MÜNCHEN / GENF / LONDON (IT BOLTWISE) – Laut einer Ifo-Umfrage erwarten viele Unternehmen in Deutschland durch den KI-Einsatz eher sinkende als steigende Löhne. Besonders betroffen seien Beschäftigte mit wenig Berufserfahrung. Die ILO ordnet ein, dass sich auch die Einstiegschancen am Arbeitsmarkt verschlechtern können, weil Tätigkeiten automatisierbar werden. Gleichzeitig steigt die Nachfrage nach digitalen Kompetenzen und nach Qualifikationen in wissensintensiven technischen Bereichen.

Wenn Unternehmen Künstliche Intelligenz einsetzen, ist das selten nur ein IT-Thema. Die Erwartungshaltung gegenüber den Arbeitskosten wird zum unmittelbaren Faktor für Personaleinsatz, Gehaltsbänder und Einstiegsprofile. Genau an dieser Schnittstelle setzen die aktuellen Befunde an: Aus einer Umfrage des Ifo-Instituts geht hervor, dass in Deutschland deutlich mehr Betriebe negative Lohn-Effekte durch KI erwarten als positive. Die Botschaft ist damit nicht „KI macht überall mehr Gewinn“, sondern: KI verändert die Verhandlungsposition einzelner Beschäftigtengruppen, und zwar nach Qualifikation und Erfahrung sehr unterschiedlich.
Konkret hat das Ifo mehr als 3.000 Unternehmen befragt, die KI bereits nutzen. Für die kommenden fünf Jahre rechnen nach den Angaben der Ifo-Forscherin Anna Ruffert deutlich mehr Unternehmen mit sinkenden Löhnen als mit steigenden. Bei Beschäftigten mit weniger als fünf Jahren Berufserfahrung erwartet rund die Hälfte der Betriebe eine solche Entwicklung. Nur eine vergleichsweise kleine Minderheit spricht sich für steigende Löhne aus. Bei den Daten nach Qualifikation zeigt sich eine klare Schieflage: Ohne Hochschul- oder Fachhochschulabschluss und mit kurzer Erfahrung sagen 48,3 Prozent der Unternehmen sinkende Löhne voraus, während lediglich 5,9 Prozent steigende Löhne erwarten. Mit Hochschulabschluss und geringer Erfahrung liegt der Anteil derjenigen mit sinkenden Erwartungen bei 50,8 Prozent, zugleich werden aber auch 16,3 Prozent steigende Löhne genannt.
Auch für erfahrene Kräfte ist der Ausblick laut der Ifo-Auswertung überwiegend skeptisch, nur mit weniger negativer Tendenz. Ohne Hochschulabschluss erwarten 40,4 Prozent der Unternehmen sinkende Löhne, lediglich 9,7 Prozent rechnen mit einem Anstieg. Mit Hochschulabschluss verschiebt sich das Bild spürbar: Zwar rechnen weiterhin 37,5 Prozent mit sinkenden Löhnen, aber 26 Prozent erwarten steigende. Damit deutet die Umfrage weniger auf einen pauschalen „KI-Lohndruck“ für alle Jobs hin, sondern auf eine stärkere Spreizung: Wer neue Tätigkeitsinhalte schneller übernehmen kann, verdient tendenziell weniger Risiko, während weniger erfahrungsbasierte Profile stärker unter Automatisierungs- und Effizienzdruck geraten. Genau dieses Muster greifen auch die ILO-Einordnungen auf: KI werde die Einstiegschancen am Arbeitsmarkt erschweren, nicht weil Stellen automatisch verschwinden, sondern weil die Anforderungen an Einstiegsrollen steigen.
Der Grund dafür liegt in der Art der Aufgaben, die sich gut automatisieren lassen. Die ILO nennt insbesondere kaufmännische und administrative Tätigkeiten, Jobs im Verkauf und im Dienstleistungsbereich sowie Stellen in der Produktion und in einigen technischen Berufen. Einige Tätigkeiten bleiben zwar erhalten, doch neue Anforderungen treten hinzu: In der Praxis geht es um digitale Kenntnisse, um die Ergebnisse von KI-Systemen kontrollieren zu können, und um ein Verständnis dafür, wann menschliches Urteil zwingend notwendig bleibt. Das wirkt unmittelbar auf Berufseinsteiger, weil sie häufig zuerst Routinetätigkeiten übernehmen, die dann schrittweise durch KI-gestützte Assistenzsysteme verändert oder teilweise ersetzt werden. Gleichzeitig betont die ILO, dass die Nachfrage nach wissensintensiven technischen Berufen weiter wächst, etwa in Naturwissenschaften, Ingenieurwesen, Gesundheitswesen sowie Informations- und Kommunikationstechnologien. Für Unternehmen heißt das: Einstiegsprogramme, Trainings und Mentoring müssen sich stärker an KI-gestützten Arbeitsabläufen orientieren, nicht nur an klassischen Lernzielen.
Auch zwischen Branchen verläuft die erwartete Entwicklung nicht gleichmäßig. Die Ifo-Auswertung verweist auf besonders häufige Erwartungen sinkender Löhne im Dienstleistungsbereich: Für Beschäftigte mit kurzer Berufserfahrung und ohne Hochschulabschluss nennen 53,3 Prozent sinkende Löhne als Erwartung, bei langer Erfahrung immerhin 44,2 Prozent. Im Handel liegt der Wert bei 47,9 Prozent (kurze Erfahrung) und 41,3 Prozent (lange Erfahrung), im verarbeitenden Gewerbe bei 46,5 Prozent und 38,9 Prozent. Am Bau ist die negative Tendenz im Vergleich am schwächsten: Dort erwarten nur 39 Prozent sinkende Löhne für Mitarbeiter mit niedriger Berufserfahrung und 31,3 Prozent bei höherer Erfahrung. Für Arbeitgeber und Personalverantwortliche lässt sich daraus eine praktische Schlussfolgerung ableiten: Der KI-Effekt auf Lohnstrukturen ist nicht überall identisch, sondern hängt stark davon ab, wie stark Prozesse standardisiert und wie gut sie bereits daten- und softwarebasiert abbildbar sind.
Für die nächsten Jahre verknüpfen sich damit drei Ebenen: Lohnentwicklung, Einstiegspfade und Qualifizierungslogik. Wenn Beschäftigte mit wenig Erfahrung stärker unter Druck geraten, steigt die Bedeutung von beruflicher Ausbildung, lebenslangem Lernen und zusätzlichen Ausbildungsplätzen – genau das fordert die ILO explizit. Für Unternehmen wird die Implementierung von KI damit nicht nur zur Frage von Tools und Modellen, sondern zur Personalstrategie: Welche Tätigkeiten werden durch KI ersetzt, welche bleiben, und wie werden Arbeitsplätze „umgeschichtet“, sodass Kontrolle, Qualitätssicherung und domänenspezifisches Urteil stärker ins Zentrum rücken? Wer hier früh investiert, kann die Risiken der Lohnspreizung zumindest abfedern, während wer KI lediglich als Produktivitätshebel ohne Weiterbildungspolitik einführt, die Einstiegschancen real weiter verschlechtert. Der Berichtskompass zeigt somit: Künstliche Intelligenz verändert nicht nur Abläufe, sondern auch die Regeln, nach denen sich Karriere und Entlohnung in den ersten Berufsjahren entwickeln.
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