BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Im deutschen Einzelhandel verliert Bargeld spürbar an Boden: 2025 entfallen nur noch 50,5 Prozent der stationären Transaktionen auf Banknoten. Gleichzeitig steigt der Anteil kontaktloser Kartenzahlungen, während Mobile Payment rasant wächst. Für Händler wird das zunehmend operativ relevant – etwa bei der Verfügbarkeit von Bargeld für Cashback. Dazu kommt der Blick auf Alternativen wie Wero, die technisch und organisatorisch noch Reife brauchen, um gegen etablierte Zahlungswege anzuschneiden.

Deutschland erlebt derzeit eine Zahlungswende, die weniger wie ein plötzlicher Trendbruch wirkt und mehr wie eine schleichende Umstellung im Alltag: Wo früher Bargeld dominierte, entscheiden heute häufig Karten und zunehmend das Smartphone. Laut einer Studie des Handelsforschungsinstituts EHI Retail sank der Bargeldanteil im stationären Geschäft 2025 auf 50,5 Prozent der Transaktionen, nach 78 Prozent vor zehn Jahren. Auch der Zahlungsumsatz spiegelt die Entwicklung: Von den rund 500 Milliarden Euro, die im Einzelhandel ausgegeben werden, werden zwei Drittel (65 Prozent) per Karte bezahlt. Für Händler bedeutet das nicht nur einen Wechsel am Kassenterminal, sondern eine neue Logik in Prozessen, Backoffice und Risikoabsicherung.
Technisch betrachtet ist diese Verschiebung vor allem eine Folge von kontaktloser Kartenakzeptanz und der zunehmenden Verbreitung von Mobile Payment. Die Girokarte (früher EC-Karte) bleibt zwar der häufigste Kartentyp, wird aber immer seltener „gesteckt“: Nur noch etwa 15 Prozent der Fälle erfolgen mit physischer Eingabe, der Rest nutzt kontaktlose Kommunikation über das Lesegerät. Beim Mobile Payment, also Bezahlen per Handy oder Smartwatch mit hinterlegten Karten in Apps, zeigt sich der stärkste Dynamikhebel: Etwa jede fünfte unbare Zahlung im Einzelhandel wird mittlerweile mobil ausgelöst, ein Jahr zuvor lag der Anteil erst bei 12,8 Prozent. Entscheidend ist dabei, dass sich die Hürden für Nutzer sinken und die App-Integration breiter verfügbar ist.
Historisch betrachtet hat die Entwicklung mehrere Anläufe gebraucht. Kontaktloses Bezahlen existiert zwar schon länger, doch erst mit breiter Geräteleistung, standardisierten Kartenverfahren und komfortabler Wallet-Integration ist es im Massenmarkt wirklich „bequem genug“ geworden. In der Praxis beschleunigte insbesondere die Öffnung von iPhone-Kontaktlosfunktionen für Drittanbieter: Während zuvor vor allem Apple-zentrale Wege möglich waren, erlaubte die europäische Wettbewerbspolitik mehr Interoperabilität in Richtung Wallet- und Zahlungs-Apps. Große Zahlungsdienstleister mussten dadurch ihre Nutzerpfade und Tokenisierungs-Mechanismen stärker ausrollen, damit Mobile Payment nicht zur Nische wird. So wird aus einer Nutzerpräferenz zunehmend eine Systemfrage: Welche Authentifizierung, welche Latenzen und welche Akzeptanzlogik schaffen den reibungslosen Durchlauf an der Kasse?
Marktseitig ist die Zahlungswende zugleich ein Wettbewerb zwischen bestehenden und neuen Systemen. PayPal bleibt im Online-Kontext besonders präsent (fast 29 Prozent), während „Kauf auf Rechnung“ mit 26 Prozent ebenfalls stark ist. Für den Handel spielt das deshalb indirekt hinein, weil Konsumentinnen und Konsumenten Erwartungen an Geschwindigkeit und Bequemlichkeit auch im stationären Einkauf mitbringen. Neben Karten- und Wallet-basierten Angeboten versucht Wero, eine europäische PayPal-Alternative zu etablieren, getragen von führenden Banken und Zahlungsdienstleistern. Branchenexperten wie Katy Roewer von der Otto Group betonen jedoch, dass Wero noch weiter reifen müsse, um „mit den großen Zahlarten“ gleichzuziehen; getestet wird es unter anderem bei Versandtöchtern. Der entscheidende Wettbewerbsunterschied liegt dabei weniger im Marketing, sondern in der Prozessreife: Abrechnung, Fehlertoleranz, Kundenkommunikation und Support in der Fläche.
Für einzelne Händler wird die Umstellung zusätzlich durch operative Konsequenzen greifbar. Ein besonders sensibles Thema ist Cashback: die Bargeldausgabe an Kundinnen und Kunden direkt an der Kasse, etwa im Supermarkt. Wenn Bargeld im Alltag schrumpft, wird die Versorgung in Filialen aufwendiger, weil Banknoten im Bestand knapper werden und Nachschubplanung stärker datengetrieben erfolgen muss. Der EHI-Experte Horst Rüter legt nahe, dass im vergangenen Jahr bereits jedes zwölfte Unternehmen Bargeld-Ausgaben spürbar einschränken musste. Gleichzeitig signalisiert der Branchenblick, dass Unternehmen einen Zukauf von Bargeld nicht als originäre Aufgabe des Handels begreifen. Dadurch entstehen Reibungsverluste an der Schnittstelle zwischen Kundenwunsch und regulatorisch/operativ erzwungener Verfügbarkeit.
Im Zusammenspiel von Technik und Regulierung kommt außerdem Datenschutz und Sicherheit ins Spiel. Kassenprozesse betreffen personenbezogene Daten indirekt, etwa über Zahlungsinstrument-Token, Authentifizierungsdaten oder Transaktionsmetadaten, die in Händler-Systemen gespeichert oder zumindest verarbeitet werden. Mit Blick auf PSD2 und moderne Sicherheitsanforderungen (z. B. dynamische Authentifizierung im Zahlungsfluss) wird der Vorteil von kontaktlosen und mobilen Verfahren zwar offensichtlicher, zugleich steigt aber die Bedeutung sauberer Integrationen: Wer in welcher Reihenfolge Token anfordert, welche Logs persistiert werden und wie Consent- und Weitergabeprozesse gestaltet sind, entscheidet über Compliance und Auditierbarkeit. Für Enterprise-Software im Handel heißt das: Payment-Orchestrierung, Monitoring und ein konsequentes Rollen- und Rechtemanagement müssen genauso „produktionsreif“ sein wie die eigentliche Transaktion.
Aus Unternehmensperspektive lässt sich zudem ein Vergleich ziehen, der über die Kasse hinausgeht: Cloud-basierte Payment-Orchestrierung und Offline-Fallback-Strategien müssen so abgestimmt sein, dass sie auch in Stoßzeiten oder bei Konnektivitätsproblemen verlässlich funktionieren. Mobile Payment und kontaktlose Karten reduzieren zwar das Handling von Bargeld und damit bestimmte physische Risiken, erhöhen aber die Abhängigkeit von Netzverfügbarkeit, Terminal-Updates und Wallet-Kompatibilität. Genau hier entstehen Chancen für Entwickler und Systemintegratoren: Wer Einführungs- und Migrationspfade für mehrere Zahlungsarten beherrscht, kann Händler schneller in stabile Betriebsmodelle bringen, etwa durch ein einheitliches Routing, klare Schemata für Refunds und eine präzise Abbildung von Gebühren- und Interchange-Strukturen. Der Markt honoriert dabei nicht nur „läuft“, sondern „läuft messbar und wartbar“.
Der weitere Ausblick dürfte deshalb weniger in einer binären Frage „Bargeld ja oder nein“ liegen, sondern in einer schrittweisen Segmentierung: Manche Zielgruppen und Betriebe werden länger Cash-Optionen brauchen, während urbane Filialnetze und größere Handelsketten bereits heute stärker auf kontaktlose Zahlarten setzen. Mobile Payment wird aller Voraussicht nach weiter wachsen, weil sich die Nutzerakzeptanz durch immer reibungslosere Wallet-Erlebnisse festigt; zugleich werden Alternativen wie Wero nur dann wirklich skalieren, wenn Reifegrade bei Einführung, Abrechnung und Akzeptanzqualität erreicht sind. Für den Handel bedeutet das: kurzfristig gilt es, Prozesse für Cashback und Kassenbestände zu stabilisieren, mittelfristig jedoch die Payment-Strategie so zu gestalten, dass sie mehrere Netzwerke und Regelwerke robust abdeckt. Wer diese Architektur früh aufsetzt, verschafft sich später Wettbewerbsvorteile – gerade dann, wenn Regulierung und Konsumgewohnheiten weiter in Richtung weniger Bargeld driften.
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