WUHAN / LONDON (IT BOLTWISE) – In Wuhan sind robotaxis vorübergehend ausgefallen und haben zeitweise den Verkehr blockiert, während gleichzeitig Fahrerinnen und Fahrer auf Kundschaft und höhere Einnahmen hoffen konnten. Hintergrund ist der rasante Ausbau KI-gestützter Mobilitätsdienste durch große Technologieanbieter. Der Vorfall macht sichtbar, wie stark sich Lohn- und Jobrisiken in der Gig-Ökonomie verschieben können. Parallel rückt die Politik das Thema Beschäftigungsrechte in den Fokus und will KI auch als Hebel für „shared prosperity“ positionieren.

KI-Robotaxis in Wuhan: Wenn Automatisierung Jobs und Löhne neu sortiert
KI-Robotaxis in Wuhan: Wenn Automatisierung Jobs und Löhne neu sortiert (Foto: IT BOLTWISE)
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Auf den schmalen, von Bäumen gesäumten Straßen von Wuhan prallen Alltag und Automatisierung aufeinander: Mopeds, Lieferfahrzeuge und Autos teilen sich denselben Raum, während neuere Robotaxi-Flotten versuchen, Verkehrsflüsse per KI-gestützter Assistenz in kontrollierte Bahnen zu lenken. Im März stoppten mehrere Fahrzeuge einer solchen Flotte abrupt; die Systeme meldeten „system malfunction“, und Fahrgäste saßen für Stunden fest. Der Betrieb der Robotaxis, die unter dem Namen Apollo Go laufen und KI nutzen, wurde daraufhin für Monate aus dem Stadtbild genommen, um die Ursachen zu untersuchen. Für die Betroffenen in den Nebenrollen war das jedoch nicht nur ein Technikthema, sondern ein unmittelbarer Einkommenseffekt: Als Fahrgäste zurückkehrten, stiegen die Gelegenheitsumsätze einzelner Taxifahrer wieder spürbar an.

Genau diese Kehrseite der Automatisierung macht die Episode politisch und wirtschaftlich brisant. Der Fahrer Yao Xinnong, 45 Jahre alt, beschreibt den Unterschied zwischen einer zunehmend KI-getriebenen Beförderung und dem Leben vom Tagesverdienst sehr direkt. Laut seiner Aussage wirkten die autonomen Fahrzeuge auf viele Kunden „huge“ ein; nach Angaben im Bericht lagen seine Einnahmen seit dem Start von Apollo Go 2022 zeitweise um etwa 40 % niedriger, bis die Störung die Nachfrage wieder in Richtung klassischer Fahrdienste verschob. Selbst wenn sich die Technik später stabilisiert, bleibt die Kerndynamik: KI-gestützte Mobilität kann Nachfrage kanalisieren und damit Einkommen dort unter Druck setzen, wo Beschäftigung bereits vor der Automatisierung prekär war. Der Konflikt ist also nicht nur „Mensch gegen Maschine“, sondern „Skalierung gegen Anpassungsfähigkeit“.

China verfolgt dabei eine Umsetzungsgeschwindigkeit, die viele Unternehmen im Westen so nicht kennen: KI-Features werden nicht als Pilotphase konserviert, sondern in die Fläche ausgerollt, während gleichzeitig ein angespanntes Arbeitsmarktumfeld die Verhandlungsmacht von Beschäftigten reduziert. In dem Bericht wird darauf hingewiesen, dass ein erheblicher Teil der Erwerbsbevölkerung aus formalen Jobs in die Gig-Ökonomie abwandert; als Orientierung wird die Zahl flexibler Beschäftigter mit 320 Millionen für dieses Jahr genannt, gegenüber 160 Millionen im Jahr 2019. Das wären rund 44 % der chinesischen Erwerbstätigen. Für Taxi- und Fahrdienstgruppen bedeutet das: Schon kleine Verschiebungen in Routing, Abdeckung oder App-Nutzung können überproportional viele Stunden und damit Einnahmen verändern. Damit bekommt die Debatte um KI nicht nur eine technologische, sondern auch eine soziale Dimension.

