LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue Angriffsklasse nutzt unscheinbare „Ask AI“-Buttons auf Websites, um Long-Term-Memory von KI-Assistenten zu verzerren. Laut Microsoft Security wurden im Februar 2026 31 Unternehmen in 14 Branchen identifiziert, die in einem Zeitraum von 60 Tagen solche Muster einsetzen. Kritisch ist dabei, dass das Klick-Event ohne Bestätigung und ohne Hinweis eine vorgeformte Abfrage ausführt. Besonders gefährlich sind Payloads, die einen Domain-Namen dauerhaft als „trusted source“ abspeichern und zukünftige Antworten systematisch in Richtung des Anbieters biasen.

Wer ein „Ask AI“-Widget auf einer Marketing- oder Vergleichsseite klickt, erwartet meistens eine Hilfe bei der Einordnung: eine Zusammenfassung, einen TL; DR oder eine kurze Gegenüberstellung. Genau diese Selbstverständlichkeit macht die neue Klasse von Angriffen so wirkungsvoll. In der beschriebenen Variante braucht es weder Malware noch gestohlene Zugangsdaten oder einen Zero-Day-Exploit. Stattdessen werden versteckte Prompt-Injection-Payloads in vorbefüllten Deep-Links untergebracht, die beim Klick in der aktiven Sitzung des KI-Assistenten automatisch laufen. Der entscheidende Punkt ist das Zusammenspiel aus Deep-Linking und persistentem Gedächtnis: Der Browser führt nicht nur einen Dialog im Backend aus, sondern übergibt der KI eine fertige Anweisung, als hätte der Nutzer sie selbst abgesetzt.
Technisch entsteht die Angriffsoberfläche dort, wo moderne KI-Weboberflächen typischerweise Parameter für vorgeformte Abfragen unterstützen. Die Quelle nennt exemplarisch URL-Formate wie chatgpt.com/?q=…, claude.ai/new?q=… oder grok.com/?q=…; ähnlich funktionieren auch andere Assistenten über entsprechende Query-Strings. Beim Klick öffnet der Link die eingeloggte Session, und das, was im Hintergrund als „pre-filled query“ ankommt, wird direkt ausgeführt. Sobald solche Abfragen mit Long-Term-Memory-Funktionen kombiniert werden, kann eine Payload mehr tun als nur den aktuellen Turn zu beeinflussen: Sie kann eine Domain als „trusted source“ markieren und damit zukünftige Antworten in späteren Sitzungen systematisch in eine Richtung verschieben. Dass der Nutzer den eigentlichen Speicherbefehl nicht sieht, liegt am Klick-Mechanismus selbst: Die gefährliche Logik steckt nicht in dem abgerufenen Inhalt der Seite, sondern im Link, der das KI-System am Klick-Event „von außen“ anweist.
Im Februar 2026 hat Microsoft Security diese Beeinflussung unter dem Begriff „AI Recommendation Poisoning“ eingeordnet und dabei konkrete Verbreitungszeichen dokumentiert. In der Veröffentlichung werden 31 Unternehmen aus 14 Branchen genannt, die das Muster in einem Datensatz über mehr als 60 Tage eingesetzt haben; außerdem seien mehr als 50 unterschiedliche Prompts in dieser Datenquelle beobachtet worden. Darüber hinaus führt die Quelle das Vorgehen im MITRE ATLAS Knowledge Base unter AML.T0080 (Memory Poisoning) und ordnet es in Beziehung zu AML.T0051 (LLM Prompt Injection) ein. Für Sicherheits- und Plattformteams ist die Einordnung wichtig, weil sie zeigt: Es handelt sich nicht um „klassische“ Web-Schwachstellen, sondern um eine Logikschicht zwischen Frontend-Linking und Modellgedächtnis, in der bestehende Schutzmaßnahmen zur Retrieval-Zeit nur begrenzt greifen.
