ABU DHABI / LONDON (IT BOLTWISE) – Ari Emanuel beschreibt in „Roll the Calls“, wie sein Arbeitsalltag aus unzähligen Telefonaten besteht und wie stark sich die Unterhaltungsbranche heute über Plattformen, Rechte und Verhandlungen organisiert. Im Gespräch verknüpft er das Thema Künstliche Intelligenz mit der Frage, wie Inhalte bezahlt und lizenziert werden sollten, wenn KI digitale Ausspielungen erzeugt. Gleichzeitig skizziert er eine mögliche Verschiebung der Arbeitswelt: Wenn KI mehr übernimmt, könnte Zeit für Live-Erlebnisse wachsen, was wiederum die Wirtschaft um Tickets, Produktionen und Verteilung neu ordnet. Unterm Strich macht er deutlich, dass Rechtefragen und faire Vergütungsmodelle für Kreative zu den nächsten großen Konfliktfeldern gehören.

KI verändert die Medien- und Live-Branche: Ari Emanuel über Rechte, Arbeit und Verhandlungen
KI verändert die Medien- und Live-Branche: Ari Emanuel über Rechte, Arbeit und Verhandlungen (Foto: IT BOLTWISE)
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Ari Emanuel, 65, schildert in seinem Memoir „Roll the Calls“ nicht nur die Mechanik eines Agenten-Alltags, sondern auch die Logik einer Branche, die sich zunehmend wie ein Rechte- und Verhandlungsnetz organisiert. Seine Arbeit beginnt früh, sagt er, und besteht in Telefonaten, Textnachrichten und laufenden Absprachen mit Film- und TV-Produktionen, Sport- und Live-Formaten. Gerade dieser Detaillierungsgrad passt zur aktuellen Technologiewelle: Wer heute Medien vermarktet, muss nicht nur Talent und Timing managen, sondern auch bestimmen, wie sich digitale Reproduktionen, Trainingsdaten und neue Produktionswege in bestehende Geschäftsmodelle einfügen. Emanuel beschreibt das als ein Zusammenspiel aus „Puzzle“ und Management – und trifft damit einen Nerv, denn Künstliche Intelligenz wirkt in Medien nicht als theoretischer Fortschritt, sondern als Druck auf Vertragslogik: Wer darf welche Inhalte wie oft, in welcher Qualität und mit welchem wirtschaftlichen Anteil nutzen?

Technisch betrachtet geht es bei dieser Verschiebung weniger um „KI als Werkzeug“, sondern um KI als Distributions- und Produktionsschicht. Das heißt: Modelle können aus großen Mengen medialer Daten Muster lernen, und daraus folgen neue Formen von Inhaltserzeugung – von KI-gestützten Clips bis zu digitalen Rekombinationen, die in bestimmten Grenzen wie „virtuelle“ Fortsetzungen wirken. Emanuel argumentiert dafür, dass Künstlerinnen und Künstler ihre Bild- und Nutzungsrechte aktiv bewerten müssen: Startpunkt seien die Gilden und anschließend die Studios, weil letztere einen Großteil der Rechte an Produktionsassets bündeln. Damit verlagert sich die Diskussion von rein juristischen Auseinandersetzungen hin zu einer Art „Rate-Card“-Gedankenwelt: Welche Nutzungsdauer zählt, welche Auflösung, welche Häufigkeit der Wiedergabe und welcher Kontext? Der Agent bringt als Grundprinzip mit, dass Vergütung fällig ist, sobald KI für die Verwertung sichtbar eine Rolle spielt – und er warnt zugleich, dass einfache Pauschalantworten der Komplexität nicht gerecht werden. Für Unternehmen bedeutet das: Rechte-Engineering wird zu einem technischen Projekt, weil man ökonomische Parameter (z. B. „zwei Sekunden versus zwei Minuten“) in reale Nutzungs- und Abrechnungsprozesse übersetzen muss.

Aus Branchensicht spiegelt sich dieser Rechtefokus in der Art, wie Emanuel auch bei Live-Formaten und Vermarktung denkt. Er beschreibt seine Live-Events-Investments als Wette darauf, dass KI die Arbeitszeit reduziert und Menschen die gewonnene Zeit stärker für Erlebnisse nutzen. Sein Denkmodell lautet: Wenn mehr Tätigkeiten automatisiert werden und dadurch die effektive Wochenarbeitszeit sinkt, steigt vermutlich die Nachfrage nach Veranstaltungen – Konzerten, Box-Events und Theater. Gleichzeitig folgt daraus ein zweites, ebenso praxisnahes Argument: Selbst wenn KI Produktion effizienter macht, bleibt die „Hard Reality“ bei der Nachfrage bestehen – Tickets, Zeitfenster und Budgets der Konsumenten. Hier wird klar, warum die Frage nach gerechter Vergütung in einem Atemzug mit Live-Strategien auftaucht. Denn KI könnte einerseits die Produktionskosten senken und andererseits die Wertschöpfungspunkte verschieben: Wer heute am Produktionsset arbeitet, könnte in Zukunft stärker an Distribution, an Rechtepooling oder an vertraglich definierte digitale Nutzungen gebunden sein. Emanuel schlägt daher nicht nur wirtschaftliche Chancen vor, sondern zeigt auch, dass die gesamte Kette – Produktion, Lizenz, Ticketing und Regulierung – neu verkabelt werden muss.

Ein weiterer techniknaher Punkt steckt in Emmanuels Haltung zur Gestaltung von Verhandlungsrunden und Entscheidungsprozessen. Er beschreibt wiederholt, dass „Grauzonen“ normal sind und dass die Lösung in Koordination liegt: Man müsse überkommunizieren, alle Beteiligten in einen Raum holen und dann konkrete Betriebsmodelle bauen, statt nur Prinzipien zu diskutieren. Das ist für die KI-Ära besonders relevant, weil KI-Nutzung nicht nur eine Frage von „Erlaubnis“ ist, sondern auch eine Frage von Betriebsfähigkeit: Darf ein Modell ein Bildprofil wiedererkennen, darf es in bestimmten Formaten synthetisieren, und wie wird dokumentiert, dass eine bestimmte Person oder ein Werk nur im definierten Rahmen genutzt wurde? Emanuel verknüpft das mit einem praktischen Blick auf Konflikte zwischen Interessen, etwa wenn Vermarktung über mehrere Beteiligungs- und Besitzstrukturen läuft. Genau solche Konstellationen werden in der KI-Debatte häufiger: Ein Unternehmen kann gleichzeitig Inhalte besitzen, sie vermarkten und KI-Technologien entwickeln. Daraus entsteht ein Governance-Thema, das eher nach Produkt- und Compliance-Engineering klingt als nach reiner Medienpolitik – und das man in Verträgen, Auditierbarkeit und technischen Protokollen abbilden muss.

Sein Blick auf die „Starmaschine“ zeigt zusätzlich, wie KI die Talent- und Kreationslogik beeinflussen dürfte. Emanuel glaubt, dass es weiterhin Menschen braucht, um Inhalte mit Bedeutung zu produzieren. KI kann dabei helfen, die Arbeitsschritte zu beschleunigen oder neue Werkzeuge bereitzustellen – aber die eigentliche kulturelle Wirkung hängt an menschlicher Leistung, Casting, Regie und daran, dass Publikum Authentizität wiedererkennt. Damit ist er zwar nicht gegen KI, aber auch nicht blind: Er sieht die Gefahr, dass digitale Varianten nur dann akzeptiert werden, wenn sie fair in die Wertschöpfung eingebunden sind. In diesem Punkt liegt auch die wirtschaftliche Konsequenz: Wenn KI die Produktionsgeschwindigkeit erhöht, entstehen mehr „Formate“, die Finanzierung und Rechtevergabe müssen aber ebenfalls skalieren. Unternehmen, die jetzt in KI investieren, stehen daher vor einem doppelt anspruchsvollen Ziel: Sie müssen technische Pipeline-Anforderungen (Datenquellen, Verarbeitung, Modellnutzung) erfüllen und parallel eine Vermarktungs- und Lizenzlogik entwickeln, die Kreative nicht nur „verwendet“, sondern bezahlt und kontrollierbar einbindet.

Für die nächsten Schritte heißt das aus Sicht von Technologie- und Medienführung vor allem eines: Rechteverhandlungen müssen operationalisiert werden. Emanuel fordert zwar den Dialog und den Start über Gilden, aber die praktische Umsetzung landet letztlich in Systemen, in denen KI-Trainingsdaten und KI-Ausspielungen nachweisbar sind – zum Beispiel durch klare Lizenzgrenzen, Nutzungsmetriken und dokumentierte Freigaben. Zusätzlich wird die Arbeitswelt-Komponente nicht als Marketingversprechen funktionieren, sondern als Planungshypothese: Wenn die Nachfrage nach Live-Formaten tatsächlich wächst, müssen Ticketing, Produktionskapazitäten und regionale Angebote schneller skalieren können. Und wenn gleichzeitig die Kreativen eine neue Vergütungsebene für digitale Nutzung wollen, dann wird die Schnittstelle zwischen Recht, Ökonomie und KI-Engineering zum zentralen Engpass. Emanuels Kernaussage bleibt dabei überraschend konsistent: Ohne eine klare Gesprächsbasis und ohne fairen Austausch wird die KI-Diskussion in der Medienbranche nicht ruhig, sondern nur anders gelagert – vom Set hin zu Daten, Modellen und Verteilungsmechanismen.


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