Interessant ist auch, wie politische Leitplanken und tatsächliche Praxis zusammenlaufen. Auf der World AI Conference in Shanghai betonte Staatschef Xi Jinping, KI solle „an important driver for shared prosperity and common security“ sein. Das klingt nach pro-aktiver Gestaltung statt nach „Verwaltung“ eines technologischen Umbruchs. Gleichzeitig berichtet der Beitrag, dass sich die Umsetzung in einem fragilen Arbeitsmarkt vollzieht und dass Beschäftigungsrechte „new challenges“ gegenüberstehen. In dem Zusammenhang wird von einer geplanten, umfassenden Reaktion auf die Wirkung neuer Technologien auf Arbeitsverhältnisse gesprochen. Eine Sprecherin oder ein Sprecher der zitierten Analyse ordnet zudem ein, dass sich in Beijing der Fokus stärker weg von reiner Modell- und Innovationsleistung hin zu einem „people-first“-Ansatz verlagert habe.

Abseits der großen Parolen taucht die Frage nach Kontrolle und Akzeptanz besonders dort auf, wo Kritik öffentlich wird. Für Wuhan wird von Protesten von Taxifahrern gegen den Einsatz von Apollo Go berichtet; die Nachricht sei offenbar schnell zensiert worden, und mehrere Fahrerinnen und Fahrer hätten gesagt, sie seien nicht beteiligt gewesen. Auch eine Taxi-Gesellschaft soll laut dem Bericht selten öffentlich die Politik zur Automatisierung kritisiert haben. Als Kontext wird ergänzt, dass Behörden öffentliche Kritik in der Regel nicht unbegrenzt zulassen und dass Gespräche mit Mitarbeitenden an Bedingungen geknüpft sein können. In der Praxis führt das zu einer Kommunikationsasymmetrie: Während KI-gestützte Dienste schnell ausgerollt werden, verläuft der öffentliche Diskurs über Arbeitsfolgen oft langsamer und weniger transparent als der Rollout selbst.

Dass die Debatte inzwischen weit über den Fahrdienst hinausgeht, illustrieren weitere Beispiele aus dem Büro- und Kreativumfeld. Zwar gibt es laut Beitrag auch Gerichtsurteile, die Entschädigungen an Angestellte zugesprochen haben, die entlassen wurden, weil Firmen ihre Aufgaben durch KI ersetzen wollten. Dennoch bleibt die Angst bei vielen Beschäftigten bestehen, weil KI-Einführung häufig schon als Risiko in der Einstellungsphase wirkt. Der Filmemacher Tian Zemin aus Beijing beschreibt diesen Schock in einem sozialen Posting und in der Berichterstattung sehr persönlich: „I spent six gruelling years working my way up to become a cinematographer, only to be replaced by a piece of software.“ Sein Hinweis zielt weniger auf eine einzelne Entlassung als auf den Effekt, dass Einstiegschancen für neue oder selbstständige Rollen sinken können. Auch ein weiterer Wert aus dem Bericht unterstreicht den Druck: Sein Freelancer-Anteil soll bei etwa 40 % dessen liegen, was er 2019 war.

Technisch betrachtet sind solche Verlagerungen plausibel, weil moderne KI-Systeme in der Lage sind, Workflows entlang von Daten, Vorlagen und wiederkehrenden Mustern zu beschleunigen oder zu ersetzen. Im Kreativbereich geht es dabei oft nicht um „Kreativität“ im philosophischen Sinn, sondern um Produktionsschritte wie Avatar-Erstellung, Previs, Bildvarianten oder die Erstellung ganzer Sequenzen nach Spezifikationen. Gleichzeitig bleibt die Wechselwirkung zwischen KI und Beschäftigung politisch schwer zu steuern: Selbst wenn Leitlinien „Beschäftigung“ adressieren, müssen Unternehmen im Tagesgeschäft Entscheidungen zu Kapazitäten, Rollenprofilen und Qualifikationspfaden treffen. Für die nächsten Monate dürfte daher entscheidend sein, wie konsequent Trainings- und Übergangsangebote mit den Rollouts zusammenlaufen – und ob Ausfallereignisse wie der Robotaxi-Stop in Wuhan als Signal dienen, Sicherheits- und Betriebsprozesse so zu gestalten, dass die sozialen Nebenwirkungen nicht weiter steigen.


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