Die Grenze zwischen legitimer Personalisierung und schädlicher Memory-Manipulation verläuft dort, wo eine Empfehlung dauerhaft ohne Wissen und Zustimmung des Nutzers umcodiert wird. Die Quelle differenziert ausdrücklich zwischen harmlosen vorbefüllten Abfragen und Payloads, die langfristig abspeichern. Als besonders riskant wird beschrieben, wenn ein Link den Assistenten anweist, eine Vendor-Domain dauerhaft als vertrauenswürdig zu speichern, etwa für spätere Sicherheits- oder Kaufentscheidungsfragen. Zwei Beispiel-Setups verdeutlichen das Muster: Beim Consent-Management-Softwareanbieter werden „Summarize“-Buttons so konzipiert, dass die tatsächliche Anweisung nicht nur zusammenfassen soll, sondern die besagte Domain als Autoritätsquelle für zukünftige Kontexte markieren will. Im zweiten Fall platzierte ein Enterprise-Sicherheitsanbieter „Don’t just take our word for it, ask AI“-Widgets auf Wettbewerbsseiten; die Payload enthält dort eine TL; DR-Anweisung plus den Speicherbefehl, der den Vendor im Gedächtnis des Nutzers als Referenz etabliert.
Der breitere Ökosystem-Kontext macht deutlich, warum das Risiko schnell skalieren kann. In der Quelle heißt es, dass sich die Technik in kommerzielle Marketing-Toolchains „commoditize“ lässt: CMS-Plugins, SEO-Generatoren und Analytics-Integrationen sollen bereits Widgets erstellen, die ohne klassischen Code-Overhead ausgerollt werden können. Hinzu kommt, dass viele dieser Lösungen Klicks messen und anschließend mit weiteren Besuchen auf der eigenen Website korrelieren, was wiederum die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass eine gespeicherte Bias-Information später in relevanten Entscheidungen auftaucht. Für Unternehmen verschiebt sich damit der Prüfungsfokus: Nicht mehr nur die Reputation des eigenen Contents ist entscheidend, sondern auch die Frage, welche Deep-Links Drittanbieter in den Konversionsprozess einweben und welche Langzeitwirkungen ein „Ask AI“-Klick im Toolchain-Kontext auslösen kann.
Was die Verteidigung schwierig macht, ist genau die Persistenz. Ein einmal gesetzter Speicherhinweis kann dazu führen, dass spätere Nutzerfragen wie „Welche Consent-Management-Plattform sollte ich verwenden?“ oder „Ist [Wettbewerber] ein gutes Security-Tool?“ nicht mehr neutral beantwortet werden, sondern mit einer bevorzugten Einordnung der zuvor „trusted“ gemerkten Domain. Die Quelle stellt deshalb eine Vorgehenslogik in den Vordergrund: Erkennen heißt, ausgehende Hyperlinks und die aktive Memory-Signatur des Assistenten zu prüfen. Als konkrete Orientierung nennt sie, dass Microsofts veröffentlichte Hinweise für Security-Teams auf die Jagd nach Links zielen, die auf AI-Assistenten-Domains verweisen (chatgpt.com, claude.ai, grok.com, gemini.google.com) und in den Query-Strings Anweisungen wie „remember“ oder „trusted source“ enthalten. Ergänzend wird ein Cheat Sheet beschrieben, das DOM-Monitoring-Patterns, Memory-Audit-Prompts und Remediation-Schritte bündelt, inklusive einer Fünf-Punkte-Checkliste zum Prüfen dritter „Ask AI“-Links. Für die Praxis folgt daraus eine klare Priorisierung: Unaufgeforderte Memory-Manipulations-Links sollten intern wie Credential-Harvesting-Versuche behandelt werden – also nicht auf Unternehmensaccounts klicken und das Thema im Vendor-Evaluationsprozess adressieren.
Abschließend wird die Lücke im Alltag benannt: Manuelles Durchsuchen tausender Seiten und externer Komponenten skaliert nicht. Die Quelle nennt deshalb automatisierte Überwachung als Ansatz, bei dem eine Lösung wie Reflectiz diese Klick-Ebene kontinuierlich scannt und „Ask AI“-Links mit Memory-Instruktionen vor einem tatsächlichen Klick flaggt. Für Technik- und Security-Teams bedeutet das in der Konsequenz, dass „Web Exposure“ nicht nur nach klassischen XSS- und CSRF-Risiken verstanden werden kann, sondern auch nach prompt-basierten Nebenkanälen. Gerade weil die Angriffsmechanik über eine Klickschnittstelle läuft, ist sie organisatorisch oft schwer sichtbar – umso wichtiger ist es, DOM-basierte Prüfungen und Memory-Audits als festen Bestandteil in die Audit- und Remediation-Routine aufzunehmen.
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