LONDON (IT BOLTWISE) – In einem KI-Test wurden ChatGPT, Claude und Perplexity mit Finanz-Szenarien für mehrere Lebenslagen konfrontiert. Die Systeme gaben zwar verständliche und oft strukturierte Ratschläge, gingen aber nicht zuverlässig auf entscheidende persönliche Verletzlichkeiten ein. Dadurch besteht das Risiko, dass Hinweise im falschen Kontext den finanziellen Schaden vergrößern statt ihn zu begrenzen. Gleichzeitig zeigt der Test, wie stark Regulierung und Haftungsfragen die Frage nach KI-gestützter Beratung prägen.

KI-Finanzberatung im Test: ChatGPT, Claude und Perplexity mit gefährlichen Lücken
KI-Finanzberatung im Test: ChatGPT, Claude und Perplexity mit gefährlichen Lücken (Foto: IT BOLTWISE)
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Der Befund wirkt auf den ersten Blick widersprüchlich: Die untersuchten KI-Bots beantworteten finanzielle Fragestellungen strukturiert, teils sogar praxisnah. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich jedoch ein Muster, das für Verbraucher besonders kritisch ist. Sobald die Prompts sensible Lebensumstände enthalten – etwa eine Schwangerschaft, die Betreuung mehrerer Kinder oder eine akute Krise bei den Lebenshaltungskosten – reicht eine allgemeine Empfehlung nicht mehr aus. In genau diesen Momenten kam es laut dem beschriebenen Testdesign zu deutlichen Lücken, weil die KI die im Szenario angelegte Verwundbarkeit nicht systematisch als Entscheidungsgrundlage nutzte.

Im Test liefen mehrere hypothetische Profile über drei verschiedene KI-Systeme: unter anderem ein junger Universitätsabsolvent, der in einer Lebenshaltungskostenkrise für eine Immobilien-Anzahlung sparen möchte, sowie eine schwangere Frau, die finanzielle Planung für die Zeit des Mutterschutzes braucht. Hinzu kam ein Single-Elternteil mit zwei Kindern und einem moderaten Einkommen, dem ein KI-System im Rahmen der Beratung in Richtung spekulativer Anlageformen schieben sollte. Während ChatGPT und Claude in der Darstellung oft klar wirkten, zeigte der Test besonders bei ChatGPT eine Tendenz zur Detailtiefe, die nicht automatisch mit Kontextsensibilität zusammenfällt. Damit steigt das Risiko, dass eine gut formulierte Empfehlung ohne passende Randbedingungen in die falsche Richtung läuft.

Die Unterschiede zwischen den drei Bots lassen sich dabei als Spektrum auslegen: ChatGPT agierte im beschriebenen Ablauf sehr ausführlich und detailliert, ließ aber zentrale Aspekte aus den Prompts teilweise unberücksichtigt. Claude gab zwar nachvollziehbare Hinweise, legte aber stärker als erwartet den Fokus auf eine eigenständige Finanzplanung und wollte offenbar weniger „fertige Antworten“ liefern. Perplexity wurde im Test als konservativer charakterisiert: Statt konkreter Empfehlungen neigte es dazu, auf professionelle Hilfe zu verweisen und damit einen Teil der Verantwortung an menschliche Beratung zurückzugeben. Für Unternehmen und technische Entscheider ist dieser Kontrast mehr als ein Stimmungsbild: Er macht sichtbar, wie stark die Ausgabestrategie eines Modells davon abhängt, ob es Unsicherheit erkennt, Grenzen setzt und Parameter aus der Nutzerkonstellation überhaupt priorisiert.

