LONDON (IT BOLTWISE) – Die USA bereiten einen neuen KI-Dialog mit China vor, doch laut Seth Center werden künftige Sicherheitsgespräche nicht automatisch „retten“. Der ehemalige State-Department-Emissär rechnet damit, dass China Risiken erneut herunterspielt und stattdessen strategische Vorteile sucht. Als Alternative schlägt er vor, dass Entwickler beider Länder früh technische Schutzmechanismen und Transparenz erhöhen. Erst darauf aufbauend sollten daraus belastbare internationale Zusagen entstehen.

Die angekündigten KI-Gespräche zwischen den USA und China stehen auf einem schwierigen Fundament: Beide Seiten sehen sich gleichzeitig als Treiber der nächsten Modellgeneration und als Konkurrenten um strategische Handlungsfähigkeit. Seth Center, der die ersten US- und China-Dialogformate zu KI von 2023 bis 2025 mitprägte, beschreibt genau diese Spannung als Kernproblem. Seine zentrale These lautet, dass der Fokus auf Sicherheitsfragen nicht automatisch zu einem tragfähigen Ergebnis führt, wenn die Verhandlungspartner im Gesprächsdesign und bei den Prioritäten unterschiedliche Ziele verfolgen. Damit rückt weniger die Frage in den Vordergrund, ob man über Risiken spricht, sondern wie man Risikoreduktionsmaßnahmen technisch, messbar und überprüfbar macht.
Konkreter wird Centers Rückblick auf das Treffen im Mai 2024. Zwar war die Agenda laut Text für beide Seiten klar, weil die Präsidenten sie vereinbart hatten: Risiken fortgeschrittener KI-Systeme sollten im Mittelpunkt stehen, ebenso der Spielraum für Sicherheitskooperation. Doch während der Sitzung hätten chinesische Vertreter über Stunden den möglichen Gefahrenaspekt von fortgeschrittener KI aus dem Zentrum der Gespräche herausgelenkt. Besonders bemerkenswert: Sie hätten zugleich auf eine Erklärung ihrer eigenen inländischen KI-Regeln verzichtet, obwohl Regulierungsstellen vor Ort waren. Für Leserinnen und Leser aus der Technik- und Governance-Praxis wirkt das wie ein Muster, bei dem ein Dialog über Sicherheitsanforderungen zwar offiziell adressiert wird, in der Ausführung aber an Prozess- und Informationsasymmetrien hängen bleibt.
Technisch betrachtet verschiebt sich hier der Maßstab dessen, was „Sicherheit“ in Verhandlungen bedeuten kann. Wenn eine Seite Sicherheitsrisiken nicht offenlegt, fehlen Messgrößen, Vergleichbarkeit und damit die Grundlage für Benchmarking. Center argumentiert deshalb, dass ein dauerhaftes Abkommen kaum zustande kommen könne, solange in den jeweiligen Staaten die inländische KI-Politik noch „im Bau“ ist. Seine Begründung: Unternehmen müssten zuerst technische und Aufsichtsmechanismen entwickeln, die dann zu politischen Vorgaben werden können; erst danach sei es sinnvoll, daraus internationale Vereinbarungen abzuleiten. Das ist auch aus Industry-Sicht nachvollziehbar: Selbst wenn Regierungen Gesprächsmandate geben, entscheidet letztlich das Zusammenspiel aus Model-Training, Evaluations-Frameworks, Incident-Reporting und internen Kontrollprozessen darüber, ob eine Zusage überprüfbar wird.
Centers Einschätzung bleibt dabei bewusst skeptisch gegenüber der Verhandlungslogik der Gegenseite. Für die kommenden Runden erwartet er, dass China Sicherheitsrisiken erneut abwerten könnte und Sicherheitskooperation möglicherweise als Tauschobjekt präsentiert. Er nennt als Beispiel die Idee, dass man im Gegenzug Zugeständnisse einfordert, etwa beim Umgang mit Chip-Kontrollen. Außerdem beschreibt er, wie sich ein narratives Framing ausbreiten könne: China zeichne sich in der Darstellung als altruistischer Helfer, der auch Entwicklungsländern den Zugang zu KI erleichtern wolle. Parallel dazu würden jedoch Handlungen und Kommunikationsstrategien darauf abzielen, schneller zu sein und das strategische Umfeld zu beeinflussen – etwa durch Propaganda im Zusammenhang mit Rechenzentren und durch die Förderung eigener Firmen, die US-Modelle nutzen, um Systeme zu verbessern. Aus Sicht der Sicherheitspolitik ist das der Punkt, an dem Verhandlungsergebnisse schnell zur Symbolik werden, wenn Transparenz- und Leistungskennzahlen nicht verbindlich sind.
Aus dem Text spricht zudem eine innenpolitische Zwickmühle, die für Unternehmen und Entwickler unmittelbar relevant ist. Center erwähnt die wachsende Gruppe aus KI-Forschenden, Politikern, Akteuren von Wall Street und Technologieführern, die offenbar auf eine schnelle KI-Allianz drängen wollen, um angeblich „rüpelloses“ Verhalten abzufedern. Sein Risiko-Szenario: Wenn die Diplomatie scheitert, könnte die Gegenseite die Ernsthaftigkeit taktisch zur Schau stellen, ein inhaltsarmes Angebot machen und die Verantwortung für das Scheitern den USA zuschieben. Das könnte interne Debatten auslösen, die den breiten Konsens beschädigen, dass die USA in allen Facetten der KI-Entwicklung eine Führungsrolle übernehmen sollen – und damit die Innovations- und Sicherheitsagenda indirekt schwächen. Für die Praxis heißt das: Jede „Schnelllösung“ ohne technische Substanz kann den Zeithorizont verlängern, statt ihn zu verkürzen.
Gleichzeitig ist Centers Schlussfolgerung nicht „keine Gespräche“, sondern ein anderer Prioritätenwechsel. Er fordert, Sicherheitsbefürworter mit hoher Reichweite sollten nicht primär auf ein diplomatisches Ergebnis drängen, das technisch noch nicht realisierbar ist. Stattdessen sollten sie Entwickler in beiden Ländern zu höheren Standards bringen, in Forschung für besser abgesicherte Systeme echte Mittel lenken und Transparenz sowie Reporting ausbauen. Daneben empfiehlt er, dass auch inoffizielle Kontakte zu chinesischen Geschäftspartnern und ehemaligen Funktionsträgern fortgesetzt werden, damit Regierungen anschließend schneller reagieren können. Sein optimistischstes realistisches Szenario für künftige Gipfel ist eine nicht verbindliche Selbstverpflichtung: Beide Seiten könnten Druck auf ihre Unternehmen ausüben, Sicherheits-Benchmarkings zu veröffentlichen und zu verbessern, insbesondere für Cybersecurity- und biologische Risiken. Zusätzlich sollte es darum gehen, Berichte über „concerning incidents“ offenzulegen, statt sie zu verbergen.
Für die weitere Bewertung sind zwei Punkte aus dem Text besonders entscheidend. Erstens: Selbst wenn es gelingt, bestehende gemeinsame Zusagen zu bekräftigen – Center nennt dabei ausdrücklich das Abkommen von 2024 zur Wahrung menschlicher Kontrolle bei Entscheidungen über Nuklearwaffen – bleibt der Aufwand mehrjährig. Zweitens: Der Nutzen solcher Prozesse lässt sich nicht nur daran messen, ob ein Vertrag unterschrieben wird, sondern ob überprüfbare Fortschritte entstehen. Wenn man Standards, Transparenz, Incident-Daten und die Ergebnisse von Evaluationsverfahren Schritt für Schritt vergleichbarer macht, wächst die Wahrscheinlichkeit, dass spätere Gespräche weniger „procedural diplomacy“ werden und mehr substanzielle technische Abstimmung leisten. Für Entscheiderinnen und Entscheider in Unternehmen bedeutet das: Die internationale Debatte ist zwar politisch motiviert, aber sie wird operativ an den Mess- und Kontrollmechanismen der Teams entscheiden, die Modelle entwickeln, testen und in den Betrieb bringen.
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