LONDON (IT BOLTWISE) – An der Wall Street prallen in einer internen Analyse von BCA zwei Sichtweisen auf eine anhaltende KI-Rally aufeinander. Die Bären warnen vor einer Gewinnblase und leiten aus Basisdaten von 2019 ein Kurs-Gewinn-Verhältnis um 27 ab. Die Bullen halten die Rechenleistung weiter für knapp, verweisen auf wachsende Cloud-Auftragsbestände und auf stärker als gedacht steigende Erträge. Als nächster Belastungstest gelten die Quartalsberichte der großen Technologiekonzerne in den kommenden zwei Quartalen.

KI-Rally an der Wall Street: Bullen vs. Bären streiten um Bewertungen
KI-Rally an der Wall Street: Bullen vs. Bären streiten um Bewertungen (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Debatte wirkt auf den ersten Blick wie eine klassische Börsen-Perspektivfrage: Gehen die Märkte gerade in eine neue KI-Gewinnstory oder in eine überhitzte Bewertung? In der internen Auseinandersetzung beim Analysehaus BCA aus dem Juli zerfiel das Chefstrategen-Team allerdings spürbar in zwei Lager. Der gemeinsame Nenner ist dabei weniger die Existenz des KI-getriebenen Investitionszyklus, sondern die Frage, wie lange sich die derzeit hohen Erwartungen noch gegen die Zweifel stemmen können. Für Anleger wird daraus eine Timing-Frage: Nicht ob KI Wirtschaft und Arbeitsmarkt umbaut, sondern wann die Rechnung sichtbar wird.

Die Bären argumentieren mit Bewertungslogik und Haltbarkeit der Margen. Für Peter Berezin, Chefökonom bei BCA, sowie Arthur Budaghyan, Chefstratege für Schwellenländer, seien die Gewinne zwar hoch, die daraus abgeleiteten Margen aber weniger dauerhaft als die Kurse unterstellen. Rechnet man die Bewertung rückwärts an den Margen von 2019, landet der breite Markt laut Quelle bei einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von rund 27 bezogen auf die erwarteten Gewinne. Damit liege der Markt über dem Höchststand der Dotcom-Blase im März 2000, der in der Argumentation bei etwa 26,5 genannt wird. Zusätzlich wird der Blick auf eine bereinigte Teilmenge gelegt: Ohne Technologie- und Finanzwerte handle der Rest der Börse demnach mit einem KGV von 26 bei einem Gewinnwachstum von nur rund drei Prozent über die letzten zwei bis drei Jahre.

Im zweiten Streitpunkt geht es weniger um Theorie als um die Buchungslogik großer Infrastrukturinvestitionen. Die Bären verorten die Kerngefahr in Rechenzentren, Chips und Stromnetzen: Die Ausgaben erzeugten zwar Ergebnisse, zehrten aber gleichzeitig an der Substanz. Das zentrale Argument lautet, dass verkaufte Chips beim Hersteller als Umsatz und Gewinn sofort in den Büchern stehen, während Hyperscaler die gleiche Wertschöpfung eher als Investition verbuchen. Dadurch steigen ausgewiesene Ergebnisse, ohne dass der Mittelabfluss genauso schnell in die Gewinn- und Cashflow-Diskussion übersetzt wird. Berezin zieht in diesem Zusammenhang den Vergleich mit Strom: KI könne Unternehmen effizienter machen, aber nicht automatisch profitabler, sobald der Zugang zu der Effizienz am Markt breit verfügbar wird.

Die Bullen halten dagegen, dass die Rechenleistung weiterhin knapp sei und damit die Rendite der Investitionen eher unterschätzt werde als überzeichnet. Juan Correa, verantwortlich für die Portfoliokonstruktion bei BCA, und Noah Weisberger, Aktienchef, argumentieren zudem, dass die Ertragsstärke nicht auf das klassische Cloudgeschäft beschränkt bleibe. Als Beleg nennt die Quelle eine starke Ausweitung der Auftragsbestände der Cloudanbieter: Innerhalb zweier Quartale seien sie um rund 750 Milliarden US-Dollar gewachsen. Außerdem sollen sich die Vertragswerte je Megawatt gegenüber dem Vorjahr etwa verdoppelt haben. Ergänzend wird auf gestiegene Mietraten für die jeweils neueste Chipgeneration im Jahresverlauf 2026 verwiesen.

Besonders wichtig ist für die Bullen, dass sich die Gewinnerwartung nicht nur aus Rechenzentrumsinvestitionen ableitet, sondern auch aus Seitenströmen der Plattform- und Werbeökonomie. Die Quelle führt dafür Meta und Alphabet als Beispiele an: Meta im KI-getriebenen Werbegeschäft und Alphabet in der wiedererstärkten Suche. Insgesamt sei die Bewertung der Hyperscaler den Angaben zufolge so günstig wie seit einem Jahrzehnt nicht, bezogen auf Kennzahlen wie Erträge. Der damit verbundene Flaschenhals liegt aus dieser Sicht weniger in einer generellen Nachfrageflaute als im Timing, also in der Frage, ob sich die Marktmeinung schneller aktualisiert als die Unternehmen ihre Investitionen bereits in messbare Erträge übersetzen. Selbst innerhalb der bullischen Sicht wird jedoch eingeräumt, dass der Investitionszyklus irgendwann endet und dann vermutlich nicht ohne Verwerfungen ausläuft.

Damit verschiebt sich die entscheidende Entscheidung vom Makro-Raten zur konkreten Quartalsbeobachtung. Als nächster belastbarer Datenpunkt sollen die Berichte der großen Technologiekonzerne in den kommenden zwei Quartalen dienen. Die Bullen erwarten demnach eine Überraschung: Der Markt solle sehen, wie viel Geld die Investitionen tatsächlich schon abwerfen. Bleibt diese Überraschung aus, erhalten die Bären laut Argumentationslogik Rückenwind, weil sich die Lücke zwischen ausgewiesenen Gewinnen und der realen Cash- und Margendynamik stärker öffnen könnte. Für Unternehmen und Entwickler bedeutet das vor allem Planungssicherheit nach vorn: Wer KI-Infrastruktur baut oder betreibt, muss damit rechnen, dass Nachfrage und Budgets in einer Phase stark schwanken, wenn die Bewertung das „Beste-Szenario“ nicht mehr tragen kann.

Spannend ist dabei, wie sich das Anlegernarrativ auf die Umsetzungspraxis auswirkt. Eine mögliche Stauchung der Bewertungen würde nicht nur Aktienkurse treffen, sondern auch die Bereitschaft, zusätzliche KI-Workloads zu priorisieren oder in neue Rechenzentrumsregionen zu investieren. Für Teams, die auf KI-Entwicklung setzen, wird deshalb die Kosten-Nutzen-Transparenz wichtiger: In einem Markt, der zunehmend fragt, wie schnell Investitionen echte Produktivitätsgewinne in Umsatz und Margen übersetzen, entscheidet der konkrete KPI-Mix. Genau an dieser Stelle liegt der Realitätscheck, den die Quelle im nächsten Earnings-Zyklus verankert: Die Debatte wird nicht durch Schlagworte entschieden, sondern durch Guidance, Marge und Cashflow.


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