KÖLN / LONDON (IT BOLTWISE) – Digital-Staatssekretär Thomas Jarzombek warnt, Europa drohe bei KI zum Zuschauer zu werden, wenn der Fokus zu stark auf Regulierung liege. Er kritisiert, dass der AI Act zwar strenge Regeln schafft, aber nicht automatisch genügend Entwickler und Investitionen nach Europa gezogen habe. Im gleichen Atemzug betont er die Notwendigkeit europäischer Rechenzentren als Grundlage für digitale Souveränität. Die Industrie müsse jetzt Aufträge und Nachfrage schaffen, damit auch Unternehmen wie die Deutsche Telekom die benötigte Infrastruktur in Deutschland und Europa aufbauen.

Europa könnte bei der KI-Entwicklung schneller in eine Warteschleife geraten, als viele in der Branche wünschen. Der Digital-Staatssekretär Thomas Jarzombek stellt in einem Beitrag für WDR 5 den Zusammenhang zwischen Regulierung und Wettbewerbsfähigkeit her: Seiner Einschätzung nach hat sich Europa zu sehr auf Regeln konzentriert, statt die Potenziale der Technologie konsequent mit Investitionen zu untermauern. Jarzombek formulierte dabei sehr pointiert, dass die USA und China derzeit die „Spieler“ seien und Europa dadurch eher „irgendwas zwischen Moderator und Spielfeld“ rolle. Hinter dieser Metapher steckt ein handfester Kern: KI-Fortschritt skaliert nicht nur über Modelle und Algorithmen, sondern auch über Rechenleistung, Datenflüsse und die Fähigkeit, Training und Betrieb operativ verfügbar zu halten.
Als zentrale europäische Zutat nennt Jarzombek den AI Act, also die KI-Verordnung der EU. Die Regelsetzung sei aus seiner Sicht „sehr kompliziert“ und habe nach seiner Argumentation nicht dafür gesorgt, dass KI-Entwickler verstärkt nach Europa gekommen sind. Gleichzeitig habe die Industrie laut Jarzombek bislang zu wenig in europäische Rechenzentren investiert. Genau hier setzt sein Souveränitätsargument an: Rechenzentren seien ein strategischer Standortfaktor, weil sie bestimmen, wie schnell und unter welchen Bedingungen KI-Systeme trainiert, ausgeliefert und überwacht werden können. In der Praxis bedeutet das, dass sich Wartezeiten und Abhängigkeiten bei Kapazitäten und Energieverfügbarkeit direkt auf Time-to-Market, Kostenstruktur und die Wettbewerbsfähigkeit ganzer KI-Produktlinien auswirken.
Auch bei der Debatte um staatlich angestoßene Infrastrukturprogramme verweist Jarzombek auf einen Zielkonflikt. Er nennt die EU-Initiative der „Gigafabriken“ als Beispiel für öffentliche Impulse, betont jedoch zugleich, dass staatliche Maßnahmen „natürlich auch kompliziert und auch langsam“ sein können. Der eigentliche Engpass liegt dann nicht im politischen Papier, sondern in der Umsetzungsphase: Flächen, Netzanschlüsse, Energieverträge, Genehmigungen und Bauzeiten müssen mit der Nachfrage nach Rechenleistung zusammenpassen. Während Regulatorik den Rahmen setzt, entscheidet die konkrete Infrastruktur über die Geschwindigkeit, mit der Unternehmen KI-Services in Produktion nehmen. Für die KI-Industrie bedeutet das: Selbst ein sehr klarer Rechtsrahmen kann Investitionen nur dann stabilisieren, wenn die operativen Voraussetzungen in Europa ausreichend früh entstehen.
Jarzombeks Schlussfolgerung richtet sich daher an die Marktmacht der Wirtschaft. Vor allem die Industrie müsse jetzt durch Aufträge Nachfrage schaffen, damit „Telekom, Schwarz und andere“ Rechenzentren bauen, die Deutschland und Europa brauchen. Genau diese Richtung findet sich in dem zweiten Teil der Meldung: Die Deutsche Telekom will im großen Stil in den Aufbau und Betrieb von Rechenzentren einsteigen. Das Unternehmen positioniert damit Rechenzentrumskapazität als strategische Säule neben klassischen Kommunikations- und Cloud-Leistungen. Für den Markt ist das relevant, weil Rechenzentren nicht nur Hardware sind, sondern auch Betriebskompetenz: Energie-Management, Standortbetrieb, Sicherheitsprozesse, Skalierungsfähigkeit und die Fähigkeit, Kapazitäten für unterschiedliche Workloads bereitzustellen.
Hinzu kommt der industriegetriebene Wettbewerb um Standorte und Bauvorhaben. In der Quelle wird als weiteres Beispiel die Schwarz-Gruppe genannt, die für einen milliardenschweren Rechenzentrumsaufbau in der Nähe von Rostock bereits ein Projekt angekündigt hat. Solche Signale sind für die Branche mehr als bloße Bauplanung: Sie beeinflussen die Erwartungskurve für Kapazitätsverfügbarkeit, die Verhandlungsposition gegenüber Energie- und Netzbetreibern sowie die Lieferketten für Bau- und Klimatechnik. Gleichzeitig verschiebt sich damit das Investitions- und Risikoportfolio: Wer früh in Standorte investiert, sichert sich oft bevorzugte Kapazitäten und kann später in Vertragsmodelle mit garantierter Leistung gehen. Das kann die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass KI-Anbieter ihre Trainings- und Inferenzlasten perspektivisch stärker in Europa konsolidieren.
Für Unternehmen, die KI in Anwendungen übersetzen wollen, ergibt sich daraus eine klarere Entscheidungslogik. Wenn Europa Kapazitäten ausbaut, sinkt tendenziell der Druck, Workloads dauerhaft über externe Regionen zu betreiben; zudem verbessern sich planbare Latenzen und Datenzugriffe. Gleichzeitig bleibt Regulierung ein zentraler Faktor für Architekturentscheidungen, etwa bei Governance, Protokollierung und Anforderungen an Risikoklassen. Die eigentliche Wirkungskette, die Jarzombek aufzeigt, lautet deshalb: Regulatorik beeinflusst den Rahmen und damit Investitionsbereitschaft, Infrastruktur entscheidet aber darüber, ob konkrete Systeme auch in der benötigten Menge und Geschwindigkeit bereitstehen. Die nächsten Monate werden zeigen, ob sich aus den angekündigten Rechenzentrumsprojekten wirklich eine belastbare Kapazitätslage ergibt, die den KI-Standort Europa stärkt statt ihn in eine Zuschauerrolle zu drücken.
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