FÜRTH / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine gemeinsame Analyse von Ifo, IAB und der Universität Konstanz zeigt: Mehr digitale Technik am Arbeitsplatz hängt bei körperlich Tätigen deutlich stärker mit schlechterer Gesundheit zusammen. Im Schnitt kommen dadurch rund 20 Prozent mehr Krankheitstage pro Jahr zusammen. Für Büro- und Wissensberufe lässt sich dieser negative Effekt in der Studie nicht nachweisen. Als Gegenmittel rücken Digital-Training, gezielte Unterstützung und eine entlastende Führungskultur in den Fokus.

Digitale Technik gilt in vielen Unternehmen als Produktivitätsmotor – doch eine neue Auswertung zur Arbeitswelt rückt eine unbequemere Nebenwirkung in den Mittelpunkt: Technostress. Besonders betroffen scheint dabei zu sein, wer die Digitalisierung nicht primär am Bildschirm erlebt, sondern körperlich im Betrieb arbeitet. Die Analyse von Ifo-Institut, Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) und der Universität Konstanz verknüpft Befragungsdaten zur Nutzung digitaler Technologien mit Sozialversicherungsinformationen und kommt zu dem Ergebnis, dass „smarte“ Werkzeuge und KI-gestützte Systeme im Alltag nicht für alle Beschäftigten gleich belastend wirken.
Technisch betrachtet vergleichen die Forschenden zwei Gruppen: Beschäftigte mit überwiegend körperlichen Tätigkeiten und solche mit überwiegend geistigen oder bürotypischen Aufgaben. Beide Gruppen erleben im Zuge der Digitalisierung ähnliche Strukturveränderungen – Aufgaben werden komplexer, Zeit- und Leistungsdruck steigen. Auch die Art der eingesetzten Technik folgt einem Muster, bei dem zunehmend intelligent-vernetzte Soft- und Hardware eine Rolle spielt. Dazu zählen vernetzte Maschinen, Sensorik, Big-Data-Anwendungen, Robotik sowie KI. Der entscheidende Unterschied liegt aber nicht darin, ob sich „Digitalisierung“ im Job verändert, sondern wie sie sich auf Gesundheit und Fehlzeiten auswirkt.
Genau hier setzt die Studie an: Nur bei Beschäftigten mit körperlicher Tätigkeit verschlechtert sich der Gesundheitszustand nach den Ergebnissen deutlich. Daraus leiten die Autoren einen Effekt ab, der sich konkret in Krankheitstagen ausdrückt: Körperlich Arbeitende fehlen demnach im Schnitt rund 20 Prozent mehr Tage im Jahr, wenn ihre Arbeitsplätze digitalisierungsbedingt stärker mit Technik durchdrungen sind. Bei Büro- und Wissensberufen sehen die Forschenden hingegen keinen nachweisbaren negativen Zusammenhang zwischen Digitalisierung und Gesundheitsindikatoren. Die Interpretation fällt dabei nicht auf die Technik an sich zurück, sondern auf die kognitive und organisatorische Herausforderung, die neue digitale Anforderungen mit sich bringen.
Als mögliche Erklärung nennt die Studie Technostress. Digital gesteuerte Abläufe bringen neue Anforderungen an Wissen, Routinen und Bedienkompetenz mit sich – und genau dann wird es laut Auswertung kritisch, wenn Beschäftigte die nötigen Kenntnisse und Erfahrungen nicht haben. Gerade körperlich tätige Menschen seien häufig ohnehin gesundheitlich stärker belastet, etwa durch körperliche Beanspruchung und häufiger durch niedrigere formale Bildung. So kann zusätzlicher Druck durch digitale Systeme bestehende Ungleichheiten verstärken, statt sie auszugleichen. Interessant ist zudem, dass die Studie nicht nur über Gesundheit über eine subjektive Skala geht, sondern auch die Zahl der Krankheitstage erfasst – und dabei weitere Einflussgrößen statistisch berücksichtigt.
Damit ist auch der methodische Kern klar: Für die Analyse wurden repräsentative Betriebs- und Beschäftigtenbefragungen zur Nutzung digitaler Technologien sowie Sozialversicherungsdaten aus dem Zeitraum 2011 bis 2019 ausgewertet. Gesundheit wurde auf zwei Arten gemessen: erstens durch Selbstangaben der Befragten auf einer Skala von 0 bis 10, zweitens durch die Zahl der Krankheitstage im Jahr vor der Befragung. Außerdem flossen statistische Kontrollen für Faktoren wie Alter, Einkommen, Bildung, frühere Gesundheit, Persönlichkeit, Branche, Beruf und Merkmale der Betriebe ein. Die Studie kommt zudem zu einem weiteren Punkt, der für Personal- und Digitalabteilungen wichtig ist: Es gibt keinen Hinweis darauf, dass steigende Löhne die gesundheitlichen Belastungen durch Digitalisierung ausgleichen.
Gleichzeitig endet die Auswertung nicht bei der Diagnose. Die Forschenden zeigen auch Ansatzpunkte, die den Zusammenhang abmildern könnten: Gezieltes Digital-Training und Unterstützung durch den Arbeitgeber. Betroffene Beschäftigte, die an Schulungen teilnahmen, wiesen laut Studie kaum schlechtere Gesundheit und keine zusätzlichen Fehlzeiten auf. Ebenso deutet die Analyse darauf hin, dass eine unterstützende Führungskultur entlastend wirken kann: Wenn sich Beschäftigte von ihren Vorgesetzten gut unterstützt fühlen, sinken die zusätzlichen Krankheitstage auch dann, wenn der Arbeitsplatz digitaler wird. Für Unternehmen bedeutet das: KI und andere digitale Systeme müssen nicht nur technisch integriert werden, sondern auch organisatorisch – mit Qualifizierung, klarer Erwartungssteuerung und einer Führungspraxis, die den Übergang in neue Arbeitsabläufe aktiv begleitet.
Aus Markt- und Umsetzungs-Sicht ist damit ein blinder Fleck vieler KI-Programme sichtbar. Viele Rollouts fokussieren auf die Einführung von Software, Schnittstellen und Automatisierung, während die „Human-in-the-Loop“-Komponente im operativen Alltag oft zu knapp geplant wird. Die Studie legt nahe, dass gerade körpernahe Arbeit durch neue digitale Anforderungen besonders empfindlich auf Kompetenzlücken reagiert. In der Praxis heißt das: Trainingsangebote sollten nicht als einmalige Einführungsveranstaltung enden, sondern auf konkrete Tätigkeiten und wechselnde Tools zugeschnitten sein. Zudem können Kennzahlen wie Schulungsbeteiligung, wahrgenommene Unterstützung und Fluktuation in belasteten Bereichen helfen, Technostress frühzeitig zu erkennen, bevor er sich in Fehlzeiten materialisiert.
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