gewalt müsse Konsequenzen haben. Auf der anderen Seite richtete die CDU-Generalsekretärin Franziska Hoppermann den Blick auf den möglichen Missbrauch friedlicher Protestformen: In ihrem Medienstatement zeigte sie Verständnis für die Anliegen, machte aber zugleich deutlich, dass nicht klar gewesen sei, welches inhaltliche Ziel für alle tragfähig war. Grünen-Chefin Franziska Brantner verurteilte die Ausschreitungen ausdrücklich, und die Linke-Vorsitzende Ines Schwerdtner argumentierte, dass Bezahlbarkeitskrise und Sozialabbau sowie der Wille zu friedlichem Protest nicht verschwänden, nur weil kleine Gruppen randalierten.
Auch die Forderungen aus dem politischen Betrieb wurden nachgeschoben. Im Bundestag verlangte die SPD einen nationalen Bildungsgipfel mit Ländern und Kommunen, wobei Bildungsministerin Karin Prien (CDU) die Initiative ergreifen sollte. SPD-Fraktionsvize Dagmar Schmidt stellte dabei den Schwerpunkt auf bezahlbare Bildung und Ausbildung heraus und verwies auf die Pflicht, schnell zu handeln. Die Initiative „Gen Z regelt“ kündigte für den kommenden 14. November erneut deutschlandweite Proteste an und distanzierte sich am Abend von „jeglicher Form der Gewalt“ sowie von gewalttätigen Handlungen anderer Gruppen oder Einzelpersonen, die nicht Teil der Demonstrationen seien. Die Organisation versucht damit, die Protestchoreografie stärker vom Gewalthandeln abzugrenzen, nachdem sich die öffentliche Wahrnehmung durch Bilder aus der Nacht bereits verschoben hatte.
Die Dynamik ist zudem nicht nur auf Deutschland beschränkt. Jugend-Proteste gebe es seit einigen Wochen auch im Ausland, etwa in Frankreich; dort nahmen am Samstag nach Berichten 320.000 Menschen an Demonstrationen teil, und am Abend kam es zu Auseinandersetzungen. In Paris und Lyon setzte die Polizei Tränengas ein, wie aus Live-Streams hervorging. Für Deutschland bedeutet das: Selbst wenn Initiativen wie „Gen Z regelt“ in ihren Formulierungen auf Gewaltfreiheit setzen, bleibt die praktische Frage nach Sicherheitskonzepten und Deeskalation in einer Situation bestehen, in der sich Frustration, politische Kommunikation und opportunistische Gewaltakteure zeitlich überlappen können.
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