VICTORIA, BRITISH COLUMBIA / LONDON (IT BOLTWISE) – Saab will die Gripen E in Kanada bauen, liefern und auch langfristig betreuen, falls die Regierung das Mehrzweckkampfflugzeug auswählt. Der schwedische Konzern arbeitet dafür mit CAE, IMP und Magellan Aerospace zusammen und plant unter anderem eine neue Endmontage-Linie. Gleichzeitig bleibt die kanadische Entscheidung über den verbleibenden F-35-Beschaffungsumfang offen. Damit rückt der Gripen-Plan als mögliche Alternative oder Ergänzung zu den US-Flugzeugen in den Fokus der nächsten Verteidigungsrunden.

Saab hat am 27. Oktober seine Strategie für den kanadischen Markt konkreter gemacht: Sollte die Regierung den Gripen E auswählen, will das Unternehmen das Kampfflugzeug in Kanada mit lokalen Partnern aufbauen, ausliefern und für den Betrieb absichern. Der Kern der Ankündigung ist weniger die allgemeine Absicht als die operative Ausgestaltung der Liefer- und Wartungskette: Saab spricht von Allianzen mit mehreren kanadischen Luft- und Raumfahrtfirmen, die bereits Teil eines möglichen „Industrial Ecosystem“ rund um den Jet sein sollen. Damit verschiebt sich das Thema von einer reinen Plattformentscheidung hin zu der Frage, welche Industrie-Fähigkeiten Kanada für den laufenden Betrieb, für die Instandhaltung und für die industrielle Wertschöpfung aufbaut.
Technisch und organisatorisch ist dabei vor allem die Rolle von IMP aus Halifax relevant. Saab hat demnach ein Teaming-Abkommen unterzeichnet, um im Bedarfsfall eine neue Endmontage-Linie für die Gripen-Jets in Kanada einzurichten. IMP soll außerdem Komponenten im Bereich der elektrischen Montagefertigung abdecken und zugleich In-Service-Support für die in Kanada stationierten Gripen übernehmen. Für eine Beschaffungspolitik ist das bedeutsam, weil die spätere Einsatzfähigkeit stark davon abhängt, wie schnell Reparaturen, Upgrades und revisionsbezogene Arbeiten in die Fläche gebracht werden können. Gerade bei modernen Mehrzweckkampfflugzeugen, die auf kontinuierliche Systemaktualisierungen angewiesen sind, wird damit aus einem Einkaufsvertrag leichter ein langfristiger Betriebs- und Entwicklungsbaukasten.
Daneben zielt Saab mit Magellan Aerospace auf lokale industrielle Tiefe bei Luft- und Raumfahrtstrukturen. Laut Ankündigung sieht das Memorandum of Understanding lokale Fertigung von „advanced aerostructures“, von Verbundstrukturen sowie von strukturellen Baugruppen in Kanada vor. Ergänzend gibt es ein weiteres Abkommen mit CAE, das stärker auf Personal- und Systemkompetenzen abhebt: Saab nennt die Lieferung fortgeschrittener Trainingskapazitäten für Piloten und Techniker, außerdem Mission-Systems-Engineering sowie Support- und Sustainment-Fähigkeiten in Kanada. Zusammengenommen decken die drei Partner damit unterschiedliche Lebenszyklusphasen ab – von Kompetenzaufbau über industrielle Fertigung bis hin zu Montage und Betrieb. Das ist auch deshalb ein wichtiger Unterschied zu „One-off“-Deals, bei denen ein Land zwar einzelne Maschinen erhält, die nachhaltigen Fähigkeiten aber außerhalb der nationalen Lieferkette verbleiben.
Für den politischen Entscheidungsrahmen ist der Gripen-Plan eng mit der laufenden F-35-Beschaffung verknüpft. Kanada hat bereits ein Abkommen über 88 F-35 unterzeichnet, allerdings steht der weitere Rollout unter dem Vorzeichen einer Überprüfung bzw. Neubewertung im Zusammenhang mit der US-amerikanischen Politik. Bis zu diesem Zeitpunkt wurden 16 F-35 bezahlt; zudem wurden laut Angaben zwei Flugzeuge am 9. Oktober und am 22. Oktober nach Kanada überführt. Der kanadische Premierminister Carney soll entscheiden, ob und in welchem Umfang die verbleibenden F-35-Flugzeuge beschafft werden. Gleichzeitig prüft die Regierung, ob die Gripen E entweder als Alternative zu den US-Jets oder ergänzend zu ihnen in die Flotte integriert werden sollte. Genau an dieser Schnittstelle könnte sich die Beschaffungsliste der nächsten Jahre schneller verändern, als es reine Lieferpläne vermuten lassen.
Auch unabhängig vom Gripen-Konzept zeigt sich, dass die Regierung Kanada zunehmend als Industriestandort für Verteidigungszulieferungen aufstellt. Carney hatte am 27. Mai angekündigt, dass Kanada sechs GlobalEye-Frühwarn- und Kontrollflugzeuge von Saab kaufen will. Die Rahmenkosten werden dabei mit mehr als 5 Mrd. CAN beziffert, entsprechend rund 3,6 Mrd. Euro in der im Text genannten Umrechnung. GlobalEye basiert auf einer Business-Jet-Plattform aus dem Bombardier 6500, die in Toronto gefertigt wird; zudem erwartet der Premier, dass mindestens ein Drittel der Bestellungen für verschiedene Partner in Kanada gebaut wird. Über 15 Jahre rechnet Carney mit insgesamt 40 Flugzeugen in diesem Fertigungsrahmen.
Historisch betrachtet ist die Logik solcher Verhandlungen nicht neu: Staaten koppeln große Luftverteidigungsprogramme häufig an lokale Wertschöpfung, um Fähigkeitsaufbau und Beschäftigungseffekte im eigenen Land zu verstärken. Neu ist allerdings, wie deutlich Saab bereits bei der Gripen-Ankündigung konkrete Fertigungs- und Betriebsbausteine nennt – inklusive Endmontage und elektrischer Montagefertigung sowie Sustainment-Elementen. Gleichzeitig macht der Kontext der F-35-Überprüfung sichtbar, dass Lieferketten, Partnernetze und Industriebeteiligung zu einem strategischen Hebel werden, wenn Beschaffungsfahrpläne politisch unter Druck geraten. Für die kanadische Industrie bedeutet das: Wer heute in Pilot-Trainings, Missionssystem-Engineering oder Struktur- und Verbundfertigung investiert, kann bei einem Plattformwechsel schneller in die Betriebsrealität hineinwachsen.
Für Unternehmen in Kanada, die bereits als Lieferanten und Dienstleister im Luftfahrtbereich aktiv sind, eröffnet das potenziell mehr als nur einen einzelnen Auftrag. Wenn die Regierung sich für den Gripen E entscheidet, wird die Umsetzung nicht an einem einzigen Vertragsdatum hängen, sondern an mehreren operativen Schnittstellen: Ausbildung, Montagekompetenz, Fertigung von strukturellen Baugruppen und die Fähigkeit, die Flugzeuge über Jahre hinweg funktionsfähig zu halten. Das wiederum erhöht den Stellenwert von Engineering-Know-how und Test-/Support-Prozessen in der Lieferkette. In dieser Konstellation wirkt die Gripen-Ankündigung wie ein Signal an den Markt: Saab versucht, die „Time-to-Industrial-Effect“ zu verkürzen, indem es die Partnerrollen vorzieht – während Kanada parallel die F-35-Entscheidung weiter konkretisiert.
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