Zusätzlich zum KI-spezifischen Test werden in der Vorlage auch allgemeine Schwächen aufgeführt, die in der Praxis häufig unterschätzt werden. Genannt wird etwa, dass je nach Modell aktuelle Börsenkurse nicht zuverlässig bekannt sind, was bei Anlageentscheidungen zwar nicht sofort auffällt, aber die Qualität der Empfehlung spürbar senken kann. Auch der fehlende Nutzerkontext ist ein wiederkehrendes Risiko: Selbst wenn Verbraucher Informationen mitgeben, können KI-Systeme diese Angaben übersehen oder nicht konsistent in die Entscheidung einfließen lassen, etwa bei der Frage, was im Portfolio bereits vorhanden ist oder welches zeitliche Ziel (zum Beispiel Hausbau) dominiert. Dazu kommt das Thema Risiko: Der Test beschreibt, dass Hinweise nicht immer klar genug auf Risikoexposition eingehen, obwohl gerade das für die Einordnung von Anlageprodukten entscheidend ist. Am Ende läuft das auf eine pragmatische Empfehlung hinaus: KI eignet sich eher für Zusammenfassungen und erste Recherchen, nicht als vollständiger Ersatz für die Finanzberatung.

Gerade in Deutschland bekommt diese Einordnung sofort eine zweite Ebene, nämlich die Regulierung und die Frage nach Haftung. Wer gewerblich zu Investmentfonds oder Finanzanlagen berät, benötigt je nach Tätigkeit eine Erlaubnis nach § 34f beziehungsweise für Honorarberater § 34h der Gewerbeordnung. Gleichzeitig wird in der Vorlage darauf hingewiesen, dass es in den letzten Jahren häufiger vorgekommen sein soll, dass Menschen ohne solche Erlaubnisse Finanzempfehlungen geben und sich über Plattformen eine Community aufbauen. Für Verbraucher ist das ein realer Missbrauchs- und Fehlsteuerungshebel: Wenn dann auch noch KI-gestützte Inhalte mit einem „seriösen Ton“ Vertrauen herstellen, kann das Anlageverhalten folgenreich falsch ausgerichtet werden. Im Kern geht es damit nicht nur um Technik, sondern um Governance.

Weil KI-Bots zudem Tipps zu konkreten Versicherungsprodukten echter Konzerne ausgeben können, ohne dass ein klar verantwortliches Gegenüber im Raum steht, meldet sich ein Vermittlerverband zu Wort. Laut den Angaben im Text fordert der Verband, die Bundesaufsicht für Finanzdienstleistung sowie die DIHK müssten die Regulierung von KI-Bots entsprechend vorantreiben. Die zeitliche Durchsetzbarkeit bleibt dabei offen – genau dieser Punkt ist für die nächste Produktgeneration wichtig. Denn selbst wenn KI-Modelle in Zukunft mehr Kontext berücksichtigen, bleibt das rechtliche Risiko bestehen, solange Verantwortlichkeiten und Haftungslogiken nicht sauber abgebildet sind. Technisch kann man Grenzen einbauen, aber rechtlich muss geklärt sein, wer am Ende für falsche oder unzureichende Empfehlungen einsteht.

Für den weiteren Umgang mit KI-gestützter Beratung folgt daraus eine konkrete Priorisierung, die über „KI ja oder nein“ hinausgeht. Organisationen sollten KI-gestützte Recherche und Dokumentaufbereitung dort nutzen, wo sie Informationen strukturieren, etwa bei der Zusammenfassung von Vertragsunterlagen oder beim Vergleich von Produktkriterien. Sobald es jedoch um konkrete Empfehlung, Abwägung individueller Risiken oder um die Auswahl geeigneter Instrumente für eine Lebenssituation geht, braucht es nach dem beschriebenen Test weiterhin menschliche Prüfung. Für Verbraucher bedeutet das: Prompte enthalten Kontext, aber sie ersetzen keine fachliche Einordnung. Und für KI-Entwickler heißt es: Nicht nur Genauigkeit zählt, sondern auch die Fähigkeit, relevante Verwundbarkeiten konsistent zu erkennen, Fehlannahmen zu markieren und konservativ in die richtige Richtung zu begrenzen.


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