BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – In deutschen Gerichten und Schlichtungsstellen häufen sich Verfahren. Laut Angaben zum Arbeitsgericht Berlin gab es im laufenden Jahr bereits mehr als 16.000 Eingänge, in etwa auf dem Niveau des gesamten Vorjahres. Sozialgerichte melden im Schnitt ein Plus von 10 Prozent auf mehr als 263.500 Klagen, zudem steigen Eilverfahren deutlich an. Aus der Praxis kommt dabei die Beobachtung, dass schriftliche Anträge zunehmend KI-gestützt wirken und sich dabei teils der Aufbau wiederholt.

KI-„Flooding“ trifft die Gerichte: Warum Antragsfluten zunehmen
KI-„Flooding“ trifft die Gerichte: Warum Antragsfluten zunehmen (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Zahl der Verfahren an deutschen Gerichten steigt seit einiger Zeit spürbar, doch die Ursache ist nicht auf einen einzigen Treiber festzunageln. Beim Arbeitsgericht Berlin verzeichnet das Haus den Angaben einer Sprecherin zufolge im bisherigen Jahresverlauf mehr als 16.000 Verfahren. Das entspricht in etwa dem Volumen des gesamten Jahres 2024. Für 2025 nennt das Gericht als Vergleich mehr als 18.600 eingegangene Verfahren, bei einem Großteil handelt es sich um Kündigungsschutzklagen. In diese gemächliche Statistik fällt inzwischen ein neuer Impuls: Verbraucher nutzen zunehmend KI-Modelle, um Beschwerden, Einsprüche oder Klageschriften zu formulieren – und Behörden sehen sich dadurch mit einer veränderten Form von Eingaben konfrontiert.

Auch bei den Sozialgerichten zeigt sich ein deutlicher Trend. Wie der deutsche Richterbund berichtet, stieg die Zahl der Klagen bei bundesweit 68 Sozialgerichten im vergangenen Jahr im Schnitt um 10 Prozent auf mehr als 263.500. Besonders stark verlief demnach der Anstieg der Eilverfahren, bei denen es um einstweiligen Rechtsschutz geht: fast 40.000 Fälle, das sind 47 Prozent mehr als im Vorjahr (2024: 26.995). Entscheidend ist dabei weniger die Frage, ob einzelne Schriften konkret mit einem KI-Tool erstellt wurden, sondern wie gut die Organisation des Prozessmanagements mit dem Volumen und der Struktur neuer Eingaben mithält. Nach Angaben der Arbeitsgericht-Sprecherin wurde nicht systematisch untersucht, ob in jedem konkreten Fall häufiger KI eingesetzt wird, aber intern fällt auf, dass Klageschriften vermehrt so gestaltet sind, dass die Nutzung von KI vermutet wird.

Genau an dieser Schnittstelle setzt der Begriff „agentic flooding“ an, den ein Paper aus dem Umfeld der Hertie School in Berlin prägt. Gemeint ist eine Flut von Anträgen, die durch KI-Agenten generiert werden können – nicht zwingend durch einzelne Chat-Abfragen, sondern durch wiederholbare Workflows, bei denen Texte schneller, umfangreicher und mit immer ähnlicher Struktur entstehen. In der Praxis lassen sich solche Muster laut Schmitz schwer als eindeutige Kausalität belegen, weil neben KI auch wirtschaftliche Entwicklung und Gesetzesänderungen die Fallzahlen beeinflussen. Trotzdem liefern Indizien aus Schlichtungsstellen ein konkretes Bild: Constantin Graf von Rex, Geschäftsführer des Versicherungsombudsmann e. V., beschreibt, dass Juristen zunehmend Schlichtungsanträge sehen, die sehr ähnlich oder teilweise sogar gleich aufgebaut sind. Gerade in den ersten fünf Monaten 2026 gab es dort rund 50 Prozent mehr Beschwerden als im Vorjahreszeitraum.

Bemerkenswert ist zudem, wie sich Schriftverkehr im Verlauf eines Verfahrens entwickeln kann. Von Rex berichtet, dass sich die Art des Schreibens teils plötzlich verändert: Ein Antragsteller halte sich zunächst kurz und knapp, danach folgen umfangreiche Schreiben mit ausführlichen Verweisen auf Rechtsprechung. Dieser Sprung wirkt wie ein nachträgliches „Aufrüsten“ des Vortrags, plausibel etwa durch wiederholte KI-gestützte Überarbeitung oder das schnelle Einfügen von rechtlich klingenden Passagen. Ähnliche Beobachtungen nennt auch die Schlichtungsstelle Reise und Verkehr, die bei Konflikten mit Reiseunternehmen vermittelt: Im ersten Halbjahr wurde dort ein Antragsrekord registriert, und die Hausjuristen berichten ebenfalls von umfangreicheren Schreiben mit ausformulierten Angaben zu Gesetzes-Paragrafen – ein Hinweis darauf, dass KI nicht nur die Geschwindigkeit erhöht, sondern auch den Ton und die Dichte des Vortrags.

Für Gerichte und Behörden stellt sich damit eine operative Frage: Wie priorisiert man, wenn die Quantität steigt, aber die Bearbeitungszeit nicht proportional wächst? Das Berliner Arbeitsgericht versucht laut Angaben zunächst Entlastung herzustellen, indem bereits neue Richterinnen und Richter eingestellt wurden und weitere Einstellungsverfahren laufen. Gleichzeitig dauere die Bearbeitungszeit einzelner Fälle weiterhin länger. Genau hier liegt der Kern der Systemspannung: Personelle Aufstockung hilft, ist aber nicht überall sofort möglich. Schmitz warnt deshalb nicht nur vor längeren Wartezeiten, sondern vor der eigentlichen Hauptgefahr – nämlich bürgerunfreundlichen Maßnahmen als Reaktion auf eine Antragsflut. Genannt wird beispielhaft, dass digitale Kanäle geschlossen werden könnten oder dass Richterinnen und Richter mehr Fälle ohne Begründung ablehnen könnten. Solche Schritte würden die formale Effizienz zwar erhöhen, aber zugleich die Zugänglichkeit des Rechtsschutzes beschädigen, insbesondere für Personen, die ihren Anspruch ohnehin schwerer in standardisierte Formulare übersetzen können.

Die Gegenstrategie beginnt nach Schmitz nicht bei KI-gestützten Antworten, sondern bei der Durchdigitalisierung der Verwaltung. Als erstes Mittel nennt er, die seit Jahrzehnten vernachlässigte Verwaltungs-Digitalisierung voranzutreiben. Praktisch heißt das: Wenn Verbraucher sich bei mehr Verwaltungsschritten online ausweisen müssen, können Werkzeuge wie eine sogenannte ID-Wallet helfen. Daneben gebe es viele Prozesse, die deterministisch laufen könnten, etwa durch klassische Programme, bei denen kein menschlicher Prüfer erforderlich ist – also keine KI-Passage im Sinne von „Modell liefert Text“, sondern automatisierbare Routinefälle. Wichtig ist dabei der Perspektivwechsel: Eine Behörde sollte nicht den Anspruch haben, Anfragen vom Hals zu halten oder auf KI-generierte Anträge mit KI-generierten Gegenantworten zu reagieren. Vielmehr sollte sie vorher durchstrukturieren, Identitätsprüfungen einbauen, Benutzeroberflächen sauberer gestalten und das Datenmanagement ordnen; KI könne man dabei als unterstützendes Werkzeug einsetzen. Erst danach stellt sich überhaupt die Frage, ob KI für Ermessensentscheidungen genutzt werden sollte und unter welchen Voraussetzungen.

Für die Markt- und Tech-Seite ergibt sich daraus eine klare Implikation: Anbieter von KI-Assistenz für Rechtstexte, Prozessberatung und Fallverwaltung sollten nicht nur die Textqualität optimieren, sondern auch das Zusammenspiel mit gerichtlichen und behördlichen Abläufen bedenken. Wenn sich Eingaben stark wiederholen oder sich der Umfang im Prozessverlauf erhöht, steigen die Anforderungen an Dokumentenklassifikation, Vorprüfung und Zielsteuerung der Bearbeitung. Gleichzeitig entsteht ein Bedarf an transparenten digitalen Wegen, über die Bürger ihre Anträge strukturiert einreichen können, ohne dass der Inhalt zwingend in jeder Einreichung als Volltext „ausformuliert“ sein muss. Genau dort kann KI helfen, indem sie etwa beim Erfassen, Validieren und Formalisieren unterstützt – aber nicht indem sie den Rechtsschutz als Text-Volumenproblem behandelt. Die nächsten Monate werden zeigen, ob sich „agentic flooding“ vor allem als organisatorische Herausforderung manifestiert oder ob sich daraus ein echter Systemwandel im Schnittstellenmanagement zwischen KI-generierten Eingaben und rechtsstaatlicher Prüfung ergibt.


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