AUGSBURG / LONDON (IT BOLTWISE) – Im Industriepark Gersthofen haben am 17. und 18. Oktober 2026 rund 500 Einsatzkräfte ein groß angelegtes Katastrophenschutz-Manöver geprobt. Die Szenarien reichten von simulierten Flugzeugkollisionen über Brände im Wasserwerk bis zu Gefahrstoffaustritten an mehreren Stellen. Unter Leitung der Führungsgruppe Katastrophenschutz im Landratsamt Augsburg standen dabei vor allem organisationsübergreifende Abläufe, Dekontamination und die Absicherung sensibler Anlagen im Fokus. Begleitend wurde ein Bürgertelefon aktiviert, um die Kommunikation in Krisenlagen zu testen.

Rund 500 Einsatzkräfte haben im Industriepark Gersthofen einen seltenen Doppeltest absolviert: Sie übten nicht nur einzelne Einsatzmittel, sondern trainierten ein eng verzahntes Zusammenspiel aus Feuerwehr, Hilfsorganisationen und Behörden über mehrere Szenarien hinweg. Die Vollübung ist als alle sieben Jahre vorgesehen beschrieben und fand auf dem etwa 35 Hektar großen Areal an der Ludwig-Hermann-Straße statt. Damit stand ein industrieller Standort im Mittelpunkt, der mit zwölf Unternehmen und etwa 1.200 Beschäftigten nicht nur Logistik und Produktion bündelt, sondern auch besondere Risiken wie Gefahrstoffe, komplexe Infrastruktur und knappe Zeitfenster im Einsatzfall mitbringt.
Technisch betrachtet lag der Schwerpunkt der Übungen auf dem Abarbeiten unterschiedlicher Lagebilder: Im Übungskorridor gehörten eine simulierte Kollision zweier Passagierflugzeuge ebenso dazu wie Trümmerschäden an Rohrbrücken und Waggons. Dazu kam ein Brand im Wasserwerk, sowie Gefahrstoffaustritte an vier Einsatzstellen. Die Ausbildung beschrieb konkrete Handgriffe, etwa das Abdichten eines undichten Chlorgasgebindes unter Chemikalienschutzanzügen, die Einrichtung einer Dekontaminationsstation und die Rettung von Personen vom Dach eines brennenden Gebäudes. Solche Elemente sind mehr als „Theorie vor Ort“, weil sie die Schnittstellen zwischen Atemschutz, Schutzkleidung, Mess- und Kennzeichnungsarbeit sowie Patientenablauf in einer gemeinsamen Einsatzlogik zusammenführen.
Für die Koordination war entscheidend, dass mehrere Organisationen gleichzeitig mit eigenen Rollen auftreten und dennoch zu einer konsistenten Einsatzführung zusammenfinden. Neben der Werkfeuerwehr des Standortbetreibers waren örtliche freiwillige Feuerwehren aus Gersthofen, Neusäß, Stadtbergen, Batzenhofen und Langweid beteiligt, außerdem das THW Königsbrunn, die Polizei und das Rote Kreuz. Ergänzt wurde das Lagebild durch ein kommunikationsseitiges Element: Begleitend aktivierten die Verantwortlichen ein Bürgertelefon, um im Krisenbetrieb Auskünfte zu steuern und damit den Druck von Leitstellen und Einsatzkräften zu reduzieren. Genau solche Teile – Kommunikation, Rückmeldeschleifen und Übergaben – werden in Übungen häufig zum Engpass, weil sie nicht nur „parallel“, sondern abgestimmt mit den technischen Maßnahmen laufen müssen.
Während Gersthofen den Industrie- und Großschadensfokus abdeckte, zeigte die gleichzeitige Trainingswelle in anderen Regionen, wie breit das Katastrophenschutzspektrum inzwischen angesetzt wird. In Calden übten laut der Meldung mehr als 180 Ehrenamtliche unter anderem den Betrieb von Behandlungszelten, Patientenregistrierung und Logistikketten; außerdem wurde ein neues Konzept für Ladezonen trainiert. Dort griff der lokale politische Rahmen die veränderte internationale Sicherheitslage auf und verwies auf wachsende Anforderungen auch im Zivil- sowie im Spannungs- und Verteidigungsfall. Auch in weiteren Landesteilen wurden parallele Szenarien in mehreren Stunden bewältigt, etwa mit Gefahrstoffverdacht bei einem Zusammenstoß zwischen Regionalbahn und Pkw oder mit Hallenvollbränden in Übungsumgebungen, während andere Einheiten in schulischen oder tunnelbezogenen Settings Abläufe unter Stressbedingungen trainierten.
Ein weiterer Strang der Übungen betrifft nicht nur die unmittelbare Gefahrenabwehr, sondern auch die „zweite Ebene“ nach dem Einsatz. Dafür wurden laut Beschreibung Fachbereiche der Psychosozialen Notfallversorgung für Einsatzkräfte (PSNV-E) explizit eingebunden, etwa in Tangendorf: Dort trainierten Helfer die Betreuung nach belastenden Einsätzen anhand einer Personenrettung aus einer Kieswaschanlage, wobei der Einsatz überörtlich erfolgte, um persönliche Betroffenheit auszuschließen. Parallel dazu wurden neuartige Risiken adressiert: Feuerwehren in Ense und Wickede schulten im Oktober den Umgang mit Hochvoltsystemen und dem thermischen Durchgehen verunfallter Elektrofahrzeuge. Damit verschiebt sich die Übungsrealität von „klassischen“ Brand- und Verkehrslagen hin zu Szenarien, in denen neue Antriebs- und Energiesysteme das Einsatzverfahren und die Einsatzdauer spürbar beeinflussen.
Dass zusätzlich europaweit übergreifende Themen auftauchen, zeigen auch Übungen außerhalb Deutschlands: In Österreich wurde in Aschach an der Donau bei 13 Grad Wassertemperatur und starker Strömung die Bergung nach einem Hubschrauberabsturz in den Fluss simuliert. Gleichzeitig wurde in weiteren Regionen schwerpunktmäßig bei Dunkelheit geübt – beides sind Bedingungen, die Sicht, Atembelastung, Suchstrategien und Koordination deutlich verändern. Für Unternehmen mit Industriestandorten lässt sich daraus eine praktische Schlussfolgerung ableiten: Wer Gefahren wirksam managen will, braucht nicht nur Einsatzpläne, sondern auch die Dokumentation der Risiken, die im Ernstfall schnell in rechtssichere Entscheidungen übersetzt werden kann. In der Meldung wird dazu eine kostenlose Excel-Vorlage für Sicherheitsfachkräfte erwähnt, die eine Gefährdungsbeurteilung im Brandschutz mit Checklisten und Risikomatrix als bearbeitbare Datei unterstützen soll. Ergänzend taucht in dem Kontext auch eine Musterunterweisung auf, die auf die Gefahrgut-Unterweisung nach ADR 1.3 zielt – als Vorbereitungs- und Nachweisbaustein, nicht als Ersatz für die operative Einsatzplanung.
Unterm Strich verbinden die beschriebenen Trainings mehrere Disziplinen zu einem Gesamtbild: technische Gefahrenabwehr (etwa Dekontamination und Chemikalienschutz), logistische Ketten (Zuweisung, Registrierung, Ladezonen) sowie menschliche Faktoren (PSNV-E) werden als durchgängige Prozesskette behandelt. Dass parallel „ABC“-Übungen, Großschadenslagen im Industriepark und Zivilschutzanforderungen in anderen Regionen angesprochen werden, deutet auf einen Trend hin: Katastrophenschutz wird zunehmend als vernetztes System gedacht, in dem Kommunikation, Planung und Spezialwissen gemeinsam trainiert werden müssen. Für die Praxis heißt das, Übungen nicht nur nach Anzahl der eingesetzten Kräfte zu bewerten, sondern nach der Qualität der Übergaben zwischen Rollen – und genau diese Details werden in Gersthofen durch die Vielzahl an Szenarien und die reale Einbindung verschiedener Einsatzmittel sichtbar gemacht